IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Arbeit ist mehr als eine Beschäftigung, für die man Geld bekommt.

Gisela Notz

Die großen Gesellschaftstheorien, die sich mit Arbeit befassen, ignorieren die Leistung der Frauen für die Erschaffung und den Erhalt der Gesellschaft (Reproduktionsarbeit). Weder Karl Marx noch Max Weber haben die unbezahlte Arbeit als Basis für die Entwicklung des Kapitalismus betrachtet. Die Arbeiten im Haus und bei der Erziehung der Kinder fallen nicht unter die Definition Arbeit, weil sie bekanntlich keinen Lohn einbringen und angeblich auch unbezahlbar sind. Aus dieser Ignoranz entsteht eine Reihe von Problemen, denn die Arbeiten, die nicht Erwerbsarbeiten sind, sind gesellschaftlich ebenso notwendig wie die Erwerbsarbeit.

Was ist Arbeit?

Die heutige westliche „Arbeitsgesellschaft“ ist im Wesentlichen immer noch so strukturiert, dass von einem „Normalarbeitsverhältnis“ ausgegangen wird, in dem Männer einer Erwerbsarbeit nachgehen, während der Arbeitsbereich der Frauen in Familie und im sozialen Ehrenamt verortet ist, allenfalls ergänzt durch einen weiblichen „Zuverdienst“. Diesem Arbeitsverständnis liegt die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nach dem Vorbild der bürgerlichen Kleinfamilie zugrunde, wie sie sich Mitte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Auch die Arbeitsmänner der unteren Schichten drängten nach diesem Familienmodell, obwohl es für Arbeiterhaushalte nie funktioniert hat, weil der Verdienst des „Haupternährers“ meist gar nicht ausreichte, um die Familie zu ernähren.

Der immer noch und immer wieder als „Restbereich“ bezeichnete Teil der menschlichen Arbeit, die Arbeit, die für die sog. Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft notwendig ist, bleibt in den meisten Veröffentlichungen über Vorstellungen zur Arbeit auch heute meist privat, unbezahlt, angeblich unbezahlbar, jedenfalls unsichtbar. Menschen, die außerhalb bezahlter Lohnarbeit Arbeiten verrichten, wurden nie zu denjenigen gezählt, die gesellschaftliche Arbeit leisten, wie der Blick in die Geschichte der Frauenarbeit beweist. Freilich ist die Positionierung der Frauen in Küchen und Kinderzimmern nicht ohne ihr Zutun zu begreifen, und die bloße Behauptung, die Hausarbeit sei ebenso produktive Arbeit, die in Verbindung mit der in den großen Fabriken geleisteten Arbeit für die Vergrößerung des Mehrwerts sorge, ändert (noch) nichts an den geschlechterhierarchischen Zuschreibungen und an der Tatsache, dass diejenigen, die sie leisten, von ihrem Ertrag nicht existieren können.

Das Beharren auf einem Verständnis von Arbeit als Produktionsarbeit stützt sich nicht zuletzt auf die Marx’sche Darstellung im ersten Band des Kapital. Danach bildet der Arbeitsprozess die allgemeine Grundlage des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur. Arbeit dient (unter kapitalistischen Bedingungen) ausschließlich der Herstellung von Gebrauchswerten als Tauschwerten. Sie basiert auf dem Zusammenwirken vieler lohnarbeitender Individuen. Durch die Gesamtheit verschiedener Arbeitstätigkeiten wird der Marx’schen Theorie zufolge die materielle Grundlage des Lebens geschaffen.

Arbeit ist nach Marx auf ein wirtschaftliches Ziel gerichtete planmäßige Tätigkeit, für die geistige und körperliche Kräfte eingesetzt werden. Sie ist auf die Erzeugung eines gesellschaftlichen Produkts gerichtet und somit Mittel zur Befriedigung menschlicher Lebensbedürfnisse. Die zur menschlichen Reproduktion notwendige unbezahlte Arbeit findet nach Marx außerhalb der Erwerbsarbeit statt und gehört nicht zur Lohnarbeit, ist also Nichtarbeit und daher keine Arbeit. Sie ist – der Marx’schen Theorie zufolge – „zweckfreie Tätigkeit“. Dass „zweckfreie Tätigkeiten“ oder „Arbeit ohne Zwangscharakter“, wie Marx sie auch nennt, „verdammter Ernst“, also harte Arbeit sein kann, wird auch von ihm gesehen.

Allerdings versteht er darunter offenbar eher künstlerische Tätigkeiten als Hausarbeit, wie aus folgendem Zitat deutlich wird: „Wirklich freies Arbeiten, z. B. Komponieren, ist gerade zugleich verdammter Ernst, intensivste Anstrengung“. Dass sich die Anstrengung auch auf künstlerische Arbeiten bezieht, die nicht der Lohnarbeit unterliegen, kann kaum bestritten werden. Aber ist Hausarbeit „Arbeit ohne Zwangscharakter“?

Kriterien für einen erweiterten Arbeitsbegriff

Notwendig wird eine feministische Wissenschaftskritik, die den traditionellen Begriff Arbeit kritisiert und als völlig falsch entlarvt. Die bloße Erweiterung des Arbeitsbegriffs um Reproduktionsarbeiten oder Care-Tätigkeiten reicht nicht aus. Die Kritik der Arbeit in kapitalistischen Verhältnissen zielt über die Forderung nach Einbeziehung aller jetzt unbezahlt geleisteten Arbeiten in die Lohnform hinaus, wie es z. B. die Hausarbeitsdebatte der Frauenbewegung der 1970er Jahre beinhaltete. Schließlich geht es um eine Kritik an der Lohnförmigkeit auch der jetzt bezahlt geleisteten Arbeit und der Abhängigkeit der bloßen Existenz vom gezahlten Lohn. Diese Kritik muss geschlechtsspezifisch und klassenspezifisch zugleich geführt werden und sie muss auch die Inhalte aller Arbeitsbereiche erfassen sowie die Scheidung zwischen dispositiven Faktoren (Planung, Anweisung, Organisation) und ausführenden Faktoren in allen Arbeitsbereichen enthalten. Ebenso muss sie die Ausrichtung auf lebenslange Ganztagsarbeit (für Männer) kritisieren wie auch die Ausrichtung auf lebenslange Sorgearbeit (für Frauen). Neben die Problematisierung inhumaner fremdbestimmter Arbeitsbedingungen in der Produktionsarbeit muss die Problematisierung des kommunikationslosen Charakters der Arbeit in den Küchen und Kinderzimmern treten, die ebenso wie viele Formen der „Eigenarbeit“, Subsistenzarbeit und anderer nicht marktvermittelter Versorgungsarbeit vom toten Kapital definiert wird, ebenso wie die Arbeit in der großen und kleinen Fabrik. Sie ist nicht allein schon deshalb humaner, weil sie angeblich unbezahlbar ist.

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist, dass sowohl im Bereich der (jetzt) bezahlt geleisteten Arbeiten als auch im Bereich der (jetzt) unbezahlt geleisteten Arbeiten gesellschaftlich notwendige und nützliche Tätigkeiten verrichtet werden. Umgekehrt fallen in beiden Bereichen Tätigkeiten an, die diesen Kriterien nicht entsprechen. Soll (zunächst) die Trennung zwischen Produktions- und Reproduktionsarbeit beibehalten werden. So wäre unter „Produktionsarbeit“ die instrumentell gebundene, zielgerichtete, gesellschaftlich nützliche Tätigkeit in Produktion und Dienstleistung zu verstehen.

Tätigkeiten jenseits der Lohnarbeit (oder einer anderen das Einkommen sicherstellenden Erwerbsarbeit), die zur Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft und des menschlichen Lebens notwendig sind, wären dann „Reproduktionsarbeiten“. Der Reproduktionsbereich bezeichnet jedoch nach dieser Definition kein „Reich der Freiheit“, das dem „Reich der Notwendigkeit“ entgegengesetzt ist. Die Arbeiten, die dort geleistet werden, sind vielfältig strukturiert und stets komplementär zum Produktionsprozess. Durch die Abkoppelung von der unmittelbaren Einflussnahme des kapitalistischen Verwertungsprozesses werden dort Zeitstrukturen, Arbeitsformen und psychisch- emotionale Beziehungsweisen möglich, ohne die die Lebens- und Arbeitsfähigkeit der Individuen nicht erhalten und erzeugt werden könnten. Produktions- wie Reproduktionsarbeiten können sowohl mit Mühsal verbunden sein, wie auch Befriedigung, Lust und Selbstbestätigung verschaffen.

Dieser „erweiterte“ Arbeitsbegriff umfasst alle Formen von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit. Er schließt auch jene Aktivitäten ein, die Hannah Arendt in „arbeiten“, „herstellen“ und „handeln“ unterteilt, also die Aktivitäten zur Sicherung der Gattung und des Am-Leben-Bleibens, die Produktion einer künstlichen Welt von Dingen, „die unserem flüchtigen Dasein Bestand und Dauer entgegenhält“ (= herstellen), und das Handeln, das „der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient“. Jede Aktivität greift gestaltend und kulturbildend in unsere Verhältnisse ein, zwar nicht jede mit gleichem Gewicht, aber keine ohne Bedeutung. Arbeit ist danach sowohl bezahlte Erwerbsarbeit – die wiederum zu unterteilen ist in prekäre Erwerbsarbeit, Teilzeitarbeit, tariflich abgesicherte Arbeit und selbstständige Arbeit –, als auch Haus- und Sorgearbeit, Erziehungsarbeit, Pflegearbeit für Alte, Kranke und Behinderte, unbezahlte Konsumarbeit, Subsistenzarbeit, ehrenamtliche oder freiwillige politische und kulturelle Arbeit, bürgerschaftliches Engagement, „freiwillige“ unbezahlte soziale Arbeit, unbezahlte Arbeit in Selbsthilfegruppen. Ein Arbeitsbegriff, der sich auf die Analyse des gesamten Spektrums von Arbeit bezieht, unabhängig von der Entlohnung, muss allerdings auch von verschiedenen Arbeitsorten ausgehen: Neben Industriebetrieben, kleinen und mittleren Unternehmungen, Verwaltungen und Projekten und Betrieben aus der Alternativökonomie sind das Einrichtungen im Sozial- und Gesundheitsbereich, Wohlfahrtsorganisationen, Vereine und Verbände, die bürgerschaftliches Engagement und ehrenamtliche Arbeit organisieren, Projekte der sozialen Bewegungen und freilich auch Familien oder andere Wohn- und Lebensgemeinschaften, in denen Haus- und Sorgearbeit organisiert wird. Ein solcher Arbeitsbegriff erfordert einen erweiterten Begriff von Wirtschaft, der Erwerbs-, Gemeinwesen-, Versorgungs-, Subsistenz- und Haushaltsökonomie und auch künstlerische Arbeit miteinbezieht, die oft quer zu den Arbeitsbereichen liegt, einschließt und als gleichgewichtig betrachtet. Es geht um einen Ökonomiebegriff, der den Zusammenhang zwischen Reproduktion und Produktion herstellt sowie die Trennung zwischen ökonomischen und (scheinbar) außerökonomischen Bereichen und deren geschlechtsspezifische Verteilung überwindet. Erst durch einen umfassenden Arbeitsbegriff wird auch die Neubewertung und Neuverteilung der „ganzen Arbeit“ möglich. Schließlich geht es darum, die gesamte (jetzt) bezahlt und (jetzt) unbezahlt geleistete gesellschaftlich notwendige Arbeit gerechter und gleichberechtigter zu verteilen. Schließlich geht es um die Aufhebung der entfremdeten Arbeit und um „persönlichkeitsfördernde Arbeit“ in allen Arbeitsbereichen sowie um die Teilhabe von Männern und Frauen am ganzen Leben. Ziel wäre eine Gesellschaft, in der die „freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die frei Entwicklung aller ist“, wie es Marx/Engels bereits 1848 im Manifest der Kommunistischen Partei schrieben.

Gisela Notz, Sozialwissenschaftlerin und Historikerin, lebt und arbeitet in Berlin.