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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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„… Künstler*innenhonorare und das bedingungslose Grundeinkommen durchzusetzen …“

pay the artist now! im Gespräch Mit Sheri Avraham, Vasilena Gankovska und Lluís Lipp

Bildpunkt: Vasilena und Sheri, ihr seid beide im Vorstand der IG Bildende Kunst. Die IG hat jetzt die Kampagne pay the artist now! ins Leben gerufen. Worum geht es dabei genau?

V.G.: Wir wollen die Verankerung von angemessenen Honoraren für bildende Künstler_innen in allen öffentlich geförderten Kunstinstitutionen österreichweit. Das ist unser Ziel, das wir seit einigen Jahren in der IG BILDENDE KUNST verfolgen. Dabei ist es ganz wichtig, mit allen wichtigen Akteur_innen zu sprechen, Bewusstsein zu schaffen und eine breite Unterstützung zu erlangen.

Sh.A.: Mit dem Thema Lohn zielt die Kampagne der IG auf ein neues Denken und auf neue Praktiken für Künstler_innen. Ähnlich wie u.a. in Deutschland, England, Israel und Schweden geht es auch hier darum, gegen die Selbstverständlichkeit vorzugehen, dass Kunst gratis ist. Im letzten Jahr haben wir begonnen, eine Honorarrichtlinie für die IG Galerie zu entwickeln und auszuformulieren. Und im kommenden Jahr werden wir gemeinsam mit Künstler_innen, Kulturarbeiter_innen und Kunst-Institutionen den Prozess ausweiten, bis sich der Lohn für Künstler_innen normalisiert hat.

Bildpunkt: Lluís, du bist Initiator des Kunstfestivals Dreisechsfuenf. Ihr versteht euch als „Plattform für den künstlerischen und kulturpolitischen Diskurs“, habt aber auch eine konkrete Form der Kritik an den finanziellen Entlohnung im Kunstfeld entwickelt. Worin besteht sie?

L.L.: Finanzielle Entlohnungen sind entweder unzureichend oder inexistent. Wir haben uns überlegt, wie wir anhand solidarischer Konzepte und langfristiger Kooperationen ein Netzwerk aufbauen können, über das finanzielle Lasten aber auch Ressourcen zwischen Ausstellungsmacher*innen aufgeteilt werden. Wir haben versucht, alternative Finanzierungmodelle in Form von Mikromäzenatentum aufzubauen und mit einer Demo für die Förderung von Kunst die Öffentlichkeit zur Unterstützung aufgerufen. In Zukunft wollen wir allen teilnehmenden Künstler* innen und Kurator*innen ein fixes Honorar ausbezahlen und das als Grundvoraussetzung für unsere Ausstellungspraxis etablieren. Wir glauben, dass dieser Schritt nicht nur ökonomisch sondern auch als politisches Symbol notwendig ist.

Bildpunkt: Obwohl der Kunsthandel so alt ist wie die Autonomie der Kunst selbst, hat sich das Feld der Kunst doch antiökonomisch konstituiert: Lange Zeit galt es als anrüchig und geradezu „unkünstlerisch“, mit Kunst Geld zu verdienen. Selbst aktuelle Befragungen auf der Art Basel lassen ein deutlich distanziertes Verhältnis zum Geld erkennen, auch wenn es auf der Messe eigentlich nur ums Verkaufen geht. Ist diese anti-ökonomische Struktur der Grund, warum die Forderung nach bezahlter Arbeit im Kunstfeld erst in den letzten Jahren, also doch relativ spät aufkommt?

L.L.: Es hat sich vor allem das Berufsbild der Künstler*innen verändert, von der Herstellung von Produkten hin zu einer Tätigkeit, die oft eher als Dienstleistung verstanden werden kann. Viele arbeiten wie Forscher*innen und untersuchen spezifische Felder. Um dieser Arbeit nachgehen zu können, bedarf es Förderungen und Stipendien, an denen es natürlich mangelt. Sich kleine Fangemeinden aufbauen, die eventuell auch zur Finanzierung der eigenen Projekte etwas beitragen können, ist möglich, aber auch sehr arbeitsintensiv. Das Bewusstsein, dass jede/r etwas zur Finanzierung von Kunstschaffenden beitragen kann, muss aber auch erst einmal geschärft werden. Forderungen nach bezahlter Arbeit und das Sichtbarmachen der selbstausbeuterischen Praxis sind dafür brauchbare Instrumente.

Sh.A.: Ich glaube nicht, dass die Forderung nach bezahlter Arbeit erst in den letzten Jahren aufkommt. Es gab immer wieder Künstler_innen, die das Thema aufgebracht haben, so etwa Michael Druks, der 1974 ein Selbstportrait mit Preisschild (4.49ƒ) hat drucken lassen. Darüber hinaus ist deutlich zu beobachten, dass sich nicht mehr nur die traditionelle Mittelschicht mit Kunst- und Kulturarbeit beschäftigt. Dadurch wird die Notwendigkeit für geregelten Lohn bzw. geregelte Bezahlung erhöht.

V.G.: Ich verfolge die internationalen Entwicklungen zum Thema Künstler_innen-honorare seit einigen Jahren. Ich denke, dass der Grund in den immer schwierigeren Lebens- und Arbeitsrealitäten zu suchen ist. Aber das hat auch mit einem veränderten Künstler_innenbild zu tun. Manche wollen die künstlerische Tätigkeit nicht von einer gewöhnlichen Tätigkeit unterscheiden und somit wird die Idee vom „Artist as Worker“ zentral.

Bildpunkt: Der Soziologe Franz Schultheis beschreibt die Existenz vieler KünstlerInnen als ständigen Spagat zwischen Brot- und Wunschjob. Und er diagnostiziert eine damit einhergehende „Rollenambivalenz zwischen zwei inkompatibel erscheinenden Sozialfiguren“. Ihr seid ja KünstlerInnen, wie erfahrt ihr selbst diese Ambivalenz?

V.G.: Es ist generell nicht einfach darüber zu sprechen, wie eine_r ans Geld kommt. Alle wissen, dass die meisten Kolleg_innen Nebenjobs haben, die nicht unmittelbar mit dem Kunstfeld zu tun haben, trotzdem wird dieses Wissen oder diese Erfahrung nicht geteilt. Es wäre hilfreich, wenn wir alle uns öfters darüber austauschen könnten. Wir sollten uns nicht voreinander verstecken, sondern gemeinsam über die Ambivalenz sprechen und diese überwinden. So würde ich mich mit dieser Fragestellung nicht allein fühlen.

Sh.A.: Diese Ambivalenz wird dadurch problematisch, dass die sogenannten Brotjobs eigentlich eine Art von finanzieller Stabilität geben sollten, durch die das Lebensnotwendige abgedeckt ist. Aber das ist oft nicht der Fall. Meistens sind diese Jobs gerade nicht stabil, nicht dauerhaft, nicht geregelt, sondern prekär und bekannt für ihre nicht optimalen Arbeitsbedingungen oder die „Selbstausbeutung“. Der Spagat gleicht einem ständigen Nachlaufen – nach Zeit, nach korrekter Steuererklärung, nach Sozialversicherung, nach dem nächsten Projekt, nach neuen Einreichung und Berichten etc., das neben der künstlerischen Praxis noch bewältigt werden muss.

L.L.: Auf diese Bedingungen gilt es zu reagieren und dagegen Strategien zu entwickeln. Entweder, so wie ich, im ständigen Spagat zu leben oder ein hohes Risiko auf sich zu nehmen. Beide Situationen erscheinen mir nicht als besonders erstrebenswert. Wir sollten uns glücklich schätzen, dass es so viele Leute gibt, die dazu bereit sind, qualitativ hochwertige Arbeit ohne Bezahlung zu leisten und die damit einen Standort wie z.B. Wien spannend machen. Wir sollten aber dafür kämpfen, diese Situation zu verbessern, indem wir Künstler*innenhonorare und das bedingungslose Grundeinkommen durchsetzen.

Bildpunkt: Die Forderung nach bezahlter Arbeit hat ja auch außerhalb des Kunstfeldes eine lange Tradition. Feministische Kämpfe etwa sind schon vor vierzig Jahren um die Bezahlung von Hausarbeit geführt worden, für die angemessene Vergütung von Care-Arbeit wird ebenfalls seit einigen Jahren gestritten. Seht ihr euch in der Tradition solcher Kämpfe? Wo gibt es Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede?

V.G.: Natürlich hat unser Kampf auch mit den zwei angesprochenen Topics zu tun. Abgesehen davon herrscht in der Kunstwelt ein massiver Gender Pay Gap und oft bekomme ich zu hören, dass Künstler bessere Honorare ausverhandeln können als ihre Kolleginnen. Es ist aber auch eine Frage der Präsenz, wer überhaupt große Projekte und Unterstützung in Kunstinstitutionen bekommt und somit mehr Sichtbarkeit und ggf. Geld. Die Frage der Bezahlung kann nicht ohne eine feministische Perspektive betrachtet werden.

Sh.A.: Die Forderung nach bezahlter künstlerischer Arbeit zielt auf die Bezahlung von allen. Es ist kein Geheimnis, dass es vorkommt, in ein und derselben Ausstellung Arbeiten zu finden, die sehr gut bezahlt sind, neben welchen, die Künstler_innen auf eigene Kosten ausstellen. Es ist eine zentrale Forderung an Kunstinstitutionen – gerade jene, die öffentliche Gelder beziehen –, eine gerechte Bezahlung zu gewährleisten.

L.L.: Ich glaube nicht, dass kulturpolitische Forderungen zu stellen mit feministischen Kämpfen verglichen werden kann. Kunstschaffende wählen ihren Werdegang ja bewusst aus und werden keiner strukturellen Diskriminierung unterzogen. Ähnlich wie bei der Hausarbeit werden künstlerische Tätigkeiten nicht genügend honoriert, da gilt es viel Sensibilisierungsarbeit zu betreiben. Dass sowohl Haus- als auch Pflege- oder eben Kulturarbeit wichtige gesellschaftliche Funktionen erfüllen, will in viele leistungsorientierte Köpfe nicht reinpassen. Dafür, dass sich da etwas verbessert, muss aber auch die Solidarität zwischen Kunstschaffenden gestärkt werden.

Sheri Avraham ist Künstlerin und Theatermacherin. Sie sieht ihre Arbeit als Übersetzungsprozess zwischen Klassen und Geographien. Seit 2013 schreibt sie Theaterstücke und führt Regie. Seit Juli 2018 ist sie Vorsitzende der IG Bildende Kunst.

Vasilena Gankovska ist bildende Künstlerin und Vorstandsmitglied der IG Bildende Kunst.

Lluís Lipp ist ein in Wien lebender Künstler und Kurator, der an der Schnittstelle zwischen Kunst und Kunstvermittlung agiert. Er studierte transmediale Kunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien und ist Initiator des Kunstfestivals Dreisechsfuenf.

Das Gespräch wurde im Oktober 2018 von Jens Kastner per Email geführt.

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