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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Transformationsarbeit

Editorial

Es herrscht ein raues Arbeitsklima, die Umgangsformen sind so freundlich kalkuliert wie stumpf und sexistisch. Das alte Ideal künstlerischer Qualität ist einen Dreck wert, wenn die Kasse nicht stimmt, „niemand sieht noch Prestige, wo es keinen Gewinn gibt.“ Es geht zwar um die Filmbranche, aber der Eindruck, den Virginie Despentes in ihrem Roman Das Leben des Vernon Subutex hier vermittelt, lässt sich sicherlich auch im Feld der Kunst gewinnen. Der Kunstmarkt gewinnt an Einfluss, Preise sind als Gütekriterien für Kunst längst nicht mehr so verpönt wie in der Prä-Warhol-Ära. Zugleich wird aber im Kunstfeld wie in keinem anderen gesellschaftlichen Bereich auf die Anziehungskraft symbolischen Kapitals, also auch auf Prestige jenseits finanziellen Reibachs gesetzt: Unbezahlte Ausstellungen und Auftritte sind ganz normal, es haben ja angeblich alle was davon (nämlich zukünftigen Ruhm). Im Rahmen der Kampagne pay the artist now! der IG Bildende Kunst ist deshalb auch die Parole „Pfeif auf das symbolische Kapital“ auf Taschen gedruckt worden. Gesagt sein soll damit, dass Kunst Arbeit ist und bezahlt werden muss!

Aber der Slogan ist natürlich ambivalent. Es gab für Pierre Bourdieu im Wesentlichen zwei Gründe, Phänomene wie Prestige, Reputation und Ruhm überhaupt „symbolisches Kapital“ zu nennen. Einerseits sollte klar gemacht werden, dass sozialer Austausch nicht nur aus Kommunikation und mehr oder weniger harmlosen Interaktionen besteht, sondern dass immer Ressourcen („Kapital“) im Spiel sind, die die Durchsetzung von Zielen und Interessen mehr oder weniger wahrscheinlich machen. Diese Ressourcen sind andererseits aber nicht nur ökonomischer Art, sondern eben auch „symbolisch“, d.h. sie beruhen auf Sozialisationsprozessen und manifestieren sich in Glauben (etwa an den Wert von Kunstwerken) und in Denkweisen. Symbolisches Kapital kann mittels einer komplexen „Transformationsarbeit“ (Bourdieu) auch in ökonomisches Kapital verwandelt werden. Dass Prestige auch Geld einbringt, ist im Kunstfeld so evident wie sonst kaum irgendwo. Hier ist es letztlich gar nicht möglich, auf das symbolische Kapital zu pfeifen. Es doch zu tun, würde den Selbstausschluss aus dem Feld bedeuten, also das Ende des KünstlerInnendaseins.

Offensichtlich ist jedoch ebenfalls – oder sollte es sein –, dass symbolisches Kapital nur akkumuliert werden kann, wenn ökonomisches vorhanden ist. Deshalb ist pay the artist now! auch die richtige Parole zur richtigen Zeit. Denn sie reagiert nicht nur auf lang gehegte Praktiken in der Kunst. Sie steht auch in der Tradition der feministischen Forderungen nach bezahlter Haus- und Reproduktionsarbeit. Damit adressiert die Kampagne auch die wachsende globale kulturelle und soziale Ungleichheit. Notwendig ist hier eine ganz andere Art von Transformationsarbeit. Denn nur die wenigsten haben, wie die Bohemien-FreundInnen von Vernon Subutex, die „über der Belanglosigkeit des Materiellen“ schweben, reiche Eltern.

Wie immer mit sozialbewegten, kulturtheoretischen und kunstpolitischen Verknüpfungen erscheint diese Bildpunkt-Ausgabe parallel zur Kampagne der IG Bildende Kunst. Zur gleichen Zeit haben wir das Bündnis alternativer Medien (BAM!) mitgegründet – mehr dazu in einer der nächsten Ausgaben!

Jens Kastner, koordinierender Redakteur



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