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Krisen verstehen

Editorial

„Die menschliche Krise“, schrieb der Kulturwissenschaftler Raymond Williams am Ende seines Buches Culture and Society (1957), „ist immer eine Krise des Verstehens: Was wir wirklich verstehen, können wir tun.“

Die Welt scheint aus den Fugen. Die liberale Demokratie ist in der Krise, der Kapitalismus schlittert von einer zur nächsten, Krisenratgeber füllen die Buchhandlungen, gefährliche Eskalationen und Wendepunkte überall. Der arabische Frühling und die Platzbesetzungen der Jahre 2011ff. werden mit einer globalen Konterrevolution beantwortet. Die ultrarechten Bewegungen und Parteien in West- und Osteuropa und in den USA untergraben die etablierten Institutionen und das emanzipatorische Erbe. Bloß die Krise des Kunstmarktes, meldete das Handelsblatt im Frühjahr 2018, dauerte nur kurz: „Das Millionenspiel geht weiter.“ Aber klar ist auch, dass die Kunstmärkte nur ein kleines Segment des künstlerischen Feldes sind und ohnehin „weder in Phasen rasanten Aufschwungs noch in Krisenzeiten ein echtes ökonomisches Eigenleben führen.“

Die multiplen Krisen sind Übergangserscheinungen, Zwischenräume, Kämpfe mit offenen Ausgängen. Die herrschenden Klassen tendieren in Krisen zu autoritären Politiken und fahren „materielle Zugeständnisse und demokratische Einhegung ihrer Macht“ zurück, wie Alberto Acosta und Ulrich Brand in ihrem aktuellen Buch Radikale Alternativen schreiben. Aber das Buch hätte nicht den Titel, den es hat, würde die Krise nicht auch Räume öffnen. Die Krise ist nie bloß Niedergang und Verfall. Die Krise hat zweifelsohne auch viele Menschen politisiert, wie etwa die Cultural Studies-Theoretikerin Angela McRobbie im Spiegel-Interview betont. „Wir erleben einen feministischen Frühling“, sagt sie. Den Verlauf von Krisen und ihre Effekte bestimmten die Konflikte, die in ihnen zu Tage treten und geführt werden. Die Krise eröffnet also auch Möglichkeiten. Nur welche? Und sind die Akteur*innen des Kunstfeldes wirklich die Krisengewinnler*innen? Oder sind wir, die Schöpfer*innen der sozialen Welt doch, wie der Politikwissenschaftler John Holloway meint, die Krise des Kapitals? Die Rolle der Kultur in den Netzwerken der währungs-, geo- und ökologisch-soziopolitischen Krise diagnostiziert diese Ausgabe des Bildpunkt.

Dabei legen wir wie immer die Schwerpunkte auf die Schnittstellen von Kunstpraxis, Theorie und Aktivismus. Intersektionalität ist uns dabei ebenso ein permanentes Anliegen wie transnationale Perspektiven. Hinsichtlich der politischen Positionierungen haben wir bewusst die Pole der Verweigerung auf der einen und der kritischen Involvierung auf der anderen Seite ins Heft gebracht (Holloway vs. Sader). Der Bildpunkt leistet mit all dem vielleicht einen bescheidenen Beitrag zu jenem Verständnis, das nach Williams das Tun ermöglicht.

Jens Kastner, koordinierender Redakteur



Bildpunkt: Krise und Konflikt
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