IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Krise & Konflikt im Buch

Jens Kastner

Ausgerechnet die Publikumswirksamkeit des von Damien Hirst mit Brillanten bestückten Totenkopfes sieht Holger Liebs als Beleg dafür, „wie die Demokratisierung des Kunsterlebnisses und der Kunstboom miteinander zusammenhängen“. Der Kunsthistoriker schreibt das in dem von ihm herausgegebenen Band Die Kunst, das Geld und die Krise. Der Handel mit Kunst hat historisch zweifellos zu ihrer Unabhängigkeit (von Adel und Kirche) beigetragen. Aber deshalb ist die Ökonomisierung noch lange nicht mit der Ausweitung demokratischer Partizipation gleichzusetzen. Daniel Birnbaum spricht im gleichen Buch in Bezug auf die Kunst von einer „neuartigen finanziellen Sklaverei“. Dass der Markt emanzipatorische Effekte hat, weist auch Barbara Sichtermann in einer der Einschätzungen zu den Revolten von 1968 zurück, die im Wetterbericht betitelten Buch zusammengetragen wurden. Sie erinnert dankenswerter Weise daran, dass Marktfreiheit „nichts mit der Freiheit zu tun [hat], die die 68er meinten“. Im selben Buch fordert die Politikwissenschaftlerin Petra Dobner dementsprechend gegenwärtig „nicht weniger ’68, sondern mehr“ als Strategie gegen die Krise der Repräsentation und das Erstarken des Rechtspopulismus. Das könnte auch als Mittel gegen den „Verfall des Politischen in der Politik“ angebracht erscheinen, den die Politikwissenschaftler Danny Michelsen und Franz Walter konstatieren. Mit radikaldemokratischen Modellen allerdings können sich die beiden auch nicht so recht anfreunden; Jacques Rancìeres‘ Vorstellung von Demokratie, die nur der „Konstanz ihrer eigenen Handlungen anvertraut“, also permanente Mobilisierung ist, füge sich allzu leicht in die neoliberale Antistaatlichkeit ein. Auf „umfassende Partizipation“ vor allem auf lokaler Ebene setzen sie aber dennoch. Die Dominanz der Finanzmärkte (über weit mehr als die Kunst) erklärt Ulrike Herrmann von der Entstehung des Kapitalismus im 18. Jahrhundert bis heute. Warum die Krise zum Kapitalismus gehört und wieso die Finanzkrise „Arbeitsplätze und Umsatz kostet“ ist nicht oft in so eingänglichen Worten beschrieben worden. Die Krisendiagnostik spart auch nicht mit klaren Ansagen wie jener, dass die Industrieländer vor einer Alternative stehen, die eigentlich keine ist: „Entweder sie verzichten freiwillig auf Wachstum – oder die Zeit des Wachstums endet später gewaltsam, weil die Lebensgrundlagen zerstört sind.“ Im Zentrum des Sammelbandes von Mezzadra und Fumagalli steht die „Biomacht des Finanzsektors“, die auf unser aller Leben zugreift. Die mit dem Kapitalismus einhergehenden Krisen werden als Prozesse mit offenen Ausgängen beschrieben. Sie sind durch soziale Kämpfe geprägt. Es geht den Beiträgen um die Analyse, aber auch um poltisch-strategische Ausrichtungen in Richtung eines Terrains des Gemeinsamen, auf dem wir „Gleichheit und Freiheit aufs Neue erfinden können.“ Außerdem sind die 295 (!) Textbeiträge aus dem Reader What’s next? Kunst nach der Krise. Ein Reader online verfügbar und hier, ohne die Krise zu kriegen, unmöglich noch zu würdigen.

Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und unter - richtet an der Akademie der bildenden Künste Wien. www.jenspetzkastner.de

Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals: Wie der Reichtum in die Welt kam. Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen. Frankfurt am Main 2015 (Piper Verlag).

Holger Liebs (Hg.): Die Kunst, das Geld und die Krise. Köln 2009 (Verlag der Buchhandlung Walther König).

Sandra Mezzadra / Andrea Fumagalli (Hg.): Die Krise denken. Finanzmärkte, soziale Kämpfe und neue politische Szenarien. Münster 2010 (Unrast Verlag).

Danny Michelsen / Franz Walter: Unpolitische Demokratie. Zur Krise der Repräsentation. Berlin 2013 (Suhrkamp Verlag).

Susanne Schüssler (Hg.): Wetterbericht. ’68 und die Krise der Demokratie. Berlin 2017 (Wagenbach Verlag).



Links