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Aus dem Utopischen Halbdunkel im Buch

Jens Kastner

Eine kulturelle Aufgabe sei es, die Menschen wieder zu erreichen und für eine linke Politik zu begeistern. Dazu bedürfe es auch eines Bruchs in den eigenen Organisationen der Linken. „Kein noch so trickreiches Organisationsmodell“, schreibt Lutz Brangsch im transform!-Jahrbuch, „kann diesen subjektiv zu vollbringenden Schritt ersetzen.“ Dennoch kommen kulturtheoretische Überlegungen in dem Sammelband kaum vor, dafür besticht er mit politikwissenschaftlichen Analysen zur Lage der linken Parteien in Europa. Dabei werden an verschiedenen Beispiele die aktuellen Dilemmata abgewogen: zwischen Parteiestablishment und aktivistischer Basis, zwischen Rekommunalisierung und Besetzung der Staatsapparate, zwischen den gut ausgebildeten aber sozial abstiegsgefährdeten Milieus, die die Plätze besetzen und den unteren Klassen, die es zum Rechtsnationalismus treibt. Alles richtet sich dabei nach einem „sozialistischen Kompass“, den auch Erik Olin Wright in seinem Buch Reale Utopien fordert. Als Ergebnis jahrzehntelanger Klassenanalysen und Diskussionsprozesse legt Wright darin seine Vorschläge für „Wege aus dem Kapitalismus“ vor. Dabei stellt er nicht weniger als den kühnen Anspruch auf, die „anarchistische Tradition“ mit ihrem Beginnen im Hier und Jetzt mit der Tradition der Sozialdemokratie zu versöhnen, in der es ursprünglich einmal um die staatliche Absicherung emanzipatorischer Prozesse ging. Wrights Programm ist die Vertiefung der Demokratie und das, was er „gesellschaftliche Ermächtigung“ nennt. Er diskutiert einige Formen der Organisierung, die dafür in Frage kommen, von der Bürgerversammlung bis zum Kampf ums Grundeinkommen. Versammlungen sind auch für die neuen Munizipalismen zentral. Sie versetzen in vielen spanischen Städten das „klassische Konzept der Par- Aus dem utopischen Halbdunkel im Buch Jens Kastner tei in die Krise und entwerfen die ideologische Auseinandersetzung neu“, wie Montserrat Galcerán Huguet im transversal- Buch zum Thema erläutert. Die Texte diskutieren die Potenziale und Fallstricke dieser hoffnungsvollen Mobilisierungen, die im ansonsten so rechtsrückenden Gegenwartseuropa „seltsam zeit- und raumversetzt, aus den Fugen“ (Gerald Raunig) erscheinen. Die lokalen Bewegungen immer wieder transnational zu öffnen, wird eine der zentralen Aufgaben der kommenden Kämpfe sein. In der Zeitschrift Luxemburg plädiert Karl Heinz Roth für „eine neue Internationale als Voraussetzung für erfolgreichen Widerstand vor Ort“. Die Ausgabe zum 200. Geburtstag von Marx bespricht in sehr anschaulichen Artikeln die heutigen Relevanzen des Großtheoretikers nicht nur für die Organisationsfrage, sondern auch für Wissenschaft, Ökonomie, Kunstgeschichte, Ökologie und nicht zuletzt Feminismus. Der Band Dauerkämpfe stellt die Frage, „wie unter anhaltenden Ungleichheitsverhältnissen feministische Kritik und feministisches Handeln imaginiert, konzipiert und gelebt werden können“. Das Buch ist der feministischen Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer gewidmet, deren Analysen zur Transnationalisierung von Staatlichkeit, Gouvernementalität und dem neuen Dispositiv des affektiven Regierens die Beiträge inspiriert. Es geht hinsichtlich der Organisationsfrage, wie Isabell Lorey schreibt, um „die Notwendigkeit, Formen der Demokratie zu denken, die in ihrer Verknüpfung mit der Produktion von Sozialität über den Rahmen der Repräsentation hinausgehen.“

Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und unter - richtet an der Akademie der bildenden Künste Wien.


Brigitte Bargetz, Eva Kreisky, Gundula Ludwig (Hg.): Dauerkämpfe: Feministische Zeitdiagnosen und Strategien. Frankfurt a.M. 2017 (Campus Verlag).

Walter Baier, Bernhard Müller, Eva Himmelstoss (Hg.): Die Linke, die Völker und der Populismus. transform! Jahrbuch 2017. Hamburg 2017 (VSA).

Christoph Brunner, Niki Kubaczek, Kelly Mulvaney, Gerald Raunig (Hg.): Die neuen Munizipalismen. Soziale Bewegung und die Regierung der Städte. Wien, Linz, Berlin, Málaga, Zürich 2017 (transversal texts)

Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis: Marxte noch mal?!, Nr. 2/3, Berlin 2017.

Erik Olin Wright: Reale Utopien – Wege aus dem Kapitalismus. Berlin 2017 (Suhrkamp Verlag).

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