IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Aus dem utopischen Halbdunkel

Editorial

„Die Probleme der Organisation“, schrieb Georg Lukács 1922, „gehören zu den Fragen, die theoretisch am allerwenigsten durchgearbeitet sind.“ Ging es beim Philosophen Lukács noch eindeutig um das Proletariat und die Partei, stellen sich Organisierungsfragen heute zugleich allgemeiner und spezifischer. Allgemeiner, weil das Subjekt der Organisierung nicht feststeht und nicht mehr selbstverständlich die kämpfende Klasse der Lohnabhängigen ist; spezifischer, weil auch das Objekt nicht klar ist, die Form der Partei versteht sich nicht von selbst. Wer braucht überhaupt Organisation – die Zivilgesellschaft oder die postsozialdemokratische Linke, die Multitude, die Klasse, das alternative Milieu, das Prekariat oder die Subalternen? Und welche – Netzwerk, Mosaik, Schwarm oder doch Partei?

Dass es die Partei nicht sein konnte, wurde schon zu einer der Kerneinsichten der Neuen Linken. Als Rudi Dutschke auf dem 22. Delegiertenkongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) 1967 das gemeinsam mit Hans-Jürgen Krahl verfasste „Organisationsreferat“ vortrug, bezeichnete er das „Problem der Organisation als Problem revolutionärer Existenz“. Abstrakte Bekenntnisse durch Mitgliedschaft sollten durch eine im Alltag verankerte, spürbare mentale Bindung ersetzt werden. Gemeinsam das Mitmachen verweigern, darum ging es. Und zwar gerade in einer gesellschaftspolitischen Situation, in der nach Dutschke und Krahl Interessen und Bedürfnisse bloß noch im Rahmen der verinnerlichten Herrschaftsstrukturen wahrgenommen werden und die „Möglichkeit zu qualitativer, politischer Erfahrung […] auf ein Minimum reduziert worden [ist].“

Nicht zuletzt angesichts des Regierungswechsels in Österreich und des Vormarsches ultrarechter Bewegungen und Parteien in ganz Europa stellt sich die Frage linker Organisierung neu. Besonders auffällig und ermutigend sind hier mit den Women’s Marches in den USA, dem Frauenstreik in Spanien, den Protesten in Polen und anderswo die feministischen Mobilisierungs- und Organisierungserfolge. Das sind jedenfalls ermutigende Bewegungen, deren Beispiel davor bewahren kann, dass, wie Dutschke und Krahl schon warnten, „Integration und Zynismus die nächste Station“ sind.

Die strukturellen Bedingungen der Mobilisierung sind im künstlerischen Feld sicherlich andere als für soziale Bewegungen. Dennoch hat auch das Kunstfeld einige interessante Zusammenrottungen um Programme, Mitglieder und Statuten zu bieten. Vor dem Hintergrund dieser historischen Differenzen und gegenwärtiger Entwicklungen stellt der Bildpunkt die Organisationsfrage(n), um sie nicht länger im „utopischen Halbdunkel“ zu belassen, wo Lukács sie noch sah.

Jens Kastner, koordinierender Redakteur