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rePRODUZIERE DICH!
Kunst & Diskussion zu Kunst & Kind bei Soho in Ottakring

Minna Antova im Gespräch mit Daniela Koweindl

Wie steht es um das Leben als Künstler_in, wenn Kinder mit im Spiel sind? Beim Festival Soho in Ottakring gibt es am 10.6.2018 einen ganzen Tag lang künstlerisches und diskursives Programm: rePRODUZIERE DICH! Forum* zum Thema Kunst und Elternschaft. „Wir eröffnen damit ein Diskursforum, eine Art Werkstatt, in der dieses Thema von allen Seiten beleuchtet werden kann“, so Minna Antova, Kuratorin des Forums. Mit dem Bildpunkt spricht sie über Herausforderungen und Forderungen, über den prekären Alltag und Geschlechterdifferenzen. Und über künstlerische Beispiele, feministische Positionen hierzu aufs Tapet zu bringen.

Ein Forum zu Kunst und Elternschaft. Was steckt dahinter?
Minna Antova: Die Idee, eine Ausstellung und das Thema auch mit Kunstwerken öffentlich zu machen, entstand in den Kunst&Kind-Workshops in der IG Bildende Kunst, begleitet von Hansel Sato. Diese Auseinandersetzung in der Gruppe war eine wichtige Vorarbeit. Sie hat mich wieder animiert, meine Erfahrungen als Künstlerin und Mutter einer mittlerweile halbwüchsigen Tochter zu reflektieren. Letztlich haben Susi Scheucher und ich ein Konzept ausgearbeitet. Die Ausstellung war dann aus strukturellen Gründen nicht möglich. Geblieben ist der politische Anspruch, das Thema mit workshop-artigen und performativen Formaten sowie Filmen aufzugreifen. Wir möchten Interessierte sowohl auf einer intellektuellen, einer emotionalen als auch auf einer haptischen Ebene ansprechen.

… und wie ist der Titel rePRODUZIERE DICH! zu verstehen?
Darin steckt der gesellschaftliche Auftrag „reproduziere dich“, aber auch der gesellschaftliche Auftrag an Künstler_innen: „produziere dich“. Da ist schon Ironie dabei und eine sarkastische Selbstreflexion: lauter Pfaue, die wir verpflichtet sind, (uns) zu produzieren. Und dann der Widerspruch: Du reproduzierst dich, aber dann musst du diesen Anspruch zu produzieren zurückstellen, weil sich das mit der Elternpflicht nicht ungehindert vereinbaren lässt.

Ihr stellt Künstler_innen-Bilder, Frauen-Bilder, Väter- Bilder in Frage. Welche Geschlechterdifferenzen fallen auf?
Ein Künstler kann 120 Kinder haben, aber niemand fragt ihn, ob er die Kinder in der Krankheit pflegt, wie er das schafft. Eine Künstlerin mit Kind hingegen wird schnell in die Ecke der Unberechenbarkeit gedrängt, sie wird als Unsicherheitsfaktor wahrgenommen – oder als Rabenmutter. Das ist eine verbreitete Erfahrung, die wir in vielen Gesprächen festgestellt haben. Zur ursprünglich geplanten Ausstellung haben wir uns bemüht, möglichst viele Künstlerväter zur Teilnahme zu animieren. Im Endeffekt gab es eine einzige Zusage. Warum ist Elternschaft bei Künstlern – obwohl sie ja nachweislich an der Elternarbeit teilnehmen – kein Thema in der künstlerischen Auseinandersetzung? Darauf habe ich keine Antwort.

Performances, Literatur, Musik, Film – was erwartet uns an künstlerischen Beiträgen?
Wir beginnen mit einer Performance von Elke Papp, die dann Workshop-Charakter bekommt. Es sind Erwachsene mit Kindern und ohne Kinder eingeladen teilzunehmen. Danach folgt eine literarische Performance in Form von griechischer Tragödie oder Komödie von der Grauenfruppe. Das ist ein Kollektiv von vier selbstkritischen Feministinnen, sie arbeiten bereits seit über 20 Jahren konstant zusammen. Im Kontakt mit ihnen war interessant, dass das Thema schon lange in der Gruppe immanent da war, jetzt greifen sie es auf. Mit neuen Texten geben sie – jenseits von Romantisierung bzw. Horrorisierung von Mutterschaft und Kinderglück – selbstironisch und sozialkritisch Einblick in vier Alltage. Sie haben eine sehr politische Herangehensweise an ihre literarische Arbeit. Ich freue mich schon sehr auf ihre Arbeit Kunst ist (k)ein Kinderspiel. Sehr gespannt bin ich auch auf die Musikperformance von Sylvie Lacroix. Sie ist Musikerin und Komponistin, mit ihren zwei Töchtern lebt sie in Wien. Sie hat eine sehr experimentelle Herangehensweise, auch ihr Beitrag ist extra fürs Forum entstanden. Eine weitere Performance kommt von Bernadette Laimbauer, die sie gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter macht. Sie werden ins Programm intervenieren, insofern soll es eine Überraschung sein. Am Abend leiten wir über zu einem Filmprogramm in Kooperation mit Tricky Women. Wir zeigen Kurzfilme von Ina Loitzl, Agnes Kehrer sowie eine Film-Dokumentation von Claudia Sandoval Romero, die zu Motherhood in the Art World auch eine gleichnamige wissenschaftliche Arbeit geschrieben hat.

Ihr plant eine Künstler_innenbefragung. Und ihr adressiert Politiker_innen. Was sind die Anliegen?
Es wird eine Umfrage zum Thema Eltern- und Künstler_innenschaft geben. Die Befragung ist anonym, eine Teilnahme ist online sowie vor Ort auf Papier möglich. Ansehen möchten wir dabei uns auch, welche Rolle Migration spielt. Oder auch, wie die Arbeit bei einer Partner_innenschaft aufgeteilt wird, nicht nur die Arbeit mit dem Kind, sondern auch die Arbeit im Haushalt. Es wird von uns keine Auswertung geben, sondern die ausgefüllten Fragebögen sollen Politiker_innen mit dem Auftrag zur Auswertung in die Hand gedrückt werden – und zwar bei einer Podiumsdiskussion, die ebenfalls Teil des Veranstaltungsprogramms ist. Es werden Fachleute zum Thema sprechen, also Eltern und Künstler_innen. Und wir laden Politiker_innen ein.

Welche Forderungen kannst du jetzt schon artikulieren?
Die Zuspitzung prekärer Arbeit von Künstler_innen ist ein großes Thema. Das betrifft nicht nur Eltern, verschärft dann aber die Situation besonders. Gleichzeitig bleiben die Hauptverantwortlichen für die Elternschaft fast immer die Frauen. Diese Verantwortung zeigt sich auch darin, dass der Geldjob extrem wichtig ist, aber die freischaffende künstlerische Arbeit fast nicht mitgedacht wird. Das halte ich für falsch! Denn damit bekommt die Kunst eine Art Hobby-Status. Und das wird erst recht zum Konflikt, wenn ein Kind da ist. Bei einem heterosexuellen Künstler_ innenpaar ist es sehr oft so, dass die Frau die Lohnarbeit mit verlässlicherem Einkommen übernimmt – ob das jetzt Unterrichten ist oder etwas anderes –, und der freie Künstler ist der Mann. Hier sind Gegenmaßnahmen und spezielle Unterstützungen für freischaffende Künstlerinnen nötig. Das ist eine immens wichtige politische Forderung. Wichtig ist auch eine andere Selbsteinschätzung. Kunst machen wir beruflich, sie ist eine gesellschaftlich notwendige Arbeit. Hier muss die Einstellung sein, dass das bezahlt gehört! Das müssen wir selber auch so einfordern. Hier kommt dann die andere Kampagne der IG Bildende Kunst ins Spiel: pay the artist now! Für den öffentlich subventionierten Kunstbetrieb muss es Bedingungen geben, damit künstlerische Arbeit und Ausstellungsbeteiligungen finanziell wertgeschätzt werden. Es können ja Richtwerte sein, die für Museen anders sind als für kleinere Ausstellungsräume, etwa beginnend bei symbolischen Beträgen bis hin zu welchen, die tatsächlich den Arbeitsaufwand decken. Aber irgendwelche verbindliche Richtwerte muss es geben. Außerdem plädiere ich dafür, Altersbegrenzungen bei Stipendien und Preisen zu streichen. Das würde die Politik nichts kosten, betrifft Künstler_innen mit Kindern aber immens. Beim Bund ist es vielfach schon so, und bei Stipendien werden die Alleinerzieher_innen mitgedacht. Das kann ich positiv vermerken.

Was wünscht du dir als Ergebnis des Forums?
Ich freue mich, mit einer Fülle von Veranstaltungen das Thema – auch mit kontroversiellen Darstellungsweisen – präsent zu halten. Ich bin gespannt, welche Steine wir ins Rollen bringen, wie womöglich erstarrte Rollenbilder angekratzt werden. Und ich hoffe auf eine Bewegung, damit sich auch etwas ändert.

Minna Antova ist Künstlerin. Arbeitsschwerpunkte: Konstruktion und Dekonstruktion von kulturellem Gedächtnis im öffentlichen Raum; Erforschung von Kulturtransfer, Akkulturation, Gender und Raum/Körperwahrnehmung. Einbeziehung der künstlerischen Recherche und des sozialen Prozesses in die Arbeit.

rePRODUZIERE DICH! – Forum* zu Kunst und Elternschaft am 10.6.2018 im Rahmen von Soho in Ottakring. Das diesjährige Festival (2.-16.6.2018) steht unter dem Titel Jenseits des Unbehagens: Vom Arbeiten an der Gemeinschaft.


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