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Zwischen Ausbeutung und Nicht-Verwirklichung

Ein Gespräch zwischen Umetnik* und Vasilena Gankovska, über das Projekt „What does the Artist do?“ und einige grundlegende Probleme des Künstler*inseins.

Das Projekt, das ihr ab November 2017 in der Galerie IG Bildende Kunst zeigt, kann als eine Art „Autobiographie“ oder genauer gesagt „Selbstreflexion“ gesehen werden. Gleichzeitig betreffen die Themen, die ihr dort aufgreift, die Mehrheit der aktiv tätigen Künstler*innen. Wie geht ihr damit um?

Umetnik: Die „Künstler*innengruppe“ Umetnik* beschäftigt sich mit den Problemen des Status sowohl der Künstler*innen als auch des Kunstwerks und diese Ausstellung ist Teil des größeren Projekts Artist In Progress, woran wir seit 2013 arbeiten. Wir haben uns bewusst in eine Situation begeben, um den Prozess des Künstler*in-Werdens und das Erlangen des Künstler*in-Status zu untersuchen, anhand der damit verbundenen Selbsttransformation und deren Implikationen. Diese langfristige Selbstbeobachtung sehen wir als Form eines psychosozialen Experiments. Die Methode soll die unterliegenden institutionellen Fakten sichtbar machen, denn sie sind weder transparent noch sind die Bedingungen dafür durchschaubar. Die Kunstwelt ist wie eine Institution organisiert, aber die Kriterien für die Funktionen innerhalb dieser „Institution“ sind beliebig. Deshalb soll die Frage der Autorität und der Machtverhältnisse näher untersucht.

Im Gegensatz zu anderen Arbeiter*innen und Bereichen scheint die Lage der Kunst- und Kulturarbeiter*innen in den meisten Europäischen Ländern mit kleinen Ausnahmen ähnlich zu sein. Was ist, ausgehend von eurer Erfahrung, das Hauptproblem zum Beispiel hier in Österreich?

U: Wir kommen aus einem spezifischen Kontext, aus einem Teil von Europa, der nicht als Europa betrachtet wird, weil er nicht Teil der EU ist. Jede Umgebung hat ihre eigenen Charakteristiken. Trotz der Ähnlichkeit im System sind manche Arbeiten für den Belgrader Kontext relevanter als für den Wiener und umgekehrt. Der kleinste gemeinsame Nenner für beide Szenen sind sicherlich der Nepotismus und die Täuschung der Wertproduktion. Als Beispiel dafür dient unsere Arbeit Familija, in der wir offen über Bestechen, Lobbying und Familienbeziehungen als Kriterium für die Teilnahme an Ausstellungen sprechen.

Euer Projekt zeichnet sich durch einen gewissen Humor aus, während es fundamentale, seriöse Themen behandelt. Wie kann eine*r diese Probleme künstlerisch bearbeiten, ohne sich ständig zu beklagen oder schlecht zu fühlen?

U: Zwischen Terrorismus und Humor wählen wir den Humor [lautes Lachen]. Die Revolution, die Künstler*innen heutzutage „verkaufen“, wird so subversiv, dass keine*r mehr imstande sein wird sie zu bemerken. Anstatt des pseudo-sozialen Tag-Wortes „Artivism“, das dafür da ist, den Status Quo in den sozialen Strukturen beizubehalten, sollten Künstler*innen einsehen, dass sie an erster Stelle Arbeiter*innen sind. Wir beobachten gerade, wie sich der Diskurs der Identitätspolitiken seinem Ende entgegen neigt. Es kommt die Zeit, in der der Klassenkampf zum einzigen wichtigen Thema wird und daraus wird jeder weitere emanzipatorische Kampf resultieren.

Zum Abschluss: Was kann ein*e Künstler*in tun, um für die künstlerische Arbeit bezahlt zu werden?

U: Wir können an dieser Stelle wahrscheinlich nur sagen, was ein*e Künstler*in wegen der bürokratischen Hürden nicht machen kann. „Tun“ kann sowohl als Arbeit, als auch künstlerische Produktion verstanden werden. Im Üblichen ist eine*r „ganz bewusst gezwungen“ zwischen Ausbeutung und Nicht-Verwirklichung zu wählen. Beispielsweise herrscht hier der Mythos, dass Studierende aus Nicht-EU-Ländern 20 Stunden pro Woche in den höheren Semestern legal arbeiten dürfen, was auch stimmt. Es ist aber etwas unpräzise, da dafür eine wichtige Bedingung erfüllt werden muss. Nämlich, dass der/die Arbeitgeber*in davon ausgeht, dass es keine Person mit EU-Pass gibt, die kompetent genug ist, um die Toilette zu reinigen, Geschirr abzuwaschen oder Produkte in Supermarkt-Regale zu stellen. Ja, und natürlich kann eine*r immer Kunstwerke um Millionen verkaufen.

Umetnik* ist eine informelle Gruppe, gegründet in 2012 in Belgrad, mit dem Ziel, die Begriffe Künstler*In und Kunst in Theorie und Praxis zu testen. Einige bereits realisierte Projekte: Rounding 2012, Vidovdan, Gallery*, Home Installations, Art without Forethought, Art Fair, Alles Klar.

Vasilena Gankovska ist bildende Künstlerin, Vorstandsmitglied der IG BILDENDE KUNST, seit 2016 Ansprechperson für die Galerie IG BILDENDE KUNST.

Das Interview fand im September 2017 statt.
Übersetzung aus dem Englischen: Vasilena Gankovska
 

UMETNIK*, Working Shit, Installation (Detail), 29x21cm
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