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Ein Versuch über den Widerspruch im Gemeinsamen.

Elke Smodics

Derzeit leben wir in verwirrenden und ungemütlichen Zeiten. Das dürfte auch Anlass dafür sein, dass Fragen nach neuen Konzepten über das Zusammenleben Hochkonjunktur haben. Vor diesem Hintergrund nimmt der Text aus der Sicht einer kritischen Kunst- und Kulturvermittlung die Ambivalenzen in den Blick, die dem Begriff des Gemeinsamen zugrunde liegen.

Die Suche nach neuen Perspektiven des Zusammenlebens in einer demokratischen Gesellschaft ist auch am Veranstaltungskalender des Kunst- und Kulturbereichs abzulesen. Das Bedürfnis über das Zusammenleben nachzudenken zeigt sich nicht nur im Rahmen von Ausstellungen und Kulturveranstaltungen, sondern es bestimmt derzeit auch den Diskurs der Kunst- und Kulturvermittlungspraxis. Diese allgegenwärtige Auseinandersetzung mit dem Gemeinschaftsbegriff wird dennoch zumeist aus einer eindimensionalen Leserichtung verhandelt. In der Herstellung von Wissen liegt die Autor*innenschaft weitgehend noch bei jenen, die den Kanon bestimmen. Und immer wieder begegnet uns die altbekannte Frage nach dem Raum zu sprechen. Wer spricht und wird gehört? Wer spricht und wird nicht gehört? Und wer spricht nicht? Das Infragestellen von Sprechpositionen hat in der kritischen Vermittlungspraxis eine zentrale Bedeutung: Dabei geht es um das Anerkennen einer Gleichwertigkeit unterschiedlicher Wissensformen, wie jener des Erfahrungswissens und des akademischen Wissens sowie um die Thematisierung von und einen bewussten Umgang mit ungleichen strukturellen Machtverhältnissen unter den beteiligten Akteur*innen.[1]

Wie in Macht-Wissens-Ordnungen eingreifen?

Obwohl Partizipation schon seit Jahren als integrale Handlungsstrategie in der Wissensvermittlung in Bildungs- und Kulturinstitutionen eingesetzt wird, dient sie eher zur Unterhaltung oder als Erfahrungsraum für Gruppendynamiken und weniger als Instrumentarium zur Mitbestimmung und -gestaltung in der Wissensproduktion. Aber wo wird dieses Wissen sichtbar und verhandelbar gemacht, das im Rahmen von partizipativen Prozessen „gemeinsam“ generiert wird? Damit „unsichtbares Wissen“ sichtbar wird, braucht es in der Auseinandersetzung mit Antirassismus, postkolonialer Kritik, Migration und Fragen der Repräsentation Möglichkeitsräume für kollaborative Praxen zur Entstehung von transdisziplinären Beziehungen. Das heißt aber auch, Kontrolle abzugeben bzw. zu teilen. Im Sinne eines Eingreifens in den Kreislauf kultureller Bedeutungsproduktion fordert die Kulturvermittlerin Ayşe Güleç ein Sichtbarmachen von „migrantischen situiertem Wissen als einer Wissensform, die sich aus Rassismuserfahrung speist.“[2] „Jene Personen wissen, wie Rassismus funktioniert bzw. wie struktureller Rassismus alles durchdrungen hat, was er mit ihrem Leben macht und was für eine Ökonomie er produziert. Dieses Wissen – nicht nur weil es um Rassismuserfahrung geht – ist bedeutend, weil in diesem Wissen Funktionsweisen von Rassismus und Gegenstrategien liegen: Wie können wir uns dem entgegenstellen, wie können wir damit umgehen, es umgehen und dagegen angehen. Es ist eine Wissensform, die für die Analyse von Rassismus sehr wichtig ist. Wir können sie als Analysekriterium anwenden, als Perspektive einnehmen und alle davon lernen.“[3]

Gemeinsam handeln!

Kollaborative Wissensproduktion und das Denken von Möglichkeiten eröffnen Handlungsräume und es entstehen Orte für Politik, wo dominante Erzählungen und ihnen innewohnende Gewaltverhältnisse offengelegt werden. Im gemeinsamen Handeln werden aus der Perspektive der kritischen Kunst- und Kulturvermittlung über das scheinbar Schon-immer- Gewusste hinaus ungewohnte Blickwinkel und Wünsche entwickelt. Das kann aber nur funktionieren, wenn Handlungsräume zu „Orten der radikalen Möglichkeit“ werden. Ein solcher Ort wird bei bell hooks ein Ort bezeichnet, „der eine radikale Perspektive bietet, aus der heraus Alternativen und neue Welten sichtbar, schaffbar und vorstellbar werden.“[4]

Diese Handlungsperspektive ist Leitmotiv für transformative Prozesse und wird von immer wieder neu auszuhandelnden Fragen bestimmt: Wie können wir die Welt, wie können wir das Zusammenleben im Kleinen und Großen neu denken? Wie stören oder verhindern hierarchische Ordnungen den Wissenstransfer und welche Möglichkeiten und Formate des Ausdrucks erweitern das Denken? Was können wir durch Wissens(aus) tausch voneinander lernen?

Es wäre jetzt nun der geeignete Zeitpunkt für einen Paradigmenwechsel, der darin besteht, die normative Zuweisungen und Wertekodierungen zwischen Institution, Kurator*innen und Kulturvermittler*innen, Besucher*innen aufzulösen. Der nächste Schritt in die Zukunft ist eine Veränderung der Machtverhältnisse, indem Kunst- und Bildungsinstitutionen sich als Handlungsräume begreifen, in denen ungewöhnliche Begegnungen und Diskurse möglich werden und in denen das Unplanbare wichtiger erscheint als die Repräsentation.

Elke Smodics ist Kommunikationskuratorin mit den Schwerpunkten zeitgenössische Kunst, Feminismus und Partizipation in Kunst und Kunstvermittlung. Sie ist Gründungsmitglied wie auch Teilhaberin von Büro trafo.K und Vorstandsmitglied der IG Bildende Kunst.

[1] Nora Landkammer: Vermittlung als kollaborative Wissensproduktion und Modelle der Aktionsforschung. In: Bernadett Settele und Carmen Mörsch (Hg.): Kunstvermittlung in Transformation. Zürich: Scheidegger & Spiess 2012, S. 199–211.

[2] Interview mit Ayşe Güleç: Das Protokoll unterlaufen und das Unsagbare bezeichnen. In: Strategien für Zwischenräume, Ver_lernen in der Migrations gesellschaft, Schulheft 165/2017, S. 82.

[3] Ebd.

[4] Belinda Kazeem / Johanna Schaffer: Talking back. bell hooks und schwarze feministische Ermächtigung. In: Julia Reuter / Alexandra Karentzos (Hg): Schlüsselwerke der Postcolonial Studies. Wiesbaden: Springer VS 2012, S. 177–188, hier S. 182.



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