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Common Nonsense: Das Wort vom Gemeinsamen und seine Beinamen

Drehli Robnik

Heißt Gemeinschaft, dass über allen ein Ganzes waltet, während in der Gesellschaft Individualismus regiert, wie das die frühe Soziologie unterschieden hat? Oder ist es, wie die postfundamentale Pariser Meisterdenke nahelegt? Die sagt quasi: Gesellschaft ist, wenn Leute auf Orte, Rollen, Ziele festgelegt sind, Gemeinschaft hingegen ist, wenn Identitäten bestritten werden, bzw. ist sie Mit-Sein ohne Form, Zweck, Werk. Ob ich das eine oder das andere sage (oder etwas daneben): Ich sage Gesellschaft oder meine Gemeinschaft oder vice versa, vergebe also Namen, verwende und wende diese Worte so oft, bis zumal die Gemeinschaft nicht mehr meine ist, sondern eigendynamisch wird. Anders gesagt (aber gleich gemeint): Gemeinsames ist ein Wort. Natürlich auch eine Sache; und ein Verhältnis von Sache und Wort. Meisterpariser Gilles Deleuze meinte (auf Lewis Carrolls Spuren), der Sinn sei, was umgeht und insofern sozialisiert: Sinn nämlich als Abstand zwischen Sachverhalten und ihren Benennungen. Sinn-Abstand bewirkt, dass Sachen und Namen nicht zusammenfallen, sondern unruhig aufeinander bezogen bleiben. So ist es halbwegs lebbar: Gesellschaft als lose, Gemeinschaft als ungefügte, Gemeinsames als Unfug. Das ist der Sinn zwischen Objekten und ihren Namen – und noch zwischen den Namen und dem, wie die Namen heißen. Das ist natürlich Nonsens, und genau darin gründet der Sinn: Wenn ich nach dem Sinn von etwas frage und ihn nicht auf einen vorgegebenen Sinn zurückführe (nach dem ich ja erst wieder fragen müsste), aber auch nicht sage, dass der Sinn aus dem Nichts heraus einfach da ist, dann steht Nonsens für das ein, woher der Sinn kommt, worin er gründet, und das ist weder Sinn noch nichts. Nonsens bezeichnet das Unmögliche an der Grundlegung, die aber unumgänglich ist – in Sachen Sinn, Sozietät, Gemeinsamkeit. Gemeinsames steht in Frage und muss doch bejaht werden; aber als Fragliches, im Nonsens. As they say in Paris: Gemeinsam? Mais oui! Ja, aber wie? Commun? Mais comment? Gute Frage. Antwort steht aus. Gemeinschaft also als kommende, coming Commons, aber mit vielen Come on’s, denn: Warten kann sie ja auch nicht. Gemeinsames ist im Ausstehen anvisiert, schön gedacht im Aufschub, aber heute unschön erlebt in seiner Unausstehlichkeit, die sich definiert durch Abschub. Die Abschieb-Gemeinde sammelt sich um das Gemeine, das sie meint, das sie in ihre Netze schreibt, von Strache aussprechen und von Kurz besonders schön sagen lässt. Gemeinde kommt, und zwar als Wort, vom althochdeutschen gimeinida. 2015 gab es kurz eine Kultur des Kim eini da! als nichthochdeutsches Wort an Geflüchtete, einen Moment von Willen zur willkommenden Gemeinschaft. Das W-Wort wird heute zunehmend diffamiert, seine Praxis kriminalisiert. Zugleich wird Gerechtigkeit auch zum rechten Wort, nicht im Sinn kommuner Gleichheit, sondern mit Nicht-Unterschieden-Sein als Zwangsziel: Die Gemeinde germanischer Gemini beschwört leitkulturelle Gemeinsamkeiten – etwa gemeinsam Kiten und andere geteilte Vorlieben, zumal kulinarische für Schwein im Teilsamen oder für Leinsamen, sofern Gesundheit das Gemeinsame ist, für Genmai-Tee und Verzicht auf Genmais-Samen. Gemeinsames setzt sich als Konsens voraus. Besser, es setzt sich im Nonsens aus. Aus.

Drehli Robnik schreibt zu Film & Politik, zu Rancière, Kontrollhorrorkino und Kracauers DemoKRACy.