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Commoning the City

Vom Überleben zu Widerstand und Wiederaneignung
Silvia Federici

Bilder von Frauen, deren ausgestreckte Arme um Häuser und Plätze greifen, oder deren Körper in gegenseitiger Um armung verschlungen sind oder die Fäden um sich und ihre Städte herum weben, alle diese Bilder mögen eine idealisierte matriarchale Gesellschaft vermitteln. Aber diese feminine und kommunale Welt, deren Repräsentation der mexikanische Wandmaler Rodolfo Morales (1925–2001) sein künstlerisches Lebenswerk widmete, ist weniger utopisch als es scheint.[1] Es stimmt tatsächlich, dass die Stadt unser konsistentester und erfolgreichster Versuch ist, den Raum in unserer Vorstellung zu erneuern.2 Denn das Gesicht der heutigen Stadt ist das einer Frau, weil es Frauen sind, die inmitten eines zunehmend sterbenden, atomisierten urbanen Raumes städtische Sozialität und Kreativität wieder zum Leben erwecken.

Bereits 1999 hat Maria Mies, als sie darüber schrieb, wie historisch abhängig das Überleben der Städte von ihrem jeweiligen Hinterland war, darauf hingewiesen, dass eine urbane Subsistenzwirtschaft entstanden ist, die in den Städten praktiziert und hauptsächlich von Frauen organisiert wird. Sie stellen damit nicht nur die materiellen Lebensgrundlagen, sondern auch den sozialen Zusammenhalt sicher.[3] Wenn wir zur direkten Essensproduktion, die Frauen leisten, noch „all die anderen verschiedenen Formen von Subsistenzarbeit [hinzurechnen] – Essenszubereitung, das Tauschen von Essen, anderen zu helfen, Wasser zu holen –, dann wird deutlich, dass das Überleben in diesen Städten von der Subsistenzarbeit von Frauen abhängt.“[4] Seither hat sich dieser Trend fortgesetzt, häufig noch befeuert durch die ständige Vertreibung ländlicher Gemeinschaften von ihrem Land.

In den Peripherien der sich ausbreitenden Mega-Cities in Afrika, Asien und Lateinamerika schaffen Frauen – in häufig durch kollektive Aktionen besetzten Gebieten und im Angesicht einer permanenten ökonomischen Krise – eine neue politische Ökonomie, die auf kooperativen Formen sozialer Reproduktion basiert. Sie etablieren in diesem Prozess ihr „Recht auf Stadt“[5] und legen neue Grundsteine für Widerstand und Wiederaneignung.

Dank der selbstverwalteten, öffentlichen Küchen (comedores populares), ihrer kleinen Freiluftrestaurants (merenderos), städtischer Gärten und ihrer Stadtteilversammlungen (asambleas barriales), können dieselben urbanen Zeltlager, die Mike Davis noch vom „Planet der Slums“ haben sprechen lassen, nun als Planet der Commons wieder angeeignet werden. In ihnen entsteht eine „Gegenmacht“, die ihre Bewohner*innen nicht nur befähigt, zu überleben, sondern auch embryonische Formen der Selbst-Regierung zu entwickeln.

Auf diese Erfahrungen gestützt, behaupte ich, dass an diesem „Nullpunkt der Reproduktion“, an dem die Illusion verschwindet, dass Staat und Kapital unser Leben unterstützen können, der Kampf ums Überleben zu einer transformatorischen Kraft werden kann. Ich beziehe mich dabei auf den Punkt, den der uruguayische Aktivist und Sozialtheoretiker Raúl Zibechi in seinen aktuellen Schriften immer wieder betont hat: In Tausenden von Stadtteilen sichern Frauen am Rande des Staates die Aufrechterhaltung des Alltagslebens. Dort finden neue soziale Beziehungen statt, die nicht nur wesentliche Dienstleistungen zur Verfügung stellen, sondern auch die Arten und Weisen verändern, in denen Reproduktion organisiert ist und wie Frauen sich selbst in diesem Prozess engagieren.[6]

Das bekannteste Beispiel dieser „stillen Revolution“[7] ist die Verbreitung urbaner Gärten (urban gardening), ein neues globales Phänomen, das in den 1970er Jahren von Frauen in Afrika auf den Weg gebracht wurde, die, weil sie aus ländlichen Gegenden vertrieben und gezwungen wurden, sich zu urbanisieren, damit begannen, ungenutzte Flächen öffentlichen Landes zu kultivieren. Sie transformierten die städtische Landschaft, womit die Unterscheidung zwischen dem Ruralen und dem Urbanen sich zu verwischen begann. Mit dem städtischen Gärtnern wurde eine Mikroökonomie ins Leben gerufen, in der Frauen mit Maiskolben und Zucchini neue Formen des Mikrohandels schufen, indem sie ihre Produkte direkt verkauften, billige Zwischenmahlzeiten für Arbeiter*innen herstellten und dabei immer die Straßen besetzten und der Polizei trotzten, die versuchte, sie zu vertreiben und den Straßenverkauf zu kriminalisieren.

Genauso wichtig ist das „Commoning“ vieler reproduktiver Aktivitäten durch Frauen, wie etwa das Einkaufen, Kochen und Säen, um den Effekten der Austeritätsprogramme, der ökonomischen Liberalisierung und der „Strukturanpassung“ zu begegnen, die ihren Gemeinden ab Mitte der 1970er Jahre aufgebürdet wurden.

Ein besonderes Beispiel in diesem Kontext ist der Fall Chiles nach dem Militärputsch 1973, als Frauen in den proletarischen Vierteln, die vor Angst paralysiert und gleichzeitig einem brutalen Austeritätsprogramm ausgesetzt waren, hervortraten und ihre Arbeit und ihre Ressourcen zusammenwarfen, in ihren Stadtteilen gemeinsam einkauften und in Gruppen zu zwanzigst gemeinsam kochten. Aus der puren Not geboren, haben diese Initiativen weit mehr hervorgebracht als die Erweiterung begrenzter Ressourcen. Gerade der Akt des Zusammenkommens, der die Isolation zurückwies, in die das Pinochet-Regime sie zu zwingen versuchte, änderte das Leben der Frauen qualitativ, gab ihnen mehr Selbstvertrauen und durchbrach die Paralyse, die durch die Regierungsstrategie des Terrors ausgelöst worden war.

Chile war aber kein isolierter Fall. Ähnliche Kämpfe haben sich in Peru, Venezuela, Argentinien und Bolivien ereignet. Im Hinblick auf Argentinien haben Natalia Quiroga Díaz und Verónica Gago geschrieben, dass während der ökonomischen Krise 2002, als die offizielle Ökonomie kollabierte und viele Unternehmen und selbst die Banken geschlossen wurden, so dass die Menschen nicht an ihr Geld kamen, eine andere Ökonomie auftauchte, die in erster Linien von Frauen organisiert wurde und die sichtbar machte, was normalerweise versteckt geschieht und nicht als ökonomisch wertvoll betrachtet wird. Als Frauen begannen, die Straßen zu besetzen und ihre Töpfe und Pfannen zu ihren Streikposten und Nachbarschaftsversammlungen mitbrachten, entstand eine neue politische Ökonomie der Subsistenz. In ihr wurde der Moment des Protests nicht von der Reproduktion des Alltagslebens getrennt, deren Rhythmus und Notwendigkeiten eine Zeit lang den städtischen Raum und die städtische Zeit umgestaltet haben.[8]

Auch in Bolivien haben Frauen, konfrontiert mit der Verarmung ihrer Gemeinden, ihre reproduktive Arbeit aus dem heimischen Bereich hinausbefördert. Das Ergebnis davon war, wie Maria Galindo vom bolivianischen, anarchafeministischen Kollektiv Mujeres Creando herausgestellt hat, dass die Isolation als Kennzeichen der Hausarbeit durchbrochen wurde und eine Kultur des Widerstands entstand.[9] Galindo spricht von einem Bruch mit dem Universum von Heim und Häuslichkeit durch den Überlebenskampf der Frauen. Sie legt dar, inwiefern das Bild der im Haus eingeschlossenen Frau ein Bild der Vergangenheit ist, denn als Antwort auf die Prekarisierung der männlichen Lohnarbeit haben sich Frauen die Straßen angeeignet und sie in Mittel der Subsistenz verwandelt, in wahre „Commons“, in denen sie die meiste Zeit verbringen und wo ihre Kinder die Hausaufgaben machen, während sie ihren Müttern bei der Arbeit helfen.

Bezahlte Hausarbeiterinnen haben zur Redefinition des urbanen Raumes beigetragen. Während er zunächst als gefährlicher Ort wahrgenommen wurde, an dem Frauen von der Polizei angehalten, nach Papieren gefragt und misshandelt werden konnten, wurde der öffentliche Raum für Hausarbeiterinnen ein Ort der Autonomie und der Zusammenkünfte. Es wurde ein Ort, an dem mit der Isolation der häuslichen Arbeit gebrochen, eine größere Öffentlichkeit erreicht und Sichtbarkeit für die eigenen Forderungen erlangt werden konnte.

Die Philippininnen haben den Weg aufgezeigt, soziale Orte aufzutun – Parks, Kirchen, Einkaufszentren –, um sich an ihren freien Arbeitstagen oder an Sonntagen zu versammeln. In manchen Städten (z.B. in Hong Kong) sind sie auf die Straße gegangen, haben wöchentliche Performances gemacht, gesungen, getanzt und auf die Probleme aufmerksam gemacht, die ihr Leben und ihre Erfahrungen bei der Arbeit bestimmen. Eine Präsenz auf einem Territorium zu haben, ein Territorium zu besetzen – die Straßen, die Gehwege, den Park – ist eine Praxis, die nicht nur von der Notwendigkeit diktiert wird, die Isolation zu durchbrechen, sondern auch durch das Realisieren davon, dass eine wesentliche Bedingung für die Infragestellung der restriktiven Migrationspolitik darin besteht, sichtbar zu werden und die eigene Geschichte bekannt zu machen.

Laut Priscilla Gonzalez von New York Domestic Workers United, einer der größten Hausarbeiterinnen-Organisationen in den USA, hat sich dies als eine sehr effektive Form der Organisierung erwiesen.[10] Indem sie ihre eigenen Geschichten bekannt gemacht haben, haben die migrantischen Hausarbeiterinnen nicht nur ihre Erfahrungen zirkulieren lassen, sondern ein Bewusstsein für ihre Lebensbedingungen als Frauen und ein breiteres Verständnis gegenüber den Konsequenzen der Globalisierung für ihre Communities erzeugt.

Kunst spielt eine Schlüsselrolle in diesen Kämpfen. Kunst verschönert den urbanen Raum, in dem Menschen leben und arbeiten, sie verleiht ihrem Leben Wert und Würde. Sie veranschaulicht die Errungenschaften der Communities, sie hält die Erinnerung an diejenigen wach, die gestorben oder im Gefängnis sind. Wandgemälde, Straßentheater, das Herstellen von Postern, Buttons, Flyern, T-Shirts und Aufklebern sind zu unverzichtbaren Bestandteilen nicht nur politischer Diskurse, sondern eines Lebens geworden, in dem jeder Moment ein Kampf ist. Als Konsequenz daraus ist die Kunst selbst verändert worden. Nicht nur mit dem Erstarken der sozialen Bewegungen ist die Kunst mehr und mehr auf der Straße entstanden, sondern so, wie diese Bewegungen feminisiert wurden, geschah es auch mit den Bildern, die sie produziert haben.

In diesem Kontext kann die Zusammenarbeit mit radikalen Künstler*innen ebenso wichtig sein wie die Kooperation mit Aktivist*innen und Ausbilder*innen, die von Außen kommen und beispielsweise Informationen und Einblicke in Regierungspolitiken und Projekte bereitstellen können, die die Communities negativ betreffen, und ihre Mitglieder dazu befähigen, gegen deren Umsetzung besser Widerstand leisten zu können. Dabei gibt es selbstverständlich Gefahren, insbesondere in einer Zeit, in der der Druck, sämtliche Aspekte des Lebens zu kommodifizieren, selbst die sozialen Kämpfe zu Handelsobjekten und Künstler*innen zu Agent*innen der Gentrifizierung machen kann. Die Räume, in denen die Künstler*innen und Ausbilder*innen ihren Beitrag zu sozialen Bewegungen leisten wollen, sind permanent bedroht, sowohl von kommerziellen Interessen als auch von den Autoritäten und der Polizei, die jede Art der Macht fürchten, die von unten kommt.

Künstler*innen und Ausbilder*innen können daher keine neutralen Akteur*innen sein, noch können sie sich selbst als Träger*innen von spezieller Kreativität und Wissen für den Kampf konzipieren. Wie die oben genannten Beispiele aufzeigen, haben Frauen große Kompetenzen für Autonomie und Selbstorganisation bewiesen. Sie haben auch gezeigt, dass die Erfindung neuer Aktivitäten und neuer Beziehungen oft aus der Notwendigkeit heraus geschieht. Die Kämpfe von Frauen und sozialen Bewegungen in den armen Stadtvierteln der Welt sollten daher als escuelita, als kleine Schule11 verstanden werden, in der Künstler*innen, Aktivist*innen und Ausbilder*innen nicht nur lernen können sich zu „de-professionalisieren“, sondern auch andere Formen der Kreativität als jene wertzuschätzen, die gemeinhin mit künstlerischem Ausdruck assoziiert werden. Es geht um jene Kreativität, die entsteht, wenn wir, aus der Notwendigkeit heraus, unsere Beziehungen zueinander verändern und in der Macht der Kooperation den Mut entdecken, gegen jene Kräfte Widerstand zu leisten, die uns unterdrücken.

Silvia Federici ist feministische Aktivistin und emeritierte Professorin für politische Philosophie und Women Studies und lebt in New York City.

Aus dem Englischen übersetzt von Jens Kastner.



[1] Rodolfo Morales (1925–2001) war ein bekannter mexikanischer Maler, der Frauen als Quelle des sozialen Lebens porträtierte.

[2] David Harvey zitiert den Stadtsoziologen Robert Park mit den Worten, die Stadt sei „der konsequenteste und insgesamt erfolgreichste Versuch des Menschen, die Welt, in der er lebt, nach seinen eigenen Vorstellungen um zugestalten.“ David Harvey: Rebellische Städte. Berlin: Suhrkamp Verlag 2013, S. 28.

[3] Vgl. Maria Mies and Veronika Bennhold-Thomsen: The Subsistence Perspective. Beyond The Globalized Economy. London: Zed Books 1999, S. 125f.

[4] Ebd., S. 127.

[5] Vgl. Harvey 2013, S. 27ff.

[6] Vgl. Raúl Zibechi: Territorien des Widerstands. Eine politische Kartografie der urbanen Peripherien Lateinamerikas. Berlin/Hamburg: Assoziation A 2011.

[7] Fantu Cheru: The silent revolution and the weapons of the weak. Trans formation and innovation from below. In: Louise Amoore (Hg.): The Global Resistance Reader. New York: Routledge 2005, S. 74–85.

[8] Natalia Quiroga Díaz und Verónica Gago: Los comunes en femenino. Cuerpo y poder ante la expropriación de las economías para la vida. Economía y Sociedad, Vol. 19, No 45 (1–19) 6/30/2014.

[9] Maria Galindo: No Se Puede Descolonizar Sin Despatriarcalizar, 2013.

[10] Vgl. Silvia Federici und R.J. Maccani: Interview with Pricilla Gonzalez. In: Camille Barbagallo und Silvia Federici (Hg.): „Care Work“ and the Commons. New Delhi: Phoneme Books 2012.

[11] Die Vorstellung der escuelita als Forum des gegenseitigen Lernens entstand im Rahmen der zapatistischen Bewegung im Süden Mexikos.