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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Differenziert Gemeinsam

Editorial

Es waren die Zapatistas, die 1994 nicht nur ein paar Städte im Süden Mexikos besetzten und Großgrundbesitzer von ihren Farmen vertrieben. Die später als „postmoderne Guerilla“ bezeichnete soziale Bewegung hatte auch die gemeinschaftliche Nutzung von Grund und Boden eingeklagt. Seitdem, schreibt die marxistisch-feministische Politikwissenschaftlerin Silvia Federici, „erfreut sich der Begriff der ‚Commons’ innerhalb der radikalen Linken zunehmender Beliebtheit.“ (Aufstand aus der Küche, Münster 2012) Diese Vorliebe hat sich ganz offensichtlich auch aufs Kunstfeld ausgedehnt. Im documenta 14 Reader hat Federici einen Text, gleich dahinter ist das „Revolutionäre Frauengesetz“ der Zapatistischen Armee zur Nationalen Befreiung (EZLN) abgedruckt. Es stammt von 1993.

Aber was sind die Commons eigentlich, was ist das Gemeinsame? Ist es ein Anspruch oder sind es real existierende Güter? Etwas, das allen gehört oder gehören sollte oder könnte? Darum dreht sich letztlich die ganze Diskussion. Sie hat mit den 99 Prozent der Occupy Wall Street-Bewegung einen neuen Aufschwung bekommen. Neben Federici beziehen sich auch Theoretiker*innen wie Antonio Negri und Michael Hardt, Judith Butler und Guy Standing auf die Commons. Aber gibt es sie wirklich und wenn ja, wo und wie sind sie zu finden? Was ist aus den guten alten Antagonismen geworden und welche Rolle spielen noch Intersektionen und Klassenspaltung? Ist das Gemeinsame ein guter Ausgangspunkt für kulturelle Kämpfe oder sollten sie nicht doch an den sozial konstruierten Unterschieden beginnen? Was ist aus den linken Differenzpolitiken geworden?

Die Debatte um Commons betrifft schließlich fast alles und weit mehr als nichts: Freihandelsverträge und Urheberrecht, Grundeinkommen und den öffentlichen Raum. Und dabei sind Commons keinesfalls selbstverständlich. „Commons“, schreibt die Architektin und Stadtforscherin Gabu Heindl im feministischen Magazin an.schläge, „sind durchaus gefährdet durch die gegenwärtige neoliberale Unterordnung jeder Lebens- und Wissensform unter die Logik des Marktes.“ Diese Gefährdung wird wohl in der durch die Nationalratswahl neu gesicherten, rechten Hegemonie umso stärker zu spüren sein.

Hier eine politische wie kulturtheoretische Perspektive anzulegen, die von aktivistischen und künstlerischen Praktiken ausgeht und diese weiterentwickelt, ist die gemeinsame Sache dieser Bildpunkt-Ausgabe. Sie ist ein diskursiver Beitrag zum Jahresthema der Galerie IG Bildende Kunst: gemeinsam handeln. emanzipatorisch, widerspenstig, solidarisch.

Die Zapatistas können dafür nach wie vor Referenzpunkt sein – auch mit aktuelleren Beiträgen zur politischen Geschichte als ihren Texten von vor knapp 25 Jahren. Denn sie entwerfen nicht nur globale Perspektiven auf lokalem Terrain. Ihnen ist es auch gelungen, in ihrer Praxis Identitätspolitiken und Universalismen, Differenz und Gemeinsames nicht auseinanderfallen zu lassen. Das hat nicht nur, wie Federici meinte, die radikale Linke fasziniert, sondern auch – vgl. auch Bildpunkt Nr. 7, Frühjahr 2007 („Alles für Alle!“) – viele Kulturschaffende und Theoretiker*innen sowie Künstlerinnen und Künstler.

Jens Kastner, koordinierender Redakteur