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„… der Mehraufwand, der sich für Menschen aus niederen Klassen oft ergibt…“

Class matters im Gespräch mit Julischka Stengele und Christoph Reinprecht

Bildpunkt: Die soziale Herkunft hat Gewicht. Sie privilegiert oder diskriminiert Menschen nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch in der alltäglichen Interaktion. Die Kategorie der Klasse betrifft aber nicht nur habituelle Umgangsformen und wie diese bewertet werden („Klassismus“). Viel eher war Klasse ja ein sozialstrukturell gebrauchter Begriff, der mit dem Einflussverlust marxistischer Sozialtheorien an Bedeutung verloren hat, mittlerweile aber eine Art Wiederkehr zu erleben scheint – in Form einer gesteigerten Aufmerksamkeit für ihre soziale wie auch kulturelle Relevanz. Ganz allgemein: Welche Rolle spielt Klasse in eurer Arbeit?

J.S.: Ich habe viele Jahre studiert, einen Magister in der Tasche und beherrsche akademische Sprache. Trotzdem: Als ich den einführenden Text [den allgemeinen Kurztext zur Ausgabe, Anm. d. Red.] und die Fragen per email erhalte und auch nach mehrmaligem Lesen nicht verstehe, bin ich verunsichert. Statt mit Wut oder Verärgerung auf den exklusiven Text über Klassenfragen zu reagieren oder über die unfreiwillige Ironie zu lachen, stelle ich zuerst mich selbst in Frage. Ich, das ehemalige Heimkind aus der Unterschicht, eine sogenannte First Generation Studierende, habe offenbar zu wenig auf dem Kasten um das zu checken.

Auf den Gedanken, den „Fehler“ nicht bei mir zu suchen, sondern den elitären, verschwurbelten und trockenen Text selbstbewusst als diesen auszuweisen, komme ich erst gar nicht. Aber meine Freund_innen von der Kunstuni schon. Zu viert versuchen wir den Text zu entschlüsseln, seine Kernaussage herauszufiltern. Wir googeln Wörter und Namen, lesen laut vor. Geholfen haben allerdings nur die geteilten Fragezeichen und das gemeinsame Lachen.

So entstand die Idee, den Vorgang fotografisch zu dokumentieren und meine Antworten als Bildgeschichte zu formulieren. Ein passendes Format, denn Comics wurden wegen ihrer einfachen Sprache und Gestaltung lange als minderwertig angesehen.

Da ein Abdruck im Heft aufgrund von Platzmangel leider nicht möglich war, wurde ich gebeten, nochmals schriftlich zu antworten. Auch wenn ich Verständnis für die technischen Einschränkungen habe und die Gelegenheit, meine Kritik anzubringen nicht verstreichen lassen will, ärgert mich doch eins: der Mehraufwand, der sich für mich und Menschen aus niederen Klassen allgemein oft ergibt. Andere erledigen die Arbeit (in diesem Fall das Interview) in 30 Minuten. Wir müssen uns, wenn wir gehört werden wollen, zuerst durch eine Reihe an Hindernissen arbeiten, bevor wir uns dem eigentlichen Inhalt widmen können und dann noch unsere Ausdrucksformen so anpassen, dass sie von der vorherrschenden Norm akzeptiert werden. Dauer in diesem Fall: ca. 9 Stunden.

[Die Bildstrecke von Julischka Stengele zeigt die Künstlerin bei dem Versuch, den Text „Class Matters“, sowie die an sie gerichteten Fragen zu dekodieren. Fotos: Magdalena Fischer.]

C.R.: Der herkömmliche Klassenbegriff hat an analytischer Kraft eingebüßt. Eindeutigkeit und Sichtbarkeit der Klassenunterschiede schwinden, sozio-kulturelle Milieus differenzieren sich aus (Pluralisierung der Klassengesellschaft), gleichzeitig erhöht sich die Aufmerksamkeit für kontextabhängige Wechselwirkungen mit Ungleichheitsmerkmalen wie Geschlecht, nationale Herkunft, Ethnizität, Zentrum-Peripherie, Heteronormativität, Alter, Gebrechen (Intersektionalität). Selbst wenn anzunehmen ist, dass Klasse latent als Handlungsmatrix wirkt, ist sie kein Akteur der Bewusstseinsbildung und Mobilisierung.

Bildpunkt: Julischka Stengele, in ihren künstlerischen Arbeiten geht es unter anderem um das Infragestellen körperlicher Normen und um die Kritik an diskursiver Gewalt. So denken sie etwa Vorstellungen von „guten Körpern“ und „richtigem Konsumverhalten“ mit neoliberalen, sexistischen und rassistischen Strukturen zusammen (Fettverteilung, 2016). Inwiefern ergänzen sich ihrer Ansicht nach Körperbilder und Klassenvorurteile, wo existieren sie (relativ) unabhängig voneinander?

Bildpunkt: Christoph Reinprecht, auf Ihrer Homepage heißt es, „ein weit verbreiteter gesellschaftspolitischer Opportunismus“ kennzeichne die österreichische Soziologie. Zielt diese Diagnose auch auf die Ausblendung klassentheoretischer Forschung? Und falls ja, wie erklären Sie sich dieses Desiderat?

C.R.: Ja das tut sie, die Kritik ist jedoch grundsätzlicher, sie richtet sich gegen die ungenügende gesellschaftstheoretische Fundierung der Sozialstruktur- und Ungleichheitsforschung hierzulande. Ohne ausformulierte gesellschaftstheoretische Rückbindung ist diese Forschung schlechte Soziologie, denn sie unterlässt die Reflexion auf den eigenen Entstehungs- und Verwendungszusammenhang. Ein Merkmal der Soziologie ist ja, dass sie der Gesellschaft entstammt, die sie untersucht. Die Soziologie in Österreich hat sich nicht nur spät etabliert, sondern auch als Wissenschaft mit geringem Grad an Autonomie.

Bildpunkt: Nach dem Wahlsieg Trumps ist ein Diskurs wieder erstarkt, der soziale Ungleichheit gegen kulturelle Differenz ausspielt: Statt sich mit den harten Fakten von Reichtum und Armut zu beschäftigen und Umverteilung zu fordern, habe man sich zu sehr vermeintlich läppischen Fragen der Anerkennung gewidmet – angefangen mit der geschlechtergerechten Sprache –, die auf immer ausgefalleneren Unterschieden in kollektiven Handlungs- und Wahrnehmungsmustern beruhen. Wie schätzen Sie das ein? Sollte eine emanzipatorische Perspektive nicht gerade beides verbinden?

C.R.: Eine emanzipatorische Perspektive muss klarerweise beide Dimensionen verbinden, Anerkennung und Umverteilung. Umverteilung bezieht sich auf Fragen der Verteilungsgerechtigkeit von distributiven (Geld, Bildungstitel) und relationalen Ressourcen (Status, Organisationskraft), Anerkennung auf Aspekte von Missachtung und symbolischer Grenzziehung, sei es in Hinblick auf die Vorenthaltung von Rechten oder von sozialer Wertschätzung. In der Realität greifen beide Dimensionen ineinander, wie es sich krass am Beispiel haushaltsnaher Dienstleistungen, Sorgearbeit und sozialer Ungleichheit manifestiert.

Bildpunkt: Es gibt eine ganze Reihe von Analysen der Marktdominanz im gegenwärtigen Kunstfeld und die Kritik an ökonomischen Kriterien für Kunst ist vielfältig. Obwohl ein nicht geringer Teil kunstkritischer Praxis auch heute noch (neo-)marxistisch fundiert oder zumindest informiert ist, wundert sich der Kunstkritiker Ben Davis in seinem Buch 9.5 Thesis on Art and Class (2013) zu Recht darüber, dass eine wichtige Komponente in marxistischer Gesellschaftstheorie bezogen auf Kunst überhaupt kein Thema ist: der Klassenkampf. Wieso fällt der Bezug auf Klasse einerseits und auf Kämpfe andererseits offenbar so schwer?

C.R.: Kann es Klassenkampf geben ohne oder jenseits der Klassen? In der Soziologie dominierten lange Zeit substantialistische Vorstellungen von Klasse und Klassenkampf. Doch am Ende der sogenannten neoliberalen Ära wirbeln ganz neue „revolutionäre“ Konstellationen von Protest und Widerstand die soziale und politische Frage in radikalisierter, devianter und widersprüchlicher Form auf. Keine große kollektive Erzählung, sondern eine Diversität an Gegenentwürfen; kein Determinismus, sondern fragmentierte, vielfach spontane Entladungen (solcherart titulierter) gefährlicher Klassen und Subjekte.

Julischka Stengele ist Künstlerin und lebt in Wien.

Christoph Reinprecht ist Soziologe. Er forscht und lehrt an der Universität Wien und ist assoziierter Wissenschafter am Centre de la recherche sur l’habitat in Paris.

Das Gespräch wurde im Mai 2017 von Paula Pfoser und Jens Kastner per E-Mail geführt.



Die Bildstrecke von Julischka Stengele zeigt die Künstlerin bei dem Versuch, den Text „Class Matters“, sowie die an sie gerichteten Fragen zu dekodieren. (Fotos: Magdalena Fischer)
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