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Klassifizieren und Klasse verleihen.

Editorial

In ihrer Geschichte der Art Workers’ Coalition (1969–1971) hebt Julia Bryan-Wilson hervor, dass KünstlerInnen ihren Klassenstatus gerade in dem historischen Moment entdeckten, als von den ArbeiterInnen kaum mehr politisch-emanzipatorische Impulse auszugehen schienen: In der Theorie der Neuen Linken waren sie gerade vom „revolutionären Subjekt“ zu integrierten TrägerInnen des Konsumkapitalismus degradiert worden. Klasse, obwohl in den 1970er Jahren noch zentrales Thema kritischer Sozialwissenschaften, wurde zum „uncool subject“ (bell hooks).

Allerdings dürfen der Klasse Fortschrittlichkeit und revolutionäres Potenzial „qua Klasse“ (Hans-Günther Thien) ohnehin nicht unterstellt werden. Diese normative Setzung war schon bei Lenin ein dogmatischer Kurzschluss und auch die neueren theoretischen Versuche, ein klassenkämpferisches Kollektivsubjekt, etwa als „Handelnde gegen die Arbeit“ (John Holloway) zu installieren, vermögen nicht zu überzeugen.

Für einen Abschied von der Klassentheorie aber gibt es dennoch keinen Grund. Nicht zuletzt die nach wie vor wachsende soziale Ungleichheit zwingt zum Gebrauch einer Kategorie, die die ungleiche Verteilung von Ressourcen als kollektive und als systematisch hervorgebrachte zu beschreiben vermag. Auch die ideologischen Kämpfe, die sich im Kunstfeld abspielen, sind letztlich, wie der peruanisch-mexikanische Kunsttheoretiker Juan Acha betont hat, Effekte von Klassenkämpfen. Von bell hooks haben wir daher den bekräftigenden Titel, der das theoretische und politische Gewicht der Klassenangelegen - heiten hervorhebt, übernommen.

Wenn auch weniger als mobilisierendes Motiv (Klassenkampf), so ist in den letzten Jahren doch mehr und mehr die diskriminatorische Dimension der sozialen Position – die Anzahl der Studierenden aus ArbeiterInnenfamilien an Kunstunis will und will nicht zunehmen – in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten (Klassismus). Hinsichtlich abwertender und ausgrenzender Praktiken ist Klasse dabei ebenso mit ethnisierenden und geschlechtlichen Diskriminierungen analytisch verknüpft worden, wie das auch schon mit Klasse als Strukturkategorie geschehen war. Diese Überschneidungen (intersections) wurden bereits im politischen Aktivismus der frühen 1990er Jahre thematisiert („Triple Oppression“-Debatte) und zeitgleich in der feministischen Forschung zur Intersektionalität untersucht. Schließlich tauchen in den analytischen Klärungsversuchen innerhalb undogmatisch-linker Theorie doch wieder transformatorische Zuschreibungen an die Klasse auf: etwa wenn im Prekariat eine „neue explosive Klasse“ (Guy Standing) gesehen wird.

Der Bildpunkt stellt also die Klassenfrage und selbstverständlich, was das alles mit Kunst zu tun hat. Denn schließlich hatte nicht zuletzt Pierre Bourdieu in Die feinen Unterschiede schon darauf hingewiesen, dass von „allen Produkten, die der Wahl der Konsumenten unterliegen, […] die legitimen Kunstwerke die am stärksten klassifizierenden und Klasse verleihenden“ sind.

Jens Kastner, koordinierender Redakteur



Bildpunkt Sommer 2017: Class matters (Foto: DK)
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