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Faschismus, jetzt in Farbe und flexibel wie einst

Drehli Robnik

Vergleich ist gut, sofern er Unterschiede zeigt; möglichst nicht nur graduelle, sondern wesentliche. Ich sage oft im Scherz: Wir (wer immer das ist) erleben jetzt auch einen Faschismus – zwar einen kleineren als den von „damals“ (welches Damals auch immer; das italienische hat bald 100. Jahrestag), dafür aber in Farbe, nicht in Schwarzweiß wie unlängst noch im Geschichtsfernsehen. Dass „unser“ Faschismus ein kleiner bleiben wird, ist ein minimal zu Hoffendes noch für jenen Fatalismus, der hinnimmt, dass er „kommt“; dass er in Farbe ist, ist Fakt, denn Faschismus ist heute – schon lang, seit einschlägigen Popstars wie Haider – nicht brauner Mief, sondern bunt wie Oktoberfest-Tracht in Neon. Vor allem aber: Dass Faschismus heute (samt allen Reloaded- oder 4.0-Etiketten) kleiner und bunter sei als der italienische 1923ff., der deutsche, österreichische 1933ff etc. – diese Behauptung ist eben ein Scherz, eine Persiflage jener Art von Vergleich, die bloß Quantitäten („kleiner“), aber keine sinnmachenden Unterschiede festzustellen vermag. Ein möglicher Vergleich mit Sinn setzt für mich (der ich Gesellschaft und Geschichte mit Zug zum Film denke) bei Siegfried Kracauer an. Der war um 1930 Filmkritiker und Feuilletonist bei der Frankfurter Zeitung, Geschichtsphilosoph (Postmarxist avant la lettre) – und Soziologe des Alltags der Angestellten. Deren Lebensweise war damals noch neu, „exotisch“, weil ideologisch „obdachlos“ im Verhältnis zum habituell in zwei Massenpartei(kultur)en behausten Proletariat. Den Angestellten, generell der bürgerlichen Mittelschicht, die aus Frust über sozialen Abstieg (und aus antisemitischem Ressentiment) ihren „Aufruhr“ rechts positioniert, gilt Kracauers Aufmerksamkeit in den Jahren der Faschisierung. Das umfasst seinen Ansatz, als renommierter Autor einer bürgerlichen Zeitung mit ihnen – ihrer politisierten Imagination, Rhetorik, Kultur – kritisch Kontakt zu halten: ihrem Verdruss an Sinnleere und Prekarität modernen Lebens entgegenzukommen, aber ihre völkische Ideologie zu widerlegen. Damals blieb das Proletariat, wie auch Kracauer vermerkt, relativ distanziert zu Hitler, dessen Aufstieg eben das (angestellte) Kleinbürgertum trug; heute gehen proletarische Milieus – weit weniger umworben von (zart)roten Parteien als 1930 – auf dem Weg nach rechts vorne mit, neben dem Kleinbürgertum. Plattformen zum kritischen Gespräch mit Nationalautoritären sind heute weniger die bürgerlichen Zeitungen. Und wohl noch nicht ausgemacht ist, welche Formen von Ablehnung – Ablehnung von „Reichen“, von Expertokratie –, an denen so ein Gespräch wie auch linkspopulistische Kampagnen ansetzen können, quasi okay sind. Kracauers KP-naher Freund Ernst Bloch konnte sich da um 1930 viel vorstellen: Er reklamierte Reichs- und Erlösermystik, Unbehagen an moderner „Mechanei“, gar die „Gesundheit der Jugend“ als eigentlich kommunistischen Sinnbestand, den man sich von den Nazis habe klauen lassen. Das ist für „uns“ kaum attraktiv. Aber der Hinweis darauf, wie virtuos Faschismen auch eine Politik sozialer Teilhabe aufschnupfen und umwidmen, lässt heute etwas hervortreten, das auch Kracauer als Merkmal faschistischer Propaganda sah: dass sie – noch ein Übelwort mit F – flexibel ist (weil letztlich nihilistisch). Damit ist wenig gesagt, aber die Seite voll.

Drehli Robnik ist Theoretiker zu Film und Politik, Autor von Büchern zu Rancière, Kontrollhorrorkino und Kracauers DemoKRACy.