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Gleichwertigkeit und Dominanz
Warum rechte Politik hierarchische Geschlechterverhältnisse braucht

Stefanie Mayer, Edma Ajanovic, Birgit Sauer

Rechtsextremismus hat viele Gesichter – darunter zunehmend auch solche, die der globalen Konsum- und Unterhaltungskultur entlehnt sind, um dem rechten Extremismus einen modernen Anstrich zu geben. Doch auch jenseits von Dirndl und Lederhosen oder dem biergeschwängerten Budenzauber deutschnationaler Burschenschafter haben rechtsextreme Ideologien einen gemeinsamen Kern: Ihr zentrales Charakteristikum ist die Ablehnung einer grundsätzlich möglichen Gleichheit aller Menschen und die Bekämpfung der damit verbundenen normativen Idee gleicher Rechte. Im Gegenteil: Rechtsextreme machen die Idee der „natürlichen Ungleichheit“ stark, also der Verankerung von Ungleichheit in der vermeintlichen „Natur des Menschen“. Sowohl Rassismus – heute häufig als Kulturunterschied verbrämt, der aber naturalisiert und in das (angebliche) „Wesen“ der ethnisierten Anderen projiziert wird – wie auch Sexismus, Homo- und Transphobie rechtsextremer Positionen lassen sich auf diese grundlegende Überzeugung „natürlicher“ Ungleichheit zurückführen. In der – bekanntermaßen durch machtvolle Differenzen geprägten, weit von einer tatsächlichen Gleichberechtigung aller Menschen entfernten – sozialen Realität realisiert sich die rechte Ablehnung von Gleichheit nicht zuletzt im Kampf gegen emanzipatorische Bewegungen. Ein Beispiel dafür sind die aktuellen Kampagnen gegen den „Genderismus“, die von rechtsextremen ebenso wie konservativen und rechtskatholischen Akteur_innen getragen werden; ein zweites Beispiel ist die Verzahnung von Sexismen und Rassismen, die sich in den Debatten um sexualisierte Gewalt „fremder Männer“ findet und an die der Rechtsextremismus in besonderer Weise anschließt.

Der aktuelle „Anti-Genderismus“, gleichsam die Modernisierung des alten Antifeminismus, bewegt sich im Spannungsfeld zweier diskursiver Strategien. Einerseits setzt er seine Kritik nicht am Streben nach Geschlechtergleichstellung, sondern an neueren dekonstruktivistischen und poststrukturalistischen feministischen und queeren Theorien an, die in strategischer Weise missinterpretiert werden. Knapp zusammengefasst wird diesen Ansätzen die „Abschaffung“ von Geschlecht zu Gunsten des „neuen geschlechtslosen, aber dauergeilen Multi-Sex- Menschen der Gender-Verwirrung“ (so formuliert von Georg I. Nagel in Zur Zeit 21-22/2015, S. 52/53) unterstellt, die in autoritärer Weise von oben herab durchgesetzt werde. Andererseits dehnt der „Anti-Genderismus“ die so fundierte Kritik auf alle Formen von geschlechts- und/oder sexualitätsbezogenen Gleichstellungspolitiken aus. Ob Binnen-I oder Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare, ob Gender Mainstreaming oder Sexualkundeunterricht, ob Abtreibung oder die sogenannte „Homo-Ehe“, immer wird eine Verschwörung von korrupten Eliten, sogenannten „Genderisten“, der „Schwulenlobby“ und radikalen Feministinnen, die Ehe und Familie und damit letztlich die Gesellschaft insgesamt zu zerstören beabsichtigen, angenommen. Rechtsextreme betrachten Feministinnen, Queers, Aktivist_innen der LGBTIQ-Bewegungen und Unterstützer_innen als Feind_innen, die zwar aus dem Inneren des (ethnisiert, biologistisch definierten) „eigenen Volkes“ kommen, dieses jedoch durch ihre Dekadenz zersetzen. Sie sind das notwendige Gegenstück zur angeblichen äußeren Bedrohung durch (ethnisierte) „Fremde“. Erst durch das Zusammenspiel der beiden Gruppen ergibt sich die existenzielle Bedrohung des „Eigenen“.

Das ist allerdings nicht die einzige Form, in der Sexismen und Rassismen im Rechtsextremismus interagieren. Die seit mehr als einem Jahr anhaltende Aufregung um sexualisierte Übergriffe „fremder Männer“ wurde und wird auch in diesem Milieu aufgegriffen. „Hände weg von unseren Frauen!!!“ verkündete etwa der Grazer FPÖ-Gemeinderat Armin Sippel im Juni 2016 per Video. Neben dem offenkundigen Rassismus, der sich hier gezielt gegen männliche Asylwerber richtet und diese als gefährlich, triebgesteuert und bar aller Umgangsformen darstellt, ist auch der patriarchale Gestus gegenüber den „eigenen Frauen“ nicht zu übersehen. Die gehören „uns“, müssen beschützt werden und sind nicht etwa als eigenständige Menschen zu betrachten, die ihre Bedürfnisse und Anliegen selbst vertreten könnten. Der hier angebotene männliche „Schutz“ ist freilich ohne Unterordnung unter patriarchale Verhältnisse nicht zu haben.

Sowohl im „Anti-Genderismus“ wie auch im rassistischen Framing sexualisierter Gewalt kann der Rechtsextremismus an seit langem existierende Diskurse anschließen und damit Stimme und Gewicht in der Öffentlichkeit erlangen. Nicht vergessen werden sollte, dass der rechte Antifeminismus als notwendiger Teil völkischen Denkens – also der Vorstellung, dass die Welt als hierarchische Ordnung biologisch definierter „Völker“ mit dem „eigenen“ an der Spitze zu verstehen sei – im Zentrum rechtsextremer Ideologie steht. Diese biologistische, essentialistische und notwendig rassistische Vorstellung muss der biologischen Reproduktion des „Eigenen“ große Bedeutung zuschreiben und schreibt deshalb Positionen von Frauen und Männern in einer spezifischen Familienform fest. Im Unterschied zum Konservativismus geht es dem Rechtsextremismus nicht in erster Linie um Familie als Wert per se, sondern darum, die Fortpflanzung des „reinen Volkes“ sicherzustellen, die nur in der heterosexuellen Familie funktioniert. Es sind daher auch in erster Linie die Mütter an denen sich rechtsextreme Familienpolitiken (und die darunter subsumierten Frauenpolitiken) festmachen. Eine solche Vorstellung von den „natürlichen“ Aufgaben „der Frau“ ist notwendig das Gegenteil von Feminismus.

PS: Ein Lesetipp: im FIPU Sammelband Rechtsextremismus (Band 1, 2014) verfasste Judith Götz einen Beitrag zur Kritik der geschlechtsblinden österreichischen Rechtsextremismusforschung. Lesen Sie nach!

Stefanie Mayer, Edma Ajanovic und Birgit Sauer sind Politikwissenschaftlerinnen und arbeiten in Wien.