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Laut, antisozial und verdammt sexy:
Queer-feministischer Punk in/als Form, Bedeutung und Affekt [i]

M. Katharina Wiedlack

Seit Mitte der 1980er Jahre hat sich in Nordamerika eine lebendige queer-feministische Punk-Szene formiert, die zahlreichen Musiker_innen, Anarchafeminist_innen, Queers of Color, Transaktivist_innen usw. einen Ort für gemeinsames Musikproduzieren und zum politischen Austausch bietet. Queerfeministischer Punk, als Form und Genre, ist nicht nur interessant, da er Inhalte produziert und einer Öffentlichkeit aussetzt, sondern auch, weil sich am Punk besonders gut zeigen lässt, wie Bedeutung durch verschiedene, auch körperliche und akustische Formen entsteht.

Wie alles begann

Die queer-feministische Punk-Szene und ihre Genrebezeichnungen Queercore, Dykecore oder Homocore entstanden etwa um 1985/86 in den Nordamerikanischen Großstädten Toronto, Los Angeles, San Francisco, Chicago und New York. Ziel war es mit dezidiert queerer, homosexueller, lesbischer, schwuler Punk Musik in die zunehmend homophobe, männlich und weiß dominierte Punk- und Hardcoreszene zu intervenieren. Vorreiter_innen sind die Dragperformerin Vaginal Davis, die Filmemacherin und Musikerin G.B. Jones, die Riot Grrrl Musikerin, Produzentin und Zineherausgeberin Donna Dresch oder auch der Filmemacher Bruce LaBruce. Im Februar 1989 veröffentlichten Jones und LaBruce den Artikel Don’t Be Gay: Or How I Learned to Stop Worrying and Fuck Punk up the Ass, zur gerade erst entstehenden queer-feministischen Bewegung im wohl bekanntesten Nordamerikanischen Punkmagazine Maximumrocknroll und trugen damit entscheidend zur Popularität selbiger bei.

In dem Artikel attackieren sie nicht nur die sexistisch homophobe Nordamerikanischen Hardcore Szenen, sondern rechnen auch gehörig mit der schwul/lesbischen Subkultur ab. Die schwulen Szenen kritisieren die beiden besonders aufgrund ihrer Misogynie und der zunehmend apolitischen und konsumorientierten Haltung. Während die politische und soziale Repression und das Verwehren von Menschen- und Bürger_innenrechten in den 1960er und 1970er Jahre sowie die sogenannte AIDS-Krise zu Beginn der 1980er Jahre die breite Masse an Schwulen und Lesben noch zur aktiven Beteiligung am politischen Leben und zur Radikalisierung der Positionen gezwungen hatten, setzte Ende der 1980er eine Trendwende zur „Verbürgerlichung“ ein.

Joneses und LaBruces fantastischer Maximumrocknroll-Artikel zur massiven queeren und feministischen Punk Szene wurde zu Beginn der 1990er Jahre Realität: Bands wie die All-Dyke- Band Tribe 8, das schwule Punkquartett Pansy Division oder die queeren God-Is-My-Co-Pilote begannen durch die USA und Kanada zu touren und Events wie Homocore-Night in Chicago, Radical Activist Festival Homo A Go Go in Olympia/Washington oder der Queer Punk Convention SPEW entstanden.

Queer in Queercore

In Queercore Interviews, Fanzines und Liedtexten offenbart sich eine starke kollektive Identität als Punks und Queer- Feminist_innen. Die Grundlage für eine solche Identifizierung bildet ein Verständnis und Konzept von Queerness als Negativität, anti-identitäre und anti-soziale Kategorie.

Ein Beispiel für die Verwendung von queer mit negativen Bedeutungen ist der Song Queer as in Fuck you (2010) der Band Agatha. Agathas Song adressiert queerness als Sexualität, als etwas Anstößiges, Schmutziges und gleichzeitig als etwas Politisches. Die negativen Bedeutungen werden durch die Betonung von „Fuck you“ als offensive und anti-soziale Geste erzeugt. Queer ist aber nicht nur negativ und die Ordnung störend, es ist auch lustvoll. Dasselbe „Fuck you“ wird im Laufe des Songs zur Bezeichnung eines positiven sexuellen Aktes. Queer bedeutet sexueller Akt, Sexualität oder Identität, Negativität und Zurückweisung sowie politischer Aktivismus und hinterfragt gleichzeitig die subkulturelle oder gegenkulturelle Verwendung des Begriffs selbst – ist also auch seine eigene Kritik. Das ist ein Statement gegen neoliberale Verwendungen von queer als Terminus für schwulen Lifestyle.

Punks wütenden Politiken

Queerer Punk ist auch ein Ausdruck von Wut. Dieser Aspekt bringt Punk als Strategie des Antirassismus und Schwarzer und Chicana Emanzipationsbewegungen ins Spiel. Alice Armendariz Velasquez, besser bekannt als Alice Bag, beschreibt ihre Performances in einem Interview ebenfalls als Ausdruck der Wut:

„all the violence that I’d stuffed down inside of me for years came screaming out … all the anger I felt towards people who had treated me like an idiot as a young girl because I was the daughter of Mexican parents and spoke broken English, all the times I’d been picked on by peers because I was overweight and wore glasses, all the impotent rage that I had towards my father for beating my mother just exploded.“ (Armendariz Velasquez zit. in Habell-Pallán, Soy Punkera, 226)

Queer-feministische Punks of Color beziehen sich stark auf die feministischen Aneignungen von politischer Wut, wie sie Audre Lorde und bell hooks konzipiert haben. Bands wie My Parade oder NighTrain schaffen sich einen queeren, feministischen, antirassistischen Raum, indem sie ihre Wut über Rassismus und Homo- bzw. Transphobie in Solidarität mit anderen Punks thematisieren können.

M. Katharina Wiedlack ist Post-Doc Research Fellow am Insitut für Anglistik und Amerikanistik, Uni Wien und arbeitet zum Neuen Kalten Krieg zwischen Russland und den USA, nationaler Identität und Medien.

[i] Eine detaillierte historische Beschreibung und Analyse dieser und anderer queer-feministischer Punk Beispiele können in meiner Monographie Queer-Feminist Punk: An Anti-Social History erschienen 2015 bei Zaglossus, nachgelesen werden.