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„ … kein verbrämtes dogmatisches Arschloch zu werden“

Punk im Gespräch mit Luz Kerkeling und Marion Schulze

Bildpunkt: Rund vierzig Jahre nach dem Auftauchen von Punk steht das Wort heute für sehr viele und viele unterschiedliche Phänomene. Sie reichen von kleinen Gruppen Bunthaariger mit Springerstiefeln und Hunden, die in den Fußgängerzonen der Innenstädte Bier trinken über Theater machende Mitglieder von Postpunk-Bands bis hin zu neoliberalen Zeitschriften wie Business Punk. Es gibt auch Strömungen, die mit dem Wort „Politpunk“ zusammengefasst werden, und die von der Anarcho-Punkband CRASS (1977-1984) bis zu gegenwärtigen Hardcore-Szenen und queer feministischem Punkrock, aber auch Nazipunk reichen. Worin besteht aus eurer Sicht ganz allgemein die Politik des Punk?

M.S.: Als ich genau dies in meiner Forschung zu Hardcore fragte, wurde mir zumeist geantwortet es gäbe so viele Definitionen von Hardcore, wie es im Hardcore involvierte Leute gäbe. Diese Abwehr von einer Definition, sagt schon viel über die Politik(en) des (Hardcore)Punk. Auch diese Interviewfrage veranschaulicht in der Vielfalt, die sie aufmacht, die Unmöglichkeit einer Definition. Würde mir dennoch eine solche abverlangt, würde ich den Begriff antiautoritär wählen. Er kann so verschiedene Facetten und Größenordnungen wie die Auflehnung gegen Machtverhältnisse, den Aufbau eigener ökonomischer Strukturen oder das Konsumieren von Drogen gleichfalls wie deren radikalen Ablehnung fassen.

L.K.: Punk ist für mich Wut auf die herrschenden Zustände. Punk ist für mich viel mehr als „coole Mucke“. Politischer Punk ist für mich linkspolitische außerparlamentarische Konsequenz im Alltag. Ich weiß nicht, ob das die Theorie-Spack*innen noch als Punk bezeichnen, ist mir auch egal. Aber Punk heißt für mich, das Leben als eine rebellische Feier, als einen Abwehr- und gleichzeitig Aufbaukampf zu verstehen. Andere mögen sagen, Punk sei nur „No Future“, na gut, dann bin ich halt kein Punk. So what. Mir geht es darum, dass politischer Punk ein recht schnell verständlicher Anknüpfungspunkt sein konnte/kann, ohne drei Bände Marx gefressen zu haben und vor allem ist es eine Abkehr vom vermeintlichen „Hauptwiderspruch“ zwischen Arbeiter*innen und Kapitalist*innen. Ich zum Beispiel habe sehr viel von linksradikalen Feministinnen gelernt, das empfinde ich als große Bereicherung für alle! Antirassismus und Antikapitalismus gehören natürlich auch dazu, nicht zuletzt konsequenter Naturschutz. Sich jeden Tag neu erfinden, von unten links, nicht auf anderen herumtrampeln, aber nach oben austeilen, selbst die „eigene Gewerkschaft“ zu sein, nicht zu viel malochen und sich unterordnen, kreativ zu sein, das ist Punk für mich und vieles andere. Zudem richtet sich politischer Punk auch gegen die Spießigkeit der Arbeiter*innenklasse und diesen unfassbar sinnlosen „Arbeitswahn“, den es ja nicht nur in deutsch sozialisierten „Kulturkreisen“ gibt. Ein weiterer Aspekt: Durch meine vielen Aufenthalte bei der linken zapatistischen Bewegung in Chiapas, Mexiko, habe ich noch etwas Besonderes gelernt: Nämlich dass radikale linke Bewegungen auch eine Massenbasis erreichen können, wenn sie sich verständlich ausdrücken und auch am Alltag der Menschen orientiert sind. Es gibt viele politische Punks, die mit den Zapatistas sympathisieren und zusammenarbeiten, in Mexiko und weltweit. Für mich, wie Ihr unschwer merkt, ist Polit-Punk sehr links geprägt, aber das Coole ist, dass die tollen Menschen, die ich in diesem Kontext seit Ende der 1980er kennenlernen durfte, keine „Automaten“ sind [wie die Autonomen von Punks häufig genannt wurden, Anm. Red.], sondern Politik machen und feiern. Das Kunststück ist, kein verbrämtes dogmatisches Arschloch zu werden. Kurzum: Wenn ich kein Punk geworden wäre hätte ich keine linke Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Punk sei Dank. Wir hatten im Münsterland und im Ruhrgebiet echte Probleme im Alltag, mit Nazis, damals meistens Skinheads. Da gab es regelrechte „Jagdausflüge“ auf uns. Aber wir können auch sagen, dass wir viel gegen die machen konnten.

Bildpunkt: Luz, Du betreibst das kleine Label Falling Down Records und spielst selbst seit mittlerweile mehr als zwanzig Jahren in der Band Daddy Longleg. Was bedeutet das Do it Yourself-Prinzip (DIY) für dich? Und wie würdest du ein subkulturelles DIY vom neoliberalen Imperativ der permanenten Selbsterfindung einerseits und vom spießigen Heimwerkertum andererseits abgrenzen?

L.K.: DIY kann vieles sein, auch spießiges Heimwerkstum. In unserem Fall als Teil der linken DIY-Szene ist es gegen das herrschende System gerichtet: emanzipatorische Selbstorganisation. Häuser besetzen, um soziale Zentren zu schaffen (jaja, auch Häuser mieten ;-)), Konzerte selbst organisieren, Gruppendynamiken zu erlernen, Konzerte für befreundete Bands zu organisieren, in den 1990ern auch viel Platten und Kassetten tauschen und unterstützend für befreundete Combos verticken, Soli-Veranstaltungen auf die Beine stellen. Und Herumwerkeln ist ja nicht falsch, da bekommt mensch auch mal eine Wertschätzung für die ganze Maloche wie Hausinstandsetzung, Aufbau von Protestcamps etc. DIY im linkspolitischen Punk hat für mich sehr viel mit kollektivistischem Anarchismus zu tun. Wir als Label und Band haben diverse Soli-Kassetten und -CDs herausgebracht, wobei wir immer alle Bands gefragt haben, ob sie dabei sein wollen. Thematisch ging es um die EZLN, die Anti- AKW-Bewegung, den anarchistischen Trotzdem-Verlag, den libertären Infoladen Bankrott, Anti-G7/8-Mobilisierungen und mehr. Über den Punk-DIY konnten wir uns super vernetzen! Und haben Kohle für linken Widerstand eingespielt.

Bildpunkt: Marion, in deinem Buch Hardcore & Gender definierst Du Hardcore als „kollektive Aktivität“. Dafür gibt es bestimmte Handlungsrahmen und es werden stets neue erzeugt. Anstatt also alle Regeln zu brechen, wie man vom Punk vermuten könnte, hat sich die Hardcore- Szene als voll von Konventionen erwiesen. Was heißt das in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse?

M.S.: Die Idee der kollektiven Aktivität, also, dass gemeinsam etwas getan wird und dieses Tun auf Absprachen beruht, ist ein Weg, um in der Soziologie das Entstehen und Fortbestehen sozialer Ordnungen zu fassen. Absprachen sind demnach für alle soziale Situationen notwendig – was nicht ausschließt, dass für bestimmte Situationen gültige Absprachen für andere nichtig sind. So gilt Geschlecht bspw. im Hardcore für viele Situationen als unwichtig und in anderen wird Heterosexualität implizit vorausgesetzt. Von Konventionen zu sprechen, heißt auch davon auszugehen, dass jede(r/s) und nicht einige wenige (Männer) nimmt an deren Festlegung und Verhandlung teilnimmt; wenn auch unterschiedlich.

Bildpunkt: Punk – und das gilt ja auch für Hardcore – ist sicherlich mehr eine Haltung als ein Musikstil plus Modegags. Es geht und ging dabei auch stark um Ablehnung, Verwerfung, Destruktion gegenüber bzw. von bestehenden Organisationsformen des Sozialen. Um eine Anti-Haltung letztlich. Wie lässt sich so etwas auf Dauer stellen? Werden die „hardcore kids“, wie du, Marion, sie durchgängig nennst, auch erwachsen? Oder sind sie dann weg vom Hardcore? Und wie – oder inwiefern – bist du also dabei geblieben, Luz?

M.S.: Dies hört sich so an, als schlössen sich ein Erwachsensein und ein Hardcore/Punksein a priori aus. Diese Idee haben wir unter anderem Wissenschaftlern zu verdanken, die von einer phasenhaften Entwicklung von Menschen ausgingen. Eine Anti-Haltung wird hier ausschließlich der Jugendphase (und hier jungen Männern) zugeschrieben. Luz’ Engagement und auch das meine zeigt deutlich, dass dies ein unterkomplexes Verständnis ist. Auch viele andere legen Punk mit dem Alter nicht ab; zumal Punk schon seit längerem Berufskarrieren ermöglicht. Doch die Intensität und die Zugehörigkeitsart kann sich über die Jahre ändern. Und hier sollte zwischen (Anti-) Haltung und der aktiven Teilhabe am Fortbestehen einer Gruppe unterschieden werden. Letzteres kann und nimmt in den meisten Fällen mit dem Alter ab – kann sich aber wieder intensivieren (was ich gerade bei Leuten in den 50ern beobachte), während ersteres zumeist fortbesteht; nur in anderen sozialen Kontexten gelebt wird.

L.K.: Punk hat mich erst über die Musik angefixt, dann kam ich schnell in die Polit-Schiene. Daher bin ich vielleicht nicht der richtige Interview-Partner für diese Frage. Nur kurz: Ich versuche, nicht nur in meiner Bildungsarbeit als Uni-Dozent, Filmemacher und Journalist was zu machen, sondern habe – nachdem ich es von der Massenbewegung der Zapatistas gelernt habe – nun auch vor, mit anderen Linken in Bereichen wie der demokratisch-kollektiven Kontrolle von Produktionsmitteln, Wohnraum und Ländereien voranzukommen. Daher lebe ich auch seit 2 Jahren in einem Mietshäusersyndikatsprojekt. Aber mein Einstieg aus dem Ausstieg des kleinbürgerlichen Lebens war definitiv der Punk. Und dann kam die Radikalisierung und die Erweiterung der Infoquellen, Perspektiven, Erfahrungen etc.

Bildpunkt: Schließlich stellt sich die Frage: 40 Jahre Punk – was wird den hier eigentlich gefeiert? 40 Jahre Anti-Haltung, die ja schließlich selbst zum verweigerten Establishment wurde? Ist Punk wirklich nicht tot? Feiern wir das 40jährige Überleben und auch das Erwachsenwerden von Punk oder feiern wir, dass es vor 40 Jahren einen Moment der radikalen Anti-Haltung gab, der bis heute ständig neu performt und so auch reproduziert wird?

L.K.: Wer feiert das denn und wer hat dazu aufgerufen? Ein Jubiläum? Natürlich gibt es Spieß-Punks, die sich in nichts von der Schützenfest-Klientel unterscheiden. Bei uns läuft jedenfalls immer noch ab und zu Punk aus zig Gegenden der Welt und ab und zu spielen wir auch noch als Band. Ich könnte ohne linken Punk nicht leben. Also seit 27 Jahren „Jubiläum“ in meinem Fall … mit viel Feiern, Anti-Haltung und viel selbstorganisierter, konstruktiver politischer Intervention.

M.S.: Eigentlich sind wir hier mit einem schönen Beispiel kollektiver Aktivität konfrontiert: Hier wird beobachtbar wie das Geburtsdatum des Punk verhandelt und festgeschrieben wird, wer und was daran teilhat und wo dies passiert. Erstens arbeiten nicht nur selbsternannte Punks daran, was Punk ist und war, sondern auch Journalist*innen, Politiker*innen oder Museumsleiter* innen. Zweitens wird hier eine Geschichte – von vielen möglichen – festgelegt. Begriffe wie Erbe, legacy oder Retroperspektive, die in den Jubiläumsreden fielen, schreiben Punk auch dem passé zu. Es gibt aber auch Gegenstimmen, zumeist von Punk-Wissenschaftler*innen, und genau hier passiert das kollektive Ringen um die Geschichte des Punk.

Das Gespräch wurde im Oktober 2016 von Ezgi Erol und Jens Kastner per E-mail geführt.

Marion Schulze ist Soziologin und unterrichtet Geschlechterforschung an der Universität Neuchâtel, Schweiz. Sie ist Autorin des Buches Hardcore & Gender. Soziologische Einblicke in eine globale Subkultur (transcript 2015) und schreibt regelmäßig auf ihrem Blog harshforms.com zur graphischen Ästhetik des Hardcore.

Luz Kerkeling ist Soziologe, Journalist, Filmemacher und neuerdings Hobby-Bio-Gemüse-Gärtner. Er ist Autor von ¡Resistencia! Südmexiko: Umweltzerstörung, Marginalisierung und indigener Widerstand (Unrast 2013) und weiterer Bücher zum Zapatismus.