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Punk! Historisierung!

Editorial

Craig O’Hara beschreibt Punks in seinem Buch The Philosophy of Punk als „antiautoritäre Nonkonformisten“. Das ist einerseits sicherlich nicht falsch, und doch ist es seit Erscheinen dieses Klassikers Anfang der 1990er Jahre nicht einfacher geworden, zu beantworten, worin eigentlich der Konformismus besteht, mit dem punkig gebrochen werden könnte. Zwar sind Normen und das konforme Andienen an sie nicht verschwunden, aber soziale Regeln haben sich doch vervielfältigt und sind unsichtbarer geworden. Das macht es generell schwieriger, so etwas wie Subkultur zu behaupten. Denn die Evidenz des „Sub“ ist letztlich auf die relative Starrheit, die Homogenität und auf die Breite der Akzeptanz einer Mehrheitsposition angewiesen. Andererseits ist es auch wichtig, das antiautoritäre Moment von Punk hervorzuheben. So wird nämlich schnell klar, dass Rechtspopulisten oder Salafisten mit ihrer je eigenen Haltung gegen das Etablierte nichts Punkiges an sich haben. Ihnen ist das alles zu lasch und zu schwul und zu demokratisch. Die Süddeutsche Zeitung hatte so gesehen unrecht, als sie ein Interview zu islamistischer Jugendkultur mit „Burka ist der neue Punk“ betitelte.

Obwohl Punk sich selbstverständlich nicht eindeutig definieren lässt, war und ist es Orientierungshilfe und, wie Jonas Engelmann es in der Einleitung zum sehr schönen Sammelband Damaged Goods. 150 Einträge in die Punk-Geschichte (Ventil Verlag 2016) schreibt, die „Musik persönlicher Politik“. Insofern ist Punk auch Selbstermächtigung – „Fuck it, das kann ich auch!“ (Viv Albertine)

Aber wie bei jeder Historisierung muss selbstverständlich auch hinsichtlich des Punk um Bedeutungsketten gefeilscht und gekämpft werden. Auch gegen die einstmaligen ProtagonistInnen. Da geht es zum einen darum, der Selbstheroisierung zu begegnen. Der ehemalige Sex Pistols-Sänger John Lydon nennt sich selbst in seiner Autobiografie einen „kompromisslosen Draufgänger“ („Ich wage mich vor, die anderen folgen, wenn es sicher ist.“) und hat dafür natürlich ein geschüttelt Maß der frontal auf die Gesichtsmitte hin geöffneten Bierdose verdient. Zum anderen geht es aber auch um noch notwendigere, gewissermaßen sozialhistorische Einsprüche. So muss auch dem Ex-Boomtown Rats-Sänger Bob Geldof widersprochen werden, wenn er im Gespräch mit Campino rückblickend sagt, die Gewerkschaften hätten die Regierung kontrolliert und gegen den dadurch ausgelösten Stillstand wäre Punk aufgestanden. Denn das ist natürlich Quatsch.

Vierzig Jahre nach Aufkommen der Melange aus Dreiakkordmusik, Do It Yourself und Hippiehass ist Punk zweifelsohne ein Fall fürs Museumsarchiv und zugleich ausdifferenzierte Subkultur mit Pfiff und Einfluss ohne Ende. Ob Punk zur Kulturindustrie gehört wie der Bodenreformer zum Kapitalismus, lässt sich daher nach wie vor ebenso diskutieren wie die Mackerhaftigkeit der Revolte und die Aktualität von Arbeitsverweigerung und Hässlichkeit. Weil Punk auch in die Kunst intervenierte, Feminismus affirmiert und radikale Praxis ausprobiert hat, widmet sich diese Bildpunkt-Ausgabe dem transnationalen Phänomen – wie immer zwischen Bewegung, Theorie und Kunstpraxis.


Jens Kastner, koordinierender Redakteur