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Miese Arbeitsbedingungen in Kunst- und Kulturbetrieben.

Gabi Horak

Mitarbeiter_innen der Tate Gallery in London haben kürzlich in einer losen Kommentar-Reihe im Guardian über ihre Arbeitsbedingungen berichtet. Nullstundenverträge (also Bezahlung nur dann, wenn die Leistung gerade gebraucht wird), unregelmäßige Arbeitszeiten ohne Anspruch auf Krankenstand, Fixanstellung oder bezahlten Urlaub sind hier Standard. Die Menschen müssen ihr gesamtes Privatleben den Bedürfnissen und Bedingungen des Unternehmens unterordnen. Auch in Österreich ist das große Aushängeschild Kultur ein in weiten Teilen prekäres Arbeitsfeld, in dem gut und oft akademisch ausgebildete Arbeitskräfte unter oder gerade noch auf Mindestlohnniveau arbeiten. Der Grund dafür ist einerseits, dass es im Kulturbereich viele Jobs gibt, die in keinen Kollektivvertrag fallen. Andererseits kämpfen viele Institutionen, vor allem in der freien Szene mit finanziellen Problemen. Da ist die gesetzlich vorgeschriebene halbe Stunde Mittagspause ebenso wenig selbstverständlich wie die Duldung von Betriebsrät_innen. Betroffene klagen über chronische, stressbedingte Krankheiten und Rechtfertigungsdruck bei Krankenständen oder Urlaub.

Lebenslang prekär

Leider sind miserable Arbeitsbedingungen nicht nur in der freien Szene gang und gäbe. „Eigentlich habe ich einen Abschluss in Geschichte und Theaterwissenschaft, aber nachdem ich schon während des Studiums angefangen habe, nebenbei in einem Kulturbetrieb zu arbeiten, bin ich letztendlich hängengeblieben. Eigentlich unterscheidet sich die Arbeit an der Kassa in einer Kultureinrichtung nicht sehr von der Tätigkeit einer Supermarktverkäuferin“, erzählt Katrin*, die seit einigen Jahren in einer renommierten Kulturinstitution tätig ist. Von vielen Ideen und Zukunftsvisionen beseelt, bleiben viele Studierende der Geisteswissenschaften auch nach Abschluss des Studiums, weil es einfach keinen Arbeitsmarkt für sie gibt. „Die Bezahlung ist bescheiden und der Dienstplan teilweise so unregelmäßig, dass man sich das Privatleben um den Job herum bauen muss“, sagt Katrin. „Während andere am Wochenende frei haben, sitzt man hier teilweise auch an Samstagen und/oder Sonntagen zusätzlich zu den obligatorischen Wochenstunden in der Arbeit.“

Auch in der Kulturvermittlung arbeiten bestens ausgebildete Akademiker_innen (großteils Frauen), viele von ihnen machen den Job auf Werkvertrag oder als freie Dienstnehmer_innen und oftmals als Zuverdienst zu Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe. Ulli Fuchs ist fünfzig Jahre alt, studierte und renommierte Volkskundlerin. Sie hat die IG Kultur Wien als Interessengemeinschaft für autonome Kulturarbeit mitgegründet und aufgebaut und sich für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen eingesetzt. Derzeit lebt sie – wie viele bisherige Jahre ihres Berufslebens – von der Notstandshilfe und geringfügigen Honoraren. „Ich werde wohl keine adäquate Anstellung mehr finden – auch weil ich zu unbequem bin.“ Ulli Fuchs war als unabhängige Gewerkschafterin aktiv und hat sich für prekär Beschäftigte eingesetzt. Die hohe Arbeitslosenquote bei Akademiker_innen sei unter anderem auf die Aufnahmesperre im öffentlichen Dienst zurückzuführen, ist sie überzeugt: „Da wird auch nach Pensionierungen nicht nachbesetzt, sondern das Team muss die Arbeit auffangen. So werden überarbeitete Arbeitnehmer_innen produziert und gleichzeitig finden die Jungen keinen Job.“ In den 1980ern haben oft Studierende und Pensionist_innen Führungen in den Museen geleitet, „das war ein willkommener Zuverdienst“, erzählt Fuchs. „Heute werden wieder vermehrt junge Praktikantinnen und Seniorinnen für die Vermittlung herangezogen – allerdings völlig unbezahlt.“

Unterbezahlt und krank

Charlotte* war für zwanzig Stunden in einem kleinen Theaterbetrieb angestellt, „aber das Gehalt war schlechter als bei einem Praktikum“, erzählt sie. „Mir wurde versprochen, als Regieassistentin an neuen Stücken mitarbeiten zu dürfen.“ Tatsächlich hatte ihre Arbeitswoche oft sechzig Stunden und in dieser Zeit hat sie Buchhaltungsaufgaben übernommen, Newsletter geschrieben, Kaffee gekocht und Brötchen geschmiert, wenn Regisseure eingeladen waren. An den Gesprächen aktiv teilnehmen durfte sie aber nicht. Auch Irina (Name von der Redaktion geändert.) war begeistert, als sie nach dem Abschluss an der Angewandten für das Bühnenbild bei einer kleinen Operntruppe engagiert wurde. Das Gehalt war „ein Witz“, doch der Verein versicherte, bald kämen Subventionen. Irina bezahlte ihre Materialien für die Bühne vorerst aus der eigenen Tasche. „Dann hieß es, das Geld kommt doch nicht in der Höhe wie erwartet und ich solle mir Alternativen bezüglich der Materialkosten überlegen. Da hab ich mich über Baustellen und Mülldeponien hergemacht, auf der Suche nach geeignetem Schrott für meine Bühnenkonstruktionen.“ Auf den anfänglichen Kosten blieb sie sitzen, doch „mein Honorar hat nicht einmal die Hälfte davon abgedeckt“.

„Wenn ich noch mal anfangen könnte, würde ich nicht wieder im Kulturbereich anfangen zu arbeiten“, sagt Katrin, die für viele Häuser in mehreren Städten gearbeitet hat. Die Arbeit sei nicht nur schlecht bezahlt, sie mache mitunter auch krank. Sie erzählt von einem Job an der Kassa eines großen Museums, der im Winter besonders unangenehm war: „Die Türen schlossen nicht automatisch und die meisten Gäste ließen sie offen stehen. Ich bin im Anorak dagesessen und hatte trotzdem vier Jahre lang den ganzen Winter Blasenentzündungen.“ Für kurze Zeit wurde ein kleiner Heizstrahler zur Kassa gestellt, der ging aber kaputt und wurde nicht ersetzt. Der Museumsleiter äußerte sich stets abschätzig über die Bediensteten an der Kassa und selbst der Betriebsrat hatte wenig Interesse, die Situation zu verbessern. „Alle meinten nur: ‚Das müssen Sie selbst lösen‘.“

Fehlende Lobby

„Die Gewerkschaft, wie sie derzeit aufgestellt ist, vertritt in erster Linie angestellte Gutverdiener. Ich hab jahrelang versucht für prekär Beschäftigte etwas zu erreichen, aber das ist chancenlos.“ Ulli Fuchs war in ihrer Zeit als freiberufliche Vermittlerin Kandidatin für die unabhängige Gewerkschaftsfraktion KIV – Konsequente Interessenvertretung. Sie hat vier Jahre lang im WienMuseum und zehn Jahre im Volkskundemuseum als Vermittlerin gearbeitet. In dem von einem privaten Verein betriebenen Volkskundemuseum wurde sie 2002 auf Werkvertrag engagiert. Dreißig Euro war der Stundenlohn. Zehn Jahre später waren es immer noch dreißig Euro, allerdings mittlerweile pro Führung, ohne Vor- und Nachbereitungszeit. „Dann haben mehr und mehr unbezahlte Praktikantinnen die Führungen übernommen und ich hatte nur mehr fünf Führungen im Monat. Es wurde immer schlimmer und es gab keine Bereitschaft der Leitung, hier eine gute Lösung zu finden, darum musste ich gehen.“ Im öffentlich betriebenen WienMuseum war die Situation nicht wesentlich besser, auch hier begann sie 2004 auf Werkvertragsbasis. Weil die Krankenkassen wegen der fehlenden Arbeitgeberbeiträge vermehrt geprüft und die Arbeitgeber_innen auch gestraft haben, musste das Museum wie viele andere Kulturbetriebe auf freie Dienstverträge umstellen – tat dies aber nur im Geringfügigkeitsrahmen. „Das ist für die Betroffenen nicht wirklich besser, nur eine fixe Anstellung wäre besser.“ Denn der Stundenlohn für Freie sei sehr niedrig, obwohl sie davon noch selbst Versicherung und Steuern zahlen müssen. Der „Verband für Kulturvermittler_ innen“ veröffentlicht zwar jährlich eine „Empfehlung“ für Honorarsätze. „Aber die sind meilenweit von der Realität entfernt“, so Fuchs.

Doch es gibt auch einige wenige positive Entwicklungen. Das Technische Museum Wien hat alle Kulturvermittler_innen fix angestellt, erzählt Ulli Fuchs. Teamwork stehe im Vordergrund und der Betriebsrat arbeite gut. „Vielleicht liegt es daran, dass dort im Gegensatz zu allen anderen Häusern die Vermittler_innen zur Hälfte Männer sind.“



Gabi Horak ist langjährige Redakteurin bei an.schläge – das feministische Magazin. Sie lebt in Wien.

Dieser Text erschien zuerst und ungekürzt in an.schläge VI/2016 mit dem Themenschwerpunkt Kulturarbeit.