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„… neue Formen der Vergesellschaftung jenseits nationalstaatlicher Identifikationsmuster“

Politiken der Freund*innenschaft. Im Gespräch mit Ivana Marjanović & Nataša Mackuljak (Wienwoche) und Rahel Sophia Süß

Bildpunkt: Ivana und Natasa, das Kunst- und Kulturfestival Wienwoche war in diesem Jahr unter dem Motto forever together der Freund*innenschaft gewidmet. Ihr habt dabei ein sehr emphatisches, positives Verständnis von Freund*innenschaft vertreten: „Wenn Ignoranz und Unterdrückung ansteigen“ heißt es auf der Wienwoche-Homepage, „so wächst auch unsere Fähigkeit, sie zu bekämpfen. Wir tun dies im Alltag und wir tun es während der Wienwoche 2016: in Unterstützungs- Netzwerken, im Freundeskreis, in Aktivistengruppen, künstlerischen Projekten […].“ Ist Freund*innenschaft aus eurer Sicht für eine kritische Praxis essentiell?

Ivana Marjanović & Nataša Mackuljak: Wir glauben, dass das Schaffen von Netzwerken, die auf affektiven, nicht nur auf Überleben sondern auch auf den Widerpruch zur Realität ausgerichteten Strategien basieren, Widerstände, Wissen und Praxis erzeugen kann. Und zwar in dem Sinne, in dem Encarnación Gutiérrez Rodríguez sich auf Eve Sedgwicks „Politik der Affekte“ bezieht, als „einem visionären politischen Projekt, das die Sorge für uns selbst als Gemeinschaftswesen ins Zentrum rückt und Solidarität, Verantwortung, Großzügigkeit und Gegenseitigkeit mit einschließt.“[1] Der Aufruf zum Festival übersetzte die Möglichkeiten dieses Glaubens an das Potenzial des Zusammenhaltens und der Solidarität in die Reflektion der Bedingungen von Möglichkeiten durch kulturelle Produktion und aktivistische und künstlerische Projekte, die sich in dekolonialen/ antirassistischen, antiklassistischen/ antisexistischen/ antihomound antitransphoben sowie anti-islamophoben Kämpfen engagieren und mit den Kämpfen gegen Grenzen in lokalen und transnationalen Aktionen verbinden. Der Begriff der Freund*innenschaft ist hier ein ernsthafter Vorschlag, für etwas anderes zu arbeiten als für die individualistisch-neo - liberale Idee von „so viele Freund*innen wie möglich haben, die dir so viele Likes wie möglich bescheren“. Hier geht es um kulturelle Projekte, die das Feiern als Strategie benutzen, um soziale und politische Kämpfe in die öffentlichen Debatten einzuspeisen, ohne notwendigerweise auf eine Ästhetik der Viktimisierung zurückzugreifen.

In Zeiten des exzessiven Pessimismus, die der globale Kapitalismus auslöst, entschieden wir uns dafür, uns mittels eines anderen Vokabulars des Exzesses miteinander zu verbinden. Das sollte nicht als zynischer Akt, sondern als politisches Liebes- Manifest verstanden werden, das dieses Festival rahmt. Dafür stehen etwa Projekte wie Cantina Corazón, in der eine Gruppe von Künstler*innen und Aktivist*innen die Performativität der Freund*innenschaft durch Performances, Konzerte, Poetry Slams, Anti-Lesungen, Karaoke-Nächte und die Tanzveranstaltung am ersten Abend zur Geltung brachten, als es darum ging, die Bühne zu teilen und damit Privilegien in Frage zu stellen. Oder der dekoloniale Ansatz von Cantina Corazón, Tarot-Karten an einem Ort zu lesen, an dem Menschen sonst zum Kartenspielen zusammenkommen (Café Weidinger). Auch das Good News Studio des Refugee TV steht dafür, wo ein Kollektiv aus asylsuchenden Journalist*innen sich auf „gute Nachrichten“ fokussiert. Sie opponieren der Rhetorik der Mainstream-Medien, in der nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind. Stattdessen berichtet das Good News Studio des Refugee TV von Geschichten, in denen Freund*innenschaft und Solidarität stattfinden. Auch all die anderen Projekte wurden mit dem Ziel ausgewählt, die Kräfte zu vereinen, um einen großen Knall im Herzen von Wien auszulösen. Hier können wir den Satz des Migrantinnenkollektiv maiz wieder verwenden „Austria we love you and we will never leave you“. Auch wenn er bereits fünfzehn Jahre alt ist, bringt er doch sehr klar die Ambitionen auf Emanzipation zum Ausdruck, und darauf, mehr statt weniger zu hoffen.

Bildpunkt: Rahel, Du hast ein Buch mit dem Titel Kollektive Handlungsfähigkeit geschrieben. Welche Rolle spielen für dieses Konzept persönliche Bindungen und inhaltliche Sympathien? Anders gefragt: Würdest du Freund*innenschaft als Bedingung für eine Handlungsfähigkeit unter empanzipatorischen Vorzeichen verstehen?

Rahel Sophia Süß: Ja und nein. In unserer Gesellschaft überwiegt eine Form der Freund*innenschaft, die sich als Aufforderung versteht, mit denen befreundet zu sein, die uns am ähnlichsten sind. Eine solche Freund*innenschaft steht nicht dafür, unser Denken und Handeln zu weiten. Sie steht für immer gleiche, unterschiedslose Wiederholung, für Gleichförmigkeit und Einheit. Freund*innenschaft als politische Kategorie zu denken, als Triebkraft für grundlegende Veränderungen, bedeutet aber, die Welt ausgehend vom Unterschied zu erfahren und nicht von der eigenen Identität.

Bildpunkt: Es gibt einerseits diese starke Betonung der politisch- emanzipatorischen Aspekte von Freund*innenschaft, die mit Jacques Derridas Buch Politik der Freundschaft als gewissermaßen philosophisch abgesichert gelten kann. Andererseits hat Freund*innenschaft in Bezug auf Politik aber auch durchaus negative Konnotationen: als männerbündische Kumpanei, Korruption, Freunderlwirtschaft. Haben sich diese Dimensionen auch in der Wienwoche abgebildet? Falls nicht, warum nicht?

Ivana Marjanović & Nataša Mackuljak: Wir haben tatsächlich nicht auf die Geschlechterdimension des deutschen Wortes abgehoben. Wir sind eher von der „Geschlechtslosigkeit“ des englischen Begriffs friendship ausgegangen. Die deutsche Übersetzung impliziert sicherlich eine weitere Ebene der Interpretation und der Diskussion, aber für uns war die feministische Kritik ohnehin eine Arbeitsgrundlage. Und sie ist es auch für die Projekte, die noch darüber hinaus gehen.

Das Angebot des Festivals besteht nicht in einer Hippie-Happy Hour, in der wir zusammenkommen, weil wir uns alle lieben und alle menschliche Wesen sind. Die Schwierigkeit besteht ja gerade darin, keine strukturellen Barrieren des Ausschlusses aufzubauen. Es geht darum, stattdessen eine widerständige Plattform gegen die rechten Politiken, das restriktive Migrationsregime der Europäischen Union und gegen die fatalen Effekte der Individualisierung, der Einsamkeit und der Depression zu schaffen, die durch die neoliberalen Konzepte der Funktionalität, des Erfolgs und der flüchtigen Realitäten ausgelöst werden. Derrida ist ein sehr wichtiger Bezugspunkt im Hinblick auf Bürger*innenschaft, Gastfreundschaft und politische Emanzipation, aber man muss sein philosophisches Konzept vielleicht etwas herunterbrechen. Uns ging es darum, bestehende aktvistische Gruppen zu unterstützen und die Rolle aktivistischer Kunst, in der Wissen und Solidarität geteilt werden, ständig neu zu erfinden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Protest Production Collective, das die Wienwoche zum dritten Mal fördert. Das Kollektiv entstand im Kontext des Vienna Refugee Movement mit dem Ziel, Leute zusammen zu bringen: vom Asylgesetz, Frontex und den Visa-Politiken Betroffene und jene, die solidarisch für die Bewegungsfreiheit kämpfen.

Bildpunkt: Sieht man Freund*innenschaft als selbst gewählte Alternative zur Familienbande und zur imaginären Gemeinschaft der Nation, aus denen es kein Entkommen gibt, ist sie sicherlich konzeptionell und prinzipiell zu begrüßen. Zur Ambivalenz von Freund*innenschaft gehört aber – im Gegensatz zur Familie – auch die ständige Erneuerungsbedürftigkeit. Das kann stressig und aufwändig sein, und nicht selten werden Erwartungen enttäuscht. Wieso ist Freund*innenschaft dennoch auch politisch ein lohnendes Unterfangen?

Rahel Sophia Süß: Dort wo die Idee eines autonomen und rational handelnden Subjekts uneingeschränkt herrscht und die Ökonomisierung sozialer Beziehungen in alle Lebensbereiche eingreift, werden Menschen auf ein bloßes Mittel reduziert, voneinander abgespaltet und isoliert. Solche Formen der Vereinzelung bremsen auch politische Organisierungsprozesse. Freund*innenschaft ist gerade deshalb ein politisch lohnendes Unterfangen, weil sie mit dieser Verwertungslogik brechen kann, indem sie politische Subjektivitäten und Formen des In- Beziehung-Seins jenseits eines solchen Nutzens-Kalküls hervorbringt.

Ivana Marjanović & Nataša Mackuljak: Wenn es um Leben und Tod geht, und wir sprechen hier über Menschen, die dazu gezwungen sind, aufgrund akuter Notlagen ihre Länder zu verlassen, hat man keine Zeit für Fragen wie: was ist stressig oder zeitraubend? Achille Mbembe schreibt: „Etwas zu schaffen ist zuerst und vor allem Zeit zu schaffen.“ Wir haben persönlich erlebt, dass, wenn Migrant*innen nach Österreich kommen, Überleben heißt, Allianzen mit befreundeten Gruppen zu schmieden, die in andere, aber nicht unverbundene Kämpfe involviert sind. Eine von uns hat das auch als Kriegsflüchtling erfahren, und wir haben beide auf sehr unterschiedliche Weisen in Kriegszeiten gelebt. Wir betrachten Freund*innenschaft als etwas Wertvolles, das in Zeiten des Kampfes aber auch unabhängig davon gepflegt werden muss. bell hooks schreibt in ihrem Buch All about Love: „Sich der Ethik der Liebe hinzu geben verändert unser Leben, indem es uns eine Reihe von Werten anbietet nach denen wir leben können. Im Großen wie im Kleinen fällen wir Urteile, die auf dem Glauben basieren, dass Ehrlichkeit, Offenheit und persönliche Integrität in öffentlichen wie in privaten Entscheidungen zum Ausdruck kommen müssen.“ Deshalb sprechen von einer „Politik von Verbundenheit, Liebe und Freundschaft“.

Bildpunkt: Die politische Anrufung von Freund*innenschaft und Kolleg*innenschaft, von Kollektiven und Bündnissen erweist sich auch dann als ambivalent, wenn sie primär dazu dient, den Staat aus der Verantwortung zu nehmen, also nach neoliberalem Modell vormals staatliche Aufgaben an private Instanzen auszulagern – etwa in Form des Crowdfundings. Wie würdet Ihr dies einschätzen?

Rahel Sophia Süß: Die Kritik am systematischen Abbau des Sozialstaates ist wichtig. Es greift aber zu kurz, die alleinige Verantwortung an den Staat zu delegieren, indem Forderungen nach politischen Veränderungen einzig an offizielle politische Verantwortungsträger* innen adressiert werden. In Zeiten zunehmender Sorge um die kulturelle Einheit geht es vielmehr darum, neue Formen der Vergesellschaftung jenseits von Identifikationsmustern zu entwickeln, die der Nationalstaat anbietet. Dafür ist Freund*innenschaft unverzichtbar, welche die Freisetzung von Unterschieden fördert, statt sie zu eliminieren.


Ivana Marjanović ist als Kunsthistorikerin, Forscherin, Autorin, Kuratorin und Kulturproduzentin in den Bereichen zeitgenössische Kunst, Kultur und Theorie tätig. Sie ist künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Wienwoche.

Nataša Mackuljak ist Performerin, Multimedia-Künstlerin, Sozialarbeiterin und Aktivistin. Sie ist künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Wienwoche.

Rahel Sophia Süß ist Politikwissenschaftlerin und Lektorin an der Universität Wien, sie promoviert zum Begriff der radikalen Demokratie als Experiment und ist Initiatorin des Magazins engagée. für politisch-philosophische Einmischungen.

Das Gespräch wurde im Juli/August 2016 per E-Mail von Jens Kastner und Paula Pfoser geführt. Die Antworten von Ivana Marjanović & Nataša Mackuljak hat Jens Kastner aus dem Englischen übersetzt.

[1] Encarnación Gutiérrez Rodríguez: Politiken der Affekte. Transversale Konvivialität. Übersetzt von Therese Kaufmann. In: transversal, 01/2011