IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Jenseits von Subsidiarität und Tankstelle.

Editorial

„Kontingenz bedarf der Freundschaft als Alternative zur Irrenanstalt“ hatte der Soziologe Zygmunt Bauman einst geschrieben. Freund*innenschaft erscheint da als wichtiger werdende Garantin dafür, nicht durchzudrehen angesichts der instabilen Gewissheiten und der prekär gewordenen sozialen Sicherheiten. Bei Jacques Derrida wurde die „Politik der Freundschaft“ als alternative, letztlich antistaatliche Verbindungen der Verantwortung füreinander konzipiert: Von hier aus lassen sich neue Kollektivitäten und Kropotkins alte „gegenseitige Hilfe“ (in und jenseits der Kunst) ebenso denken wie allerdings auch das Korrupte der Freunderlwirtschaft und die Exklusion der Männerfreundschaft.

Schon im ersten deutschen Kino-Blockbuster wird es einprägsam intoniert: „Ein Freund, ein guter Freund, ist das schönste, was es gibt auf der Welt“ (Die drei von der Tankstelle, 1930). Dem möchte man zustimmen und muss sich dennoch fragen, warum das Lied 1988 ausgerechnet von der Rechtsrock-Band Böhse Onkelz gecovert wird.

Ist Freund*innenschaft immer eine zweischneidige Sache, sozusagen universell ambivalent? Oder gibt es auch partikularistische Besonderheiten? Da sie einerseits so voll von Emotionalität und Affekten, andererseits aber auch an die Gepflogenheiten des Tausches von Auto-, Fußball- und Popwissen angepasst ist, erscheint der geschlechterdifferenzierte Blick auf Freund*innenschaft aufgelegt. Angewandt wurde er allerdings selten. Und ist Freund*innenschaft auch hinsichtlich Klassenherkunft und ethnischer Zuschreibung konnotiert? Sind bestimmte Leute auf spezifische Art miteinander befreundet? Und wie entsteht dann transversale Freund*innenschaft?

In der Tradition von Aristoteles wird in Sachen Freund*innenschaft noch voll auf Ähnlichkeit gesetzt. Freund*in kann nur sein, wer eine/n selbst spiegelt. Im Anschluss an Derrida hingegen geht es um Konzepte von Freund*innenschaft, die sich gerade den Anderen in ihrer Andersheit nähern. Aber ist sie als etwas Gemeinsames im Unterschiedlichen immer schon da oder muss sie erst mühsam über sozialstrukturelle Grenzen und kulturelle Schranken hinweg gestiftet werden?

Wie also muss Freund*innenschaft konzipiert und praktiziert sein, damit sie als emanzipatorische funktioniert? Wie entsteht ein inkludierendes, solidarisches Netzwerk anstatt exklusiver Klubs? Und reicht das aus, um nicht in die Falle zu tappen, die im Zuge der neoliberalen Offensive aufgestellt wurde: Wo staatliche Sozialleistungen abgebaut werden, braucht es notgedrungen – neben der Familie – Freunde und Freundinnen, um noch einigermaßen klar zu kommen. Freund*innenschaft fungiert hier als Teil des Subsidiaritätsprinzips. Und das ist sicherlich keine Aufwertung, die es gutzuheißen gilt.

Diese Bildpunkt-Ausgabe erscheint als Kooperationsprojekt mit Wienwoche und an.schläge. Das feministische Magazin – sozusagen in freundschaftlicher Verbundenheit.



Jens Kastner, koordinierender Redakteur