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Doing Things Together – Kooperation als Freundschaft in der Kunst?

Dagmar Danko

Howard S. Becker – US-amerikanischer Soziologe, der viele bedeutende Studien zu den Künsten vorgelegt hat – pflegt sein Leben lang produktive Freundschaften. Darunter sind Freundschaften zu verstehen, aus denen heraus Forschungsprojekte und darauf aufbauend gemeinsame Publikationen entstehen. Das markanteste Beispiel ist das Buch „Do You Know…?“ The Jazz Repertoire in Action, welches Howard S. Becker zusammen mit Robert R. Faulkner geschrieben hat und das 2009 erschienen ist. Becker und Faulkner sind beide nicht nur Soziologen, sondern auch Musiker, der eine Jazz-Pianist, der andere Jazz-Trompeter. Beide haben in Bands gespielt, regelmäßig Auftritte absolviert und somit direkten Einblick in die Welt des Improvisierens gehabt, der sie in diesem Buch versuchen, auf den Grund zu gehen. Um es verwirklichen zu können, haben Becker und Faulkner sehr, sehr viel gemailt. Eine Freundschaft, ein Projekt quer über den ganzen US-amerikanischen Kontinent: Der eine lebt an der Westküste, der andere an der Ostküste. Kommunizieren und kooperieren in digitalen Zeiten. Davon zeugt seit 2013 ein weiteres Buch, Thinking Together. An E-Mail Exchange and All That Jazz, in dem diese Korrespondenz nachzulesen ist. E-Mail für E-Mail erkennt man eine Art Verschiebung: Von einem Austausch unter Freunden über das Jazz-Repertoire, über die Frage, was das überhaupt sein soll, bis hin zu ersten Ideen, wie genau dies zu erforschen wäre. Eine bemerkenswerte, ungewöhnliche Lektüre.

In seinem Klassiker Art Worlds hat Becker den Begriff der Kooperation für seine Verwendung in der Soziologie der Künste systematisiert. „Doing things together“ ist das Leitmotiv seiner Arbeit: Forschungsprojekte, Kunst, Politik – alles wird von Menschen gemeinsam gemacht. Gesellschaft an sich ist nichts anderes als kollektives Handeln. Immer wieder und vor allem immer wieder von Neuem wird in Interaktionssituationen verhandelt, diskutiert, abgesprochen, wie was zu verstehen ist und welcher Schritt als nächster folgt. So entstehen wissenschaftliche Erkenntnisse, Kunstwerke, politische Entscheidungen. Menschen kooperieren, so Becker, weil es die Dinge einfacher macht. Man kann immer alles neu machen, anders, von vorne beginnen, alles auf den Kopf stellen. Nicht immer ist das sinnvoll, nicht immer hat man dazu die nötige Energie. Es ist leichter und vieles geht schneller, wenn man sich auf bereits gemachte Erfahrungen stützt: Was ist bei einem ähnlichen Versuch herausgekommen? Welche Werkstatt weiß, wie man mit diesem Material umgeht? Gibt es in dieser Frage vielleicht schon einen Konsens? Übereinkünfte, die einmal getroffen wurden und auf die man sich in der Folge beziehen kann (aber nicht muss), bezeichnet Becker als Konventionen. Aber ob man in Kooperationen auf diese oder jene Konvention zurückgreift oder auf gar keine, steht frei – und da beginnen die Diskussionen.

Beckers Kooperationen werden oft missinterpretiert als reibungslose Abläufe, es wird suggeriert, dass sich die beteiligten Akteur_innen stets wohlgesonnen sind und nach getaner Arbeit freundschaftlich auf die Schulter klopfen. Doch nichts liegt Becker ferner, als Kooperationen auf solche Situationen zu reduzieren. Konflikte und Intrigen, Konkurrenz und Wettbewerb, Unzufriedenheit und Widerspruch sind genauso Teil von, ja, Ausdruck von Kooperationen. Becker kooperiert mit seinem langjährigen Freund Faulkner, aber auch mit seinen Kritiker_innen, Künstler_innen kooperieren mit Werkstätten, die ein anderes Verfahren zur Materialverarbeitung durchsetzen, ebenso wie mit Galerist_innen, die eine ganze Werkreihe ablehnen, und Politiker_innen kooperieren immer auch mit der Opposition. Der Begriff der Kooperation ist weit gefasst, er meint nicht mehr, aber auch nicht weniger als wechselseitig aufeinander bezogenes, soziales Handeln und steht nicht nur für gelungene Kooperation oder gar ein Arbeiten unter Freunden. Und selbst da weiß jeder, der Freundschaften führt, dass diese nie gänzlich frei von Auseinandersetzungen sind.

In der Kunst kann das weitreichende Konsequenzen haben. Künstlerkollektive, Künstlergruppen finden meist aus einer gewissen Sympathie füreinander zusammen. Dann wird gemeinsam Kunst gemacht (doing art together), wie beispielsweise bei der Situationistischen Internationale: Kunst und Freundschaft befeuern sich gegenseitig – bis sie sich in die Quere kommen (im Detail ausgearbeitet bei Orlich 2011). Doch auch daraus kann Kunst entstehen oder Wissenschaft oder Politik: Es gibt nicht nur produktive Freundschaften, sondern auch produktive Feindschaften. Kooperiert wird, nach Becker, in jedem Fall.


Dagmar Danko ist Kunstsoziologin und Sprecherin des Arbeitskreises Soziologie der Künste der Sektion Kultursoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Sie lebt und arbeitet u.a. in Freiburg.



Literatur


Becker, H. S.: Art Worlds, Berkeley u.a.: University of California Press, 1982.

Becker, H. S. / Faulkner, R. R.: „Do You Know …?“ The Jazz Repertoire in Action, Chicago u.a.: The University of Chicago Press, 2009.

Becker, H. S. /Faulkner, R. R.: Thinking Together. An E-Mail Exchange and All That Jazz, ed. D. Hagaman, Annenberg Press, 2013.

Orlich, M. J.: Situationistische Internationale. Eintritt, Austritt, Ausschluss. Zur Dialektik interpersoneller Beziehungen und Theorieproduktion einer ästhetischpolitischen Avantgarde (1957–1972), Bielefeld: transcript, 2011.