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Fabulierte und fabulierende Gewalt.

Editorial

Spricht man die Fremden als Fremde an, macht man sie erst zu Fremden. Tut man aber so, als seien sie keine, versteht man ihre spezifischen Nöte und Begehren nicht, verschleiert die Verschiedenheit ihrer Existenzformen und kann dementsprechend nicht auf sie reagieren. Ein moderner Teufelskreis. Wobei modern hier durchaus zeitdiagnostisch zu verstehen ist, denn um den Fremden zugeordnet zu werden, braucht es nicht unbedingt Migrationshintergrund, sondern es genügt, so jedenfalls die Soziologie der Fremdheit, ganz normale/r BewohnerIn einer Großstadt zu sein (egal vor welchem Hintergrund). Deren Anonymität mache uns gegenseitig nämlich zu Fremden (im idealtypischen Unterschied zur Alle-kennenalle-Transparenz des vormodernen Dorfes). Wenn wir uns alle gegenseitig und im Grunde schon – Julia Kristeva schrieb darüber – uns selbst fremd sind, wo ist dann das Problem? Denn wenn alle fremd sind, ist es keine/r. Es gibt wirkmächtige Fremdzuschreibungen. Es gibt Neugierde, die das (vermeintlich) Unbekannte einzuordnen versucht und dabei Kategorien erfindet, die dem so ausgezeichneten Gegenstand Schaden zufügen und Gewalt antun.

Die „Neugier als Vermögen des menschlichen Geistes und als kulturelle Sensibilität“, schreibt Achille Mbembe in Kritik der schwarzen Vernunft, sei „untrennbar mit einer ungeheuren Fabulierarbeit verbunden, die vor allem im Blick auf andere Welten systematisch die Grenzen zwischen Glaubhaftem und Unglaublichem, Wunderbaren und Tatsächlichem verwischt.“ Die Gewalt – fabuliert und fabulierend – trifft immer bestimmte Leute mit größerer Wahrscheinlichkeit und mit subti- lerer Heftigkeit als andere. Wer einmal Grenzkontrollen im Zug erlebt hat, weiß das: Hier regieren allein die Rationalität des eingeübt abschätzenden, legitimierten Blickes und die Konnotation, die an Dunkelheit von Haut- und Haarfarbe geheftet sind. Der Grund: „Der Fremde“, so der Soziologe Zygmunt Bauman, „unterminiert die räumliche Ordnung der Welt.“ Mit den topographischen stehen dann auch die moralischen Standards zur Debatte. Dem/ der fremd Gemachten muss nicht mit der gleichen Verantwortung begegnet werden wie den „Eigenen“. Die gegenwärtige Verschärfung der Grenzregime veranschaulicht Baumans These. Zwischen Kunstproduktion, Kulturtheorie und künstlerischer Praxis widmen wir uns mit der Doppelnummer zum Thema Neugierde und Gewalt den beiden großen Fremdheits- bzw. Alteritätskonstruktionen: den/dem Fremden in Inneren und den/dem Anderen in der Ferne. Wir setzen damit auch unsere Auseinandersetzungen zu Migrationspolitiken (Existstrategien, Bildpunkt #31) und Geopolitik (Dezentrale Karten, Bildpunkt #18) fort.


Jens Kastner, koordinierender Redakteur

 

 

 

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