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"Ich glaube, leicht ist es nie als Künstlerin" (Therese Eisenmann). Gespräche über "Kunst und Kinder" mit Künstlerinnen (kinderlosen und Müttern)

Hannah Winkelbauer

 

Meine Großmutter (1924–2014) war Künstlerin. Besser gesagt, sie hat Bildhauerei studiert, danach einige Jahre als Restauratorin gearbeitet und ein Auftragswerk ausgeführt. Dann hat sie meinen Großvater kennengelernt und vier Kinder bekommen. Sie hat nie wieder künstlerisch gearbeitet. Ihrer Überzeugung nach waren sowohl die Kunst als auch eine Familie Dinge, die man entweder ganz oder gar nicht machen solle. Vor einigen Jahren hat mir meine Großmutter etwas verraten, was sie zuvor (zumindest mir gegenüber) nie ausgesprochen hatte: dass es ihr Leid täte, die Kunst ganz aufgegeben und nie mehr damit angefangen zu haben. Bis zu diesem Moment hatte sie der Familie gegenüber immer betont, wie wichtig ihr ihre Lieben seien und immer eine grundsätzlich positive Sicht auf die Dinge des Lebens gehabt. Die Wehmut darüber, dass sie ihre Identität als Bildhauerin mit der Eheschließung und Mutterschaft abgelegt hat, ließ sie sich erst im hohen Alter anmerken. Auch von anderen Künstlerinnen der Generation meiner Großmutter kenne ich Aussagen, dass Kunst und Kinder nicht zusammenpassten. Ich habe kinderlose Künstlerinnen und Künstlerinnen mit Kindern zwischen 40 und 80 Jahren befragt, wie und warum sie sich für oder gegen Kinder entschieden haben und wie es ihnen mit den Folgen dieser Entscheidung geht.

Eine Entweder-Oder-Frage?


Oft haben materielle Gründe eine Vereinbarkeit von künstlerischer Arbeit und Familiengründung verhindert: „Ich hätte gerne eine Familie gegründet, aber ich habe mich nicht getraut, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn ich kein Zimmer habe, kein Bett für das Kind, gar nichts. Mein Freund war auch Künstler und hat auch nichts verdient“, erzählte etwa Florentina Pakosta. Aber auch die bereits erwähnte „Absolutheit“ der künstlerischen Tätigkeit war Thema: „Ich dachte mir immer, das ist leider die Realität, wenn ich im Atelier saß und mit vorgestellt habe, jetzt würde ein Kind reinlaufen, dass das Kind nicht verstehen würde, dass ich mich ihm nicht augenblicklich widmen könnte. Das hätte beide sehr geschmerzt. (...) Wenn ich als Malerin funktionieren will, ist es notwendig, dass ich mich völlig unbehelligt in eine Art Zustand bringen kann, der etwas in mir auslöst, wo ich dann ein bisschen wie außer mir reagieren kann. Das muss ganz ungestört bleiben“, beschreibt Ursula Hübner ihre Gründe für eine Entscheidung gegen Kinder.

Mehrere der interviewten kinderlosen Künstlerinnen sprachen davon, dass es nicht leicht gewesen sei, sich gegen eine Familie zu entscheiden. „Ich habe mir gedacht, wenn ich Kinder hätte, kann ich nicht ganz für die Kinder da sein, was ich aber sehr gerne wollen hätte, weil ich Kinder einfach sehr mag. Und für mich auch nicht, und dann wäre ich womöglich unheimlich zwider gewesen oder unzufrieden. Dann habe ich mich dagegen entschieden. Das war, wie gesagt, nicht einfach”, sagte Therese Eisenmann, und: „Irgendwie kommt mir vor, heute ist das vielleicht einfacher. Wenn du in einer Stadt lebst, etwa. Ich glaube, leicht ist es nie als Künstlerin. Damit du arbeiten kannst, brauchst du die absolute Ruhe, zumindest ich brauche das.” Für manche Frauen hat sich Frage „entweder, oder“ aber auch einfach nie gestellt. So erzählt etwa Ina Loitzl: „Ich habe mir nie Gedanken gemacht, bin das emotional angegangen. (...) Ich war dann eher geschockt, als die Realität auf mich zugekommen ist, aber da kannst dann eh nimmer zurück. Ich wollte immer Familie haben.“

Die Nase voll.

Es ging in den Gesprächen auch um die Schwierigkeiten, die mit der Entscheidung für ein Kind einher gehen: „Irgendwie gehört das ja auch zum Leben. Aber es gibt halt so Phasen, da hat man dann echt die Nase voll. Und will schon nicht mehr nur mehr die Putzfrau sein für die Jugendlichen, die alles liegen lassen. Es geht so viel Zeit auch mit diesen Sachen drauf.“ (Christine Hohenbüchler) … oder eben mit der Entscheidung dagegen: „Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich kein Kind habe. Ich habe immer geglaubt, eine Frau ohne ein Kind ist keine richtige Frau“, so Florentina Pakosta. Beide Entscheidungen haben ihre (lebenslangen) Konsequenzen. Therese Eisenmann: „Jetzt, wo ich älter bin, denke ich manchmal, dass es vielleicht doch gegangen wäre. Aber es ist wirklich eine Lebensentscheidung. Ich kenne viele junge Leute, die ich sehr mag und die mich mögen. Insofern habe ich so eine Art ,Reservekinder’ (lacht)”.

Mit den Müttern unter den Befragten habe ich darüber gesprochen,ob und wie sich ihre Arbeitsweise verändert hat, seit sie ein Kind haben. Andrea Pesendorfer erzählte, dass sie früher oft extrem lang am Stück gearbeitet habe, „ganz ohne Deadline, bis in die Nacht hinein“, und auch geglaubt habe, das für ihre Arbeit zu brauchen. Das gebe es jetzt nur mehr ganz selten, etwa wenn ihr Sohn bei seinen Großeltern sei, wenn sie sich auf eine große Einreichung vorbereitet. „Das sind Situationen, da muss ich sagen, da habe ich Glück, das geht gut. Er ist sehr gerne bei meinen Eltern.“

Kritik aus dem Kunstbetrieb? Kritik am Kunstbetrieb!


Auf die Frage, ob sie im Kunstbetrieb jemals schlechte Erfahrungen gemacht habe, aufgrund der Tatsache, dass sie Mutter ist, sagte Christine Hohenbüchler: „Es gibt schon manchmal Vorwürfe, weil wir (sie und ihre Schwester Irene, Anm.) uns nicht so gut vernetzen”. Sie könne höchstens einmal pro Woche zu einer Abendveranstaltung gehen. Da käme schon manchmal der Vorwurf von Galerien, dass sie zu wenig unterwegs sei. „Das verstehe ich ja auch. Andere Künstler machen das und die können dann besser verkaufen.” Andrea Pesendorfer beschreibt ihre Situation so: „Ich kenne das schon, dass es so das Gefühl gibt, dass es für jemanden, der ein Kind hat, eh nicht so wichtig ist, bei bestimmten Dingen dabei -
zusein, weil die Konzentration ja eh woanders ist. (…) Man muss aktiver sein und beweisen und zur Schau stellen, dass man schon noch Kunst macht und dran ist.”

Ein sich änderndes Berufsbild Künstler_in: Nichts ist absolut.

Auffällig ist: Ältere Künstlerinnen sind/waren häufiger kinderlosals heute. Das lag und liegt wohl an den damaligen und jetzigen Lebensumständen. Es liegt aber auch am Begriff des Berufs Künstlerin und an der Vorstellung davon, was eine gute Mutter ist. Heute ist es beinahe selbstverständlich, als Künstlerin in verschiedenen Bereichen zu arbeiten (Stichwort: „projektbasiert”). Ob zwangsläufig oder frei gewählt: Die „rein freischaffende” Künstlerin gibt es nur sehr selten, die meisten Kunstschaffenden müssen andere Möglichkeiten des Verdienstes nutzen. Auch früher waren freischaffende Künstlerinnen eine absolute Seltenheit – noch viel seltener als heute. Frauen hatten es um einiges schwerer, in der Kunst zu reüssieren. Umso mehr galt es, jede Ablenkung durch andere Verpflichtungen zu vermeiden. Aber auch das Mutterbild hat sich mit der Zeit gewandelt. Mit Kindern berufstätig zu sein, auch freiberuflich, ist längst nichts besonderes mehr. Weder Kunst noch Mutterschaft werden heute noch so absolut gesehen wie es einmal der Fall war. Es gilt nicht mehr nur „ganz oder gar nicht”, sondern auch „sowohl als auch”.

Ganz abgesehen davon, dass es auch bei anderen Berufen sehr oft nicht leicht ist, Familie mit einer Karriere zu vereinbaren und diese Vereinbarkeit gesellschaftlich wie politisch nach wie vor zu wenig thematisiert wird (dies ist ein eigenes Feld und würde hier zu weit führen), hat sich meiner Ansicht nach die Herangehensweise zum Beruf Künstler(in) an sich verändert (s.o.). Es war und ist hochinteressant zu erleben, wie leicht und selbstverständlich für manche die Frage nach Kunst und Familie war, für kinderlose Künstlerinnen wie für Mütter, und wie hart und unabgeschlossen für andere. Die Frage ist eine höchst individuelle und hängt von Lebensbedingungen und Persönlichkeiten ab, wird aber auch von den gesellschaftlichen und politischen Umständen geprägt. Es scheint heute jedenfalls üblicher und leichter möglich zu sein als früher, sowohl Kinder als auch eine künstlerische Karriere zu haben.


Hannah Winkelbauer lebt als Künstlerin und Kulturjournalistin in Wien und Linz und erwartet im August ihr erstes Kind. (www.hannahwinkelbauer.at)