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Macht, Kunst und die Hilfe der Zeichen.

Editorial

Die Unterscheidung zwischen dem Fremden in Inneren und dem Anderen in der Ferne geht auf den Linguisten Tzvetan Todorov zurück. In beiden Fällen geht es um den machtdurchzogenen Umgang mit Unbekanntem und um Konstruktionsarbeiten an dem, was nicht als Eigenes wahrgenommen wird. In Die Eroberung Lateinamerikas. Das Problem des Anderen (1985) hebt Todorov die Bedeutung symbolischer Kämpfe in der Auseinandersetzung mit den Anderen hervor. Die Anderen treten als Leute in Erscheinung, mit denen man mehrschichtig in Beziehungen tritt, mit denen man a) affektive Beziehungen aufbaut, die man b) nachahmt oder von denen man sich distanziert und über die man c) Wissen versammelt und konstruiert. Das Symbolische tritt hier bereits als zentraler Kampfplatz hervor: Nicht nur Geldgier und Waffentechnik, also Ökonomie und Militär, hätten die Eroberung Lateinamerikas ermöglicht, sondern diese sei gewissermaßen „mit Hilfe der Zeichen“ (Todorov) geschehen und nicht ohne diese Hilfe denkbar.

Dass „das Andere“ konstitutiver Bestandteil des Eigenen ist, ja Voraussetzung für dessen Herstellung und Etablierung, ist mittlerweile ein feministisch-postkolonialistischer Allgemeinplatz. Nicht zu vergessen allerdings, dass zur Anerkennung dieser Tatsache Tausende von Seiten – von Simone de Beauvoirs anderem Geschlecht bis Edward Saids Orient als Anderem des Okzidents – gefüllt und vor allem Kämpfe geführt werden mussten. Und außerdem weist etwa der peruanische Soziologe Aníbal Quijano in Kolonialität der Macht, Eurozentrismus und Lateinamerika (2016) darauf hin, dass bestimmte Menschen, nämlich (afrikanische) Schwarze und (lateinamerikanische) Indigene „nicht die Ehre hatten, für Europa oder den Okzident das Andere zu sein.“ Insofern kann das Andere ein begehrter Ort werden, der letztlich beim Erreichen gleich wieder zerstört werden muss, weil er voll von Stigmatisierungen ist. Die Kämpfe sind also keineswegs vorbei.

In der bildenden Kunst sind solche Kämpfe spätestens mit dem Reflektieren „primitivistischer“ Einflüsse auf die Moderne zum Thema geworden. Während einerseits noch 2015 unter dem Motto „Am Sonntag in die Südsee: Familientag zur Ausstellung ‚Paul Gauguin’“ (Fondation Beyeler, Bern) fröhlich kunstvermittelt wird, sind andererseits Macht- und Ausbeutungsverhältnisse in visueller Aneignung in den letzten zwei Jahrzehnten stark fokussiert worden. Post- und dekolonialistische Perspektiven sind seit der Documenta 2002 aus dem Kunstfeld nicht mehr wegzudenken. Die Kunstgeschichte des Westens wird dabei zwar als hegemoniale Formation ausgewiesen. Zugleich aber gilt es, wie die Kunsthistorikerin Susanne Leeb im Kontext der Diskussionen um eine Global Art History schreibt, sie „als eine von vielen Episoden von Kunst“ zu begreifen.

Der zweite Teil unserer Doppelnummer zum Thema Neugierde & Gewalt setzt also die Auseinandersetzungen um Exotisierung und Othering mit Beiträgen zu Kunstproduktion, emanzipatorischem Aktivismus und theoretischen Fragestellungen fort.


Jens Kastner, koordinierender Redakteur



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