IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Das Lager Sajmište in Belgrad –

ein vergessenes KZ?

Zum Verhältnis von Erinnerungspolitik und

Antifaschismus am Beispiel des Geländes des

ehemaligen KZs Sajmište in Belgrad

Rena Rädle

 

Auf dem Weg über die Brankobrücke ins Zentrum von Belgrad wird nur ein aufmerksamer Blick den verfallenden Turm am Ufer der Sawe bemerken, um den sich einige Wohnhäuser und Baracken gruppieren. Die Menschen, die hier Unterkunft gefunden oder Geschäfte aufgemacht haben, wissen, dass sie sich auf dem alten Messeplatz von 1937 befinden. Und sie wissen auch, dass die deutsche Gestapo nach der Besetzung Belgrads im April 1941 in den Pavillons eben dieses Messegeländes ein Konzentrationslager einrichtete. Was genau hier in den Jahren der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht geschah, dazu lässt sich allerdings auf dem Gelände kaum ein Hinweis finden. Das ehemalige deutsche Konzentrationslager Sajmište ist in verschiedener Hinsicht bedeutsam: Als Judenlager Sajmište war es ein Ort der systematischen Vernichtung der Belgrader Juden/Jüdinnen Anfang 1942. Später diente es im System der nazistischen KZs als zentrales Durchgangslager für Internierte, die aus Südosteuropa in die Arbeits- und Vernichtungslager nach Norden deportiert wurden.[1] Wie kommt es, dass dieser Ort im Zentrum Belgrads in die offizielle Erinnerung an die Verbrechen des 2. Weltkriegs keinen Eingang gefunden hat? Bei eingehender Beschäftigung stellt sich heraus, dass dieser Ort keineswegs so vergessen ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Es gibt über die Jahrzehnte hinweg klar bestimmbare Politiken der Erinnerung in Bezug auf das KZ Sajmište, die, wie ich zeigen werde, mit dem im jeweiligen Zeitabschnitt dominierenden Antifaschismusbegriff in Verbindung stehen. Im Folgenden werde ich sowohl das Verhältnis der Gesellschaft zum Antifaschismus als auch die Erinnerungspraxis auf dem Gelände von 1945 bis heute nachzeichnen.

Der sozialistische Antifaschismus mit dem Postulat der Brüderlichkeit und Einheit (Bratstvo i jedinstvo) war das Fundament der nach der Befreiung gegründeten sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien und der Kampf der internationalistischen Partisanenbewegung gegen die faschistischen Besatzer und deren Marionettenregime war ihre Gründungserzählung. Die Erinnerung an die HeldInnen des Volksbefreiungskampfes (Narodna oslobodilačka borba, NOB) stand im Vordergrund und war im Alltag gegenwärtig: ihre Biografien waren in den Schulbüchern zu lesen, Straßen und Orte trugen ihre Namen und ihr Kampf wurde in Partisanenfilmen verewigt. Dass nicht das Judenlager und spätere Durchgangslager Sajmište, sondern das Konzentrationslager Banjica[2] als Ort der Erinnerung gewählt wurde, könnte damit zusammenhängen, dass aus dem KZ Banjica mehr Dokumente erhalten waren, mit denen sich der antifaschistische Widerstand belegen ließ.[3] In einschlägigen Veröffentlichungen werden zum Beispiel Verhöre der antifaschistischen AktivistInnen im Lager und die Rolle der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) und deren Jugendorganisation (SKOJ) nachgezeichnet, doch auch auf Gefangenengruppen wie Roma, Juden/ Jüdinnen oder zivile Geiseln wird verwiesen. An anderer Stelle wird hervorgehoben, dass es zur Praxis des antifaschistischen Widerstands der KPJ gehörte, Juden/Jüdinnen zu helfen, in die Illegalität zu gehen oder in Italienisch besetzte Gebiete zu fliehen. Trotz einer Initiative von ehemaligen Häftlingen im Jahre 1959 blieb das Gelände des ehemaligen Lagers Sajmište jedoch ohne jede Kennzeichnung und erst 1974 wurde eine Gedenktafel ange- anbracht, die 1984 erneuert wurde. Nur in Ausnahmefällen wurde die Zahl und Identität der Opfer auf diesen Gedenktafeln benannt. Die offizielle Erinnerungskultur thematisierte bis Anfang der 1980er weder die Vernichtung der Belgrader und serbischen Juden/Jüdinnen[4], für die das Judenlager Sajmište als Symbol steht, noch die Verhaftungen und Massentötungen der Roma oder der SerbInnen im faschistischen Unabhängigen Staat Kroatien (NDH, Nezavisna Država Hrvatska). Der Antisemitismus und der rassistische Massenmord wurden als Bestandteil der faschistischen Ideologie angesehen und nicht gesondert hervorgehoben. Der Antifaschismusbegriff dieser Zeit war unmittelbar mit dem Kampf der jugoslawischen Völker um die Befreiung vom Faschismus und dem emanzipatorischen Projekt des Kommunismus verbunden. In diesem Sinne war die Erinnerungskultur am Widerstand orientiert und ließ die zivilen Opfer zurücktreten, ohne sie beim Namen zu nennen. Nach Titos Tod 1980 kam es in den 1980er Jahren zu einer Neuinterpretation des Volksbefreiungskriegs (NOR, Narodnooslobodilački rat) und der Verbrechen zur Zeit der Okkupation. Zwar wurde der Widerstand gegen die Besatzer als antifaschistisch benannt, der Antifaschismusbegriff aber nicht mehr ausschließlich an die Aktivität der kommunistischen PartisanInnen gekoppelt. Die königstreuen Četniks unter Führung von Draža Mihailović wurden in Serbien neu bewertet und ihr Kampf gegen die deutschen Besatzer und gegen die PartisanInnen als „antifaschistisch und patriotisch“ – und nicht „verräterisch“ – umgedeutet. Mit der Entkoppelung des Antifaschismus vom Kommunismus begann die nationalistische Revision dieses Geschichtsabschnitts, die den Bürgerkrieg der 1990er Jahre mental vorbereitete.[5] Nicht nur die HeldInnen des NOR und die KollaborateurInnen unter der „Regierung der Nationalen Rettung“ Milan Nedićs wurden neu bewertet. Es begann auch eine vermehrte Beschäftigung mit dem Schicksal der Opfer in den faschistischen Lagern. Nachdem Anfang der 1980er Jahre die Archive der Gestapo vom jugoslawischen Bundesinnen- ministerium freigegeben worden waren, begannen HistorikerInnen und andere Intellektuelle in Serbien sich intensiv mit dem Massenmord an den SerbInnen, Juden/Jüdinnen und Roma in den Lagern der kroatischen Ustaša im NDH zu befassen. Das Memorandum der Serbischen Akademie der Wissenschaften (SANU) von 1986, in dem das serbische Volk als „Opfer“ der Politik Titos beschrieben wird, an dem im Kosovo ein permanenter „Genozid“ verübt werde, macht deutlich, wie verbreitet der nationalistische Opfermythos bei den Intellektuellen war. Das neue Interesse an den Lagern gab der Forderung der innerhalb des Veteranenverbands (SUBNOR) organisierten ehemaligen Häftlinge nach einer Kennzeichnung des Lagers Sajmište Aufwind und ihr Engagement verstärkte sich mit dem Ziel, der Jugend die revolutionäre, antifaschistische Tradition weiterzuvermitteln. Die Gedenkfeiern, die an der 1984 erneuerten Gedenktafel zum 9. Mai, dem Tag des Siegs über den Faschismus, abgehalten wurden, waren in der Rückschau die letzten öffentlichen Manifestationen einer kommunistisch-antifaschistischen Erinnerungskultur. 1987 schließlich wurde das Gelände von Staro Sajmište von der Stadt Belgrad unter Denkmalschutz gestellt und der Beschluss gefasst, am Flussufer ein Mahnmal aufzustellen6, zu dessen Einweihung es erst 1995 kam – allerdings unter anderen Vorzeichen. Milošević und die von ihm gegründete Sozialistische Partei Serbiens (SPS) hielt während der Jugoslawienkriege in den Neunziger Jahren offiziell an einer nunmehr nationalisierten antifaschistischen Rhetorik fest. Mit dem serbisch-jugoslawischen Antifaschismus legitimierte er seine in den Krieg mündende Verteidigungspolitik der von SerbInnen bewohnten Gebiete in Kroatien, Bosnien und im Kosovo gegenüber den sich von Jugoslawien ablösenden neuen Nationalstaaten. Die rechtsnationalistische Opposition in der Tradition der Četniks mit den Führern Vuk Drašković und Vojislav Šešelj mobilisierte ihre Anhängerschaft – Teile davon in paramilitärischen Einheiten – mit einer extrem an- tikommunistischen Haltung, die der Soziologe Todor Kuljić als Anti-Antifaschismus beschreibt.[7]

Die Vorzeichen der offiziellen Erinnerung an das Lager Sajmište änderten sich in den Kriegsjahren nach 1991 und der Ort wurde zu einem Symbol für die Opferrolle der SerbInnen. Die NationalistInnen benutzten den Massenmord an den SerbInnen im Ustaša-KZ Jasenovac8 als Argument für ihre Rhetorik von der kroatischen „Genozidnation“. Bereits 1990 forderte die Initiative für ein „Museum des Genozids“ (gegründet von Milan Bulaji), auf dem Gelände von Staro sajmište ein „serbisches Jad Vashem“ einzurichten, das den Völkermord an den SerbInnen auf dem Gebiet des NDH dokumentieren sollte. Dennoch wird 1995 „nur“ ein Mahnmal am Rande des eigentlichen Lagergeländes errichtet, zu dessen Einweihung die Gedenkfeier vom 9. Mai auf den 22. April verlegt wird – den „Tag der Opfer des Genozids“.[9] Die vom SUBNOR auch weiterhin organisierte Gedenkfeier zum Mai dagegen verlor an Bedeutung. Das vergangene Jahrzehnt stand im Zeichen der Institutionalisierung der serbisch-nationalen antikommunistisch geprägten Revision der Geschichtsschreibung. Nach dem Sturz von Milošević im Oktober 2000 begann die Normalisierung der nationalisierten und klerikalisierten Gesellschaft. Neue Bücher für den Geschichtsunterricht wurden gedruckt, die die Beteiligung der Nedić-Regierung und der Četniks an den Naziverbrechen relativieren, die Veteranen der monarchistischen großserbischen Četnikbewegung den PartisanInnen 2004 gesetzlich gleichgestellt. 2005 wurde das Museum der Opfer des Genozids als staatliches Institut dem Kulturministerium unterstellt und der 22. April gesetzlich als Gedenktag der Opfer des Genozids an den SerbInnen, Juden/ Jüdinnen und Roma festgelegt. Während zum 9. Mai, dem „Tag Europas“, die Werte des Antifaschismus beschworen werden – Frieden, Verständnis, Toleranz und Zusammenarbeit –, rehabilitieren die Gerichte Angehörige des Polizeiapparats der Nediić-Regierung und Četnikführer Draža Mihajlović.

Das Lager Sajmište verlor nach 2000 an geschichtspolitischer Brisanz. Der Bauboom in Belgrad rückte das zentral gelegene Gelände ins Blickfeld ökonomischer und städtebaulicher Interessen und nicht zuletzt die drohende Kommerzialisierung des Geländes drängte Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen dazu, Vorschläge für einen Gedenkkomplex zu formulieren. Die jüdische Gemeinde Serbiens macht auf die Sonderstellung des Judenlagers Sajmište als Ort des Holocausts aufmerksam. Veran Matić, Direktor des Fernsehsenders B92, vertritt ein Museum der Toleranz und ließ eine Fernsehdokumentation über das Lager drehen. Das Museum der Opfer von Genozid beansprucht ein Gebäude auf dem Gelände, und NGOs betonen Parallelen mit der unmittelbaren Vergangenheit und dem Genozid an den Muslimen in Srebrenica.[10]

Den meisten Visionen für eine künftige Gedenkstätte ist gemeinsam, dass sie die individuellen Schicksale der Opfer in den Vordergrund stellen. Dem Mitgefühl mit den Opfern wird in den Vermittlungskonzepten mehr Bedeutung zugemessen als einer analytischen Aufarbeitung der Geschichte, die nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter in den Blick bringen und die gesellschaftlichen Umstände hinterfragen könnte, die zu den Verbrechen führten. Ausschließliche Hinwendung zu den Opfern und selektive Erinnerung können dabei den Blick auf den bestehenden Antisemitismus und Antiziganismus in der serbischen Gesellschaft verstellen. Es bleibt zu hoffen, dass der Druck auf eine „rasche Lösung“ die beginnende öffentliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen unter der Regierung Nedić und mit dem Faschismus in Serbien und in Europa nicht zum Stehen bringt.


Rena Rädle lebt in Belgrad und ist Mitinitiatorin eines interdisziplinären Rechercheprojekts zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Geländes Staro Sajmište.


[1] Die etwa 6 500 jüdischen Frauen, Kinder und Alten, die im Judenlager Semlin (Jevreijski logor Zemun) interniert waren, wurden zwischen März und Mai 1942 im Gaswagen auf dem Weg vom Lager zum Massengrab in Jajinci bei Belgrad erstickt, nachdem ihre Väter, Männer und Söhne bereits im Herbst 1941 erschossen worden waren. Im Anhaltelager Semlin waren etwa 32 000 Menschen inhaftiert von denen 10 636 nicht überlebten, Milan Koljanin spricht aufgrund der Haftbedingungen von einem de facto Konzentrationslager. Siehe auch: Milan Koljanin, Nemački logor na Beogradskom Sajmištu, Institut za savremenu istoriju, Belgrade, 1992

[2] Durch das KZ Banjica in Belgrad wurden von 1941–44 etwa 30 000 Gefangene geschleust, über 4 000 ließen hier ihr Leben

[3] 1968 wurden dem Historischen Archiv Belgrad die Lagerbücher übergeben, 1969 wurde in den Räumen des ehemaligen KZ Banjica ein Museum eingerichtet.

[4] Die damals einzige Veröffentlichung zu den Geschehnissen im Judenlager Sajmište wurde 1952 vom Bund der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens herausgegeben: Zdenko Levental, Zločini fašističkih okupatora i njihovih pomagač a protiv Jevreja u Jugoslaviji, Savez jevrejskih opština Jugoslavije, 1952

[5] Todor Kuljić, Umkämpfte Vergangenheiten, Berlin 2010

[6] Es wird der Entwurf von Miodrag Popović ausgewählt, der bei der Ausschreibung für den Gedenkpark Jajinci den Zweiten Preis erhalten hatte.

[7] Todor Kuljić, Umkämpfte Vergangenheiten, Berlin 2010

[8] Mit den Opferzahlen im KZ Jasenovac wurde von allen Seiten manipuliert. Nach der zuletzt veröffentlichten Liste der Gedenkstätte Jasenovc wurden 80 914 Opfer gezählt, davon
45 923 serbischer Nationalität.

[9] Bis dahin „Tag des Ausbruchs“ (Dan proboja), belegt den Fluchtversuch der Häftlinge aus dem Lager Jasenovac.

[10] Der internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien klassifizierte das Massaker von Srebrenica als Genozid. Diese Einschätzung wird unter anderem von serbischer Seite bestritten.