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Grauzonen des Handelns

Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer

Sonntag Vormittag auf der Terrasse eines hip-alternativen Cafés in Echo Park, Los Angeles: Zwei „Produzenten“ im sportlichen Fahrraddress ruhen sich nach ihrem Morgentraining bei einer Tasse Kaffee aus. Sie unterhalten sich über Gott und die Welt, als einem der beiden plötzlich einfällt, was er vor Kurzem über ein lokal ansässiges Künstlerkollektiv gehört hat: Dass diese Gruppe namens Fallen Fruit mit Leuten aus der Nachbarschaft „öffentliches Obst“ sammelt, um es zu Marmeladen und Schnäpsen zu verarbeiten und so kapitalistischen Konsum irgendwie in Frage zu stellen. Prompt meint sein Gegenüber, dass es eine tolle Idee wäre, eine solche Szene in die nächste Episode der von ihnen produzierten Sitcom einzubauen … Zufall oder nicht, befanden wir uns selbst gerade in Los Angeles, um mit Fallen Fruit in Kontakt zu treten und einen möglichen Austausch zu besprechen. Ob es zur geplanten Sitcom-Folge gekommen ist, wissen wir nicht, aber das unfreiwillig belauschte Gespräch gibt etwas von der heutigen Schwierigkeit preis, eine eigene Repräsentation geltend zu machen, wenn Repräsentationen so instabil, aneignungsfähig und fiktionalisierbar geworden sind. Mit dieser Schwierigkeit stellt sich auch die Frage, was von der heute aufkeimenden „Öko- Ästhetik“ und den von ihr produzierten Werkzeugen erwartet werden kann. Bilden die im Kunstbereich entwickelten Haine von solidarischer Ökonomie, Umweltaktivismus und zivilgesellschaftlichem Engagement ein Modell der Praxis, aus dem heraus sich alternative Formen von Zusammenhalt entwickeln können? Oder ist der zunehmend gebrauchte Begriff der Öko-Ästhetik nicht auch bereits selbst ein Ausdruck der Inkongruenz von neu entwickelten Ordnungssystemen und räumlicher Praxis?

Fallen Fruit verwenden seit Jahren Obst als Instrument, um Nachbarschaftskonzepte, zivilgesellschaftliche Prozesse und alternative Austauschformen zu untersuchen. Ihre Praxis entwickelte sich im Kartieren der Bestände an „öffentlichem Obst” – Obst, das von Bäumen stammt, die auf öffentlichem Grund wachsen oder öffentlichen Grund überragen. Begonnen haben sie im Stadtviertel Silver Lake, der eigenen Wohngegend in Los Angeles; zunehmend exportieren sie ihre Kartographie-Praxis aber auch: In Linz etwa haben sie Fälle öffentlichen Obstes am Römerberg und in Alt- Urfahr aufgezeichnet. Nach Ansicht von Fallen Fruit ist solches Obst eine urbane Gabe, die dazu einlädt, gepflückt und mit anderen geteilt zu werden, um eine Ökonomie des Schenkens zu befruchten, die zu einer neuen Art von Nachbarschaftsethik führen kann. Öffentliches Obst ist also nicht nur ein Symbol für Gastfreundschaft und Ergiebigkeit, es regt auch dazu an, eine Reihe von verdeckten Beziehungen erfahrbar zu machen und diese zu verändern: die Verbindungen zwischen jenen, die Ressourcen besitzen, und jenen bar jeder Ressource; zwischen Formen von Landnutzung, Eigentum und Gemeingut; zwischen der Natur der Stadt und der Natur in der Stadt. Diese Aktionen rund um öffentliches Obst zeigen, wie urbane Räume und Ökonomien in alternative Beziehungen zueinander gebracht werden können. Dazu gehören gemeinsames Marmeladekochen, nächtliches Obstpflücken, das Pflanzen von Obstbäumen entlang von privaten Grundstücken, die Planung öffentlicher Obstgärten in Los Angeles oder auch das Herstellen alkoholischer Getränke aus öffentlichem Obst, um den Geist einer bestimmten Gegend einzufangen.

Fallen Fruit sind beispielhaft für eine wachsende Bewegung an künstlerisch-aktivistischen Projekten, die sich mit den kollektiven Dynamiken der Produktion, Verteilung und Zirkulation von ding- lichen wie ideellen Gütern kritisch auseinandersetzen und nach Alternativen der Gestaltung dieser Prozesse suchen. Ein zentraler Aspekt dieser Projekte ist der „informelle“ und unaufgeforderte Austausch zwischen unterschiedlichen Praxen, die sich weder über eine zentrale Autorität noch über eine verbindende Tradition aufeinander beziehen, sondern darüber, wie sie durch ihr gemeinsames Handeln Räume der Teilnahme an Kultur erzeugen – ein Prozess des netzwerkartigen Konstituierens, mit dem wir uns in den letzten Jahren im Rahmen der internationalen Forschungsplattform Networked Cultures eingehend beschäftigt haben. Was uns in dieser Arbeit klar wurde, ist das Ausmaß, in dem Fragen des Ökonomischen nicht nur Randerscheinungen künstlerischer Netzwerkprojekte sind, sondern grundlegend für deren Ausrichtung und Formalisierung: Im Sog ökonomischer Deregulierung und der damit verbundenen Mobilisierung von Menschen und Gütern haben informelle Systeme heute einen globalen Handlungsradius erlangt – bei der Strukturierung sozialer Beziehungen, im Gestalten unserer Umwelten, in der Teilnahme an politischen und gesellschaftlichen Prozessen ebenso wie in künstlerischer Produktion. Diese informelle Organisation in Form von Netzwerken bildet ein Gewebe, in dem sich Kultur, Bildung und Soziales derart an globalen ökonomischen Interessen und deren Institutionen (IWF, WTO, Weltbank etc.) zu orientieren beginnen, dass die von Karl Polanyi anhand der industriellen und bürgerlich-politischen Revolution konstatierte Marktorientierung gesellschaftlicher Verhältnisse zu einem allumfassenden Gedanken wird. Entscheidend für das Funktionieren solcher Netzwerke sind Orte der Begegnung, in denen materielles und soziales Kapital ausgetauscht wird und ein Transfer von Werten stattfinden kann.

Informelle Märkte, die sich in den Zwischenzonen von Metropolen oder entlang von Staatsgrenzen ansiedeln und weltweite Verbindungen unterhalten, stellen wichtige Knotenpunkte in diesem Geschehen dar. Inmitten der Ökonomisierung aller Lebensbereiche bilden diese Umschlagplätze wild wuchernde Prototypen einer neuartigen und extremen Raumkonfiguration. Angesichts des Mangels institutioneller Protokolle erzeugen sie komplexe Systeme alternativer Beziehungen, in denen rechtlich-politische Parameter von temporärer Landnutzung, gestaffelter Mobilität und flexibler (Staats-)Bürgerschaft verhandelt werden. Um die Bedingungen für eine solche Art alternativer ökonomischer Praxis besser zu verstehen, gilt es den elastischen Zusammenhalt zwischen und innerhalb von offenen Beziehungen, der heute am Schnittpunkt unterschiedlicher Kräftebahnen entsteht, ins Blickfeld zu rücken. Von besonderer Relevanz dabei ist der von Michel Foucault im März 1967 gehaltene und posthum publizierte Vortrag Andere Räume (Des espaces autres), ein stark rezipierter Text, in dem Foucault darauf eingeht, wie die paradoxe Gestalt der Beziehungen zwischen verschiedenen Schauplätzen – Gleichzeitigkeiten, Verstrickungen und Überlagerungen – immer mehr unsere Erfahrungswelt definiert und darüber entscheidet, welche Formen von Zirkulation, Austausch, Lagerung und Klassifizierung als tauglich empfunden werden.

In der Suche nach zeitgenössischen Antworten auf die Herausforderungen mobiler Existenzen stellt sich so die Frage, welche Rolle informelle Märkte in der Entwicklung neuer Formen des Regierens und alternativer Systeme des Austauschs spielen. Dazu untersuchen wir im aktuellen Forschungsprojekt Other Markets die Beziehungs - strukturen, Raumformationen und transnationalen Bahnen solcher Grauzonen des Handel(n)s und stellen sie in Bezug zu alternativen Ökonomien unterschiedlicher Natur, seien es solidarische Ökonomien, Schenkökonomien, ressourcenbasierte Ökonomien oder ökonomische Experimente im Zusammenhang mit künstlerischer Produktion. Produzieren diese „anderen Märkte“ tatsächlich andere Räume und damit andere Formen sozialer Interaktion? Wie entwickeln sich diese Formen und wie überschneiden sie sich im Gesamten mit der Produktion von gemeinschaftlichem Raum?

Die Suche nach Alternativen des Handelns, die auch der Titel dieses Heftes anregt, ist etwas, das nicht von einem spezialisierten Diskurs angetrieben wird und somit auch nicht in einem bestimmten Feld der Auseinandersetzung stabilisiert werden kann; sie findet nicht abstrakt statt, sondern inmitten konkreter Krisen, die einen Einfluss darauf ausüben, welche strukturellen Qualitäten einer Alternative in den Vordergrund gestellt werden. Wenn wir von der aktuellen Situation globaler Deregulierung ausgehen, gilt der Ruf informellen Systemen, die immer mehr jenen Austausch zu regeln beginnen, der zuvor Regierungen, Institutionen des Gemeinwesens, Marktämtern, politischen Parteien und juristischen Apparaten vorbehalten war. Diese „anderen Märkte“ – selbsterrichtete Nachbarschaften, flexibilisierte Staatsbürgerschaftsarrangements, mobilisierte Arbeitsmärkte oder spontan wuchernde Knotenpunkte ungeregelter Produktion – umgehen und ersetzen in unterschiedlichsten Bereichen das Repertoire traditioneller Systeme, in denen sich zuvor Zusammenhalt und Austausch organisiert hat. Sie operieren jenseits der Konventionen von Nationalstaatlichkeit, Marktwirtschaft und öffentlichen Behörden und schaffen damit Sondierungsfelder, in denen nicht nur neue ökonomische Modelle, sondern auch neue Formen von Sozialität erprobt werden.

Eine andere Ebene dieser Debatte wird aufgespannt von einer Zahl einflussreicher Texte, die den Wert von Informalität in ökonomischer, räumlicher und politischer Hinsicht erörtern. Allen voran der neoliberale, auf Rechtsreformen, Neuer Institutionenökonomik und Mikrounternehmertum aufbauende Ansatz von Hernando de Soto und dem Instituto de Libertad y Democracia (ILD) in Lima, der von einer „unsichtbaren Revolution“ des informellen Kapitals ausgeht. Diesem Ansatz wird nicht nur eine Zahl epistemologischer Trugschlüsse vorgeworfen, sondern auch eine Blindheit gegenüber der Tatsache, dass Desorganisation selbst institutionelle Form haben kann, indem sie als Ausschluss- und Kontrollmechanismus verwendet wird. Um diese strategische Gestalt der Ideologie informeller Organisation geht es etwa in den Arbeiten von Mike Davis, Saskia Sassen und Loïc Wacquant, die Informalität als eine umfassende Regierungs- und Lebensweise charakterisieren. Was bei einem Blick jenseits der Grenzen des weltumspannenden ökonomischen Regimes jedenfalls zur Diskussion steht, ist die Manifestation der Grenze als politischer Raum, der nicht durch die Regeln der Ökonomie allein kontrolliert werden kann und daher ein Potenzial für alle Arten der Einmischung und Restrukturierung räumlicher Ordnung schafft.

Flüchtige und mobile Akkumulation – dieses für Informalität so fundamentale wie prägende Moment des Nicht-Greifbar-Seins – ist für das Funktionieren globaler Kapitalmärkte ebenso attraktiv wie für die Organisation von Schwarzmärkten oder den Ablauf von künstlerischen Interventionen. Wenn Kunst Informalität aufgreift, etwa in Form von parasitären Strukturen und der Schaffung relationaler Schauplätze, ist ihre ästhetische Produktion immer auch Kollaborateurin des Systems, Begünstigte und Handlangerin zugleich. Somit stellt sich die Frage, wie Kunst dennoch ein Paradigma artikulieren kann, um eine komplexe Realität zu konfrontieren und Wege der Beteiligung zu bieten. Gerade der globale Kunstmarkt und der immer breiter werdende Markt der Kreativindustrie zeichnen heute jene Schablonen vor, über die sich Ästhetiken des Widerstands gezielt in einer spektakularisierten Konsumwelt fortschreiben und profitabel machen.

In diesem Klima der markttauglichen Aneignung von Formen der Aneignung, der Kontrolle von Kontrollkritik und der Abstraktion der Sinne durch die Versinnlichung von Abstraktion, richtet sich der wichtigste Widerstand, den Kunst leisten kann, gegen eine Trivialisierung selbstorganisierter ökonomischer Apparate durch deren Unterordnung unter die sozialen und kulturellen Freiheiten W3eniger. Angesichts der territorialen Entgrenzung und Streuung heutiger Kapitalproduktion über das gesamte soziale Territorium skizzieren alternative Experimente im Kunstbereich, wie Fallen Fruits kollektives Aufspüren von öffentlichem Obst, Oliver Resslers Langzeitprojekt Alternative Economics – Alternative Societies, der Handel von Lebensmittelprodukten über soziale Netzwerke in Kate Richs Projekt Feral Trade oder die Market Academy in Wien (2010), neue Bewegungsbahnen, in denen ein Austausch von Ideen und Gütern stattfinden kann. Der sich ständig erweiternde Kreis solcher künstlerischen Aktionen, lässt so ein rhizomatisches Gewebe an alternativen Denkarten und Handlungsweisen entstehen. Die Herausforderung für künstlerische Projekte zur Entfaltung solidarischen Handelns liegt demnach darin, sich dem Drang der Repräsentation zu widersetzen und im Aneignen anderer Modelle den Kontakt zu deren Informantinnen nicht zu verlieren.


Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer lehren und forschen zu Visueller Kultur an der Technischen Universität Wien und am Visual Cultures Department des Goldsmiths College, University of London.