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De-Archivierung!

Stefanie Seibold

Der Begriff „Archiv“ scheint vor allem einen Ort zu beschreiben der hierarchisch organisiert ist und Ausschlüsse produziert. Eine exklusive Institution, die suggeriert, man solle eigentlich bereits wissen, wonach man sucht, bevor man sich ins Archiv begibt. Man muss in dieser mit dem Wort Archiv verbundenen Vorstellung also bereits Expertin sein um auf die Idee zu kommen Archive überhaupt aufzusuchen. Dieser Archiv-Begriff ist unter anderem der historischen Genealogie von Archiven als dem Rechts wesen gewidmeten, staatsbewahrendem Instrument geschuldet, kann aber für künstlerische und (andere) emanzipatorische Forschungen und Projekte ganz anders produktiv gemacht werden.

Ich selbst war im Rahmen meiner künstlerischen Arbeit sowohl in Archiven, die einen sogenannten Président de la Salle aufzuweisen hatten, als auch in solchen, deren Archivar*in keinerlei Systematik, außer der in ihrem Kopf vorzuweisen hatte, in solchen, in denen eine Künstlerin das Archiv einer bedeutenden Kunstinstitution verwaltet und mit viel Sachverstand relativ freien Zugang gewährt, und in solchen, die sich in privaten Wohnungen befinden, deren Besitzerinnen die Bestände in langsam zerfallenden braunen Umschlägen lagern und eigentlich überhaupt niemandem Zutritt dazu gewähren wollen. Das Interessante an aktiver Archivarbeit ist, dass schnell klar wird, dass die ebenfalls mit dem Archivbegriff verbundene Vorstellung von neutralem dort gelagertem Wissen, sich in dem Moment des eigenen Zugriffs bereits auflöst – und natürlich auch, dass das Zustandekommen der Archivbestände selbst von speziellen Auswahlverfahren bestimmt ist und nichts daran neutral ist. Bedeutung wird vor allem in der Auswahl und der Veröffentlichung der Archiv inhalte generiert, und an dieser Bedeutungsproduktion sollen möglichst viele teilhaben. Eine Menge von Informationen sind also schon in den Archiven versammelt, müssen aber noch gesichtet und ausgewählt werden, um dann durch verschiedene Formate von Veröffentlichung einfacher zugänglich gemacht zu werden.

Man muss sich in Bezug zu einer aktuellen Dringlichkeit feministischer Recherchen heute nur die Obituaries in der New York Times ansehen um festzustellen: Es gibt so selten Nachrufe auf Frauen dort, dass man den Eindruck gewinnen kann, es stürben überhaupt keine Frauen – und umgekehrt, es leben auch keine. Zumindest keine, über die etwas veröffentlicht werden müsste, keine deren Gedanken und Taten für die Nachwelt aufgeschrieben und eben archiviert werden sollten. Dieselbe institutionelle Unterrepräsen - tation gilt auch für das Feld der Kunstgeschichte. Es gibt also nach wie vor keine entsprechende Repräsentation von Künstlerinnen oder queeren (sowie nichtweißen) Positionen im kunstgeschichtlichen Kanon. Um zu einem interessanten, repräsentativen Bild von Gegenwart und Vergangenheit zu gelangen, muss daher weiter in jeder Art von Archiv und Sammlung geforscht werden und sollten diese noch durch eigene Inhalte ergänzt werden. Diese Erkenntnis hat bereits seit den 1970er Jahren zur Gründung einer Reihe von wegweisenden feministischen und queeren Archiven geführt, die heute zusätzlich benutzt werden können. Für das Projekt queer-feministischer Gegengeschichten sind Archiv- Recherchen ein zentrales Mittel, um auch an diejenigen Informationen heranzukommen, die noch nicht prominent veröffentlicht wurden. Und überhaupt: jede/r sollte eine Sammlung anlegen, sie dann mit dem Begriff Archiv autorisieren und wiederum jeder/m zugänglich machen.

Für die Recherche von Performance Kunst, die besonders in der feministischen Kunst ein neues, innovatives Format war, spielen Archive eine wichtige Rolle. Häufig können nur dort die Videos und Filme eingesehen werden, die aufgrund ihres Zwischenstatus als gleichzeitig Dokument und nicht „eigentliche“ künstlerische Arbeit im Ausstellungsbetrieb selten auftauchen. Im Gegensatz zu den fotografischen Dokumentationen der Aktionen, denen – in der Tradition der Konzeptkunst – oft ein stellvertretender Werk-Status zugestanden wird. Die eher print-orientierten Abbildungs- Konventionen und Distributionskanäle der bildenden Kunst widersprechen im Grunde der Repräsentation von prozessorientierten und zeitbasierten Kunstformen wie Performance und formatieren auch oftmals ihre im Ausstellungsbetrieb praktizierten Präsentationsformen.

Die seit einiger Zeit gängige Praxis des re-enactments – oder der re-performance sehe ich als eine Möglichkeit mit der Lücke in der Vermittlung und Darstellung historischer Performances umzugehen. Die erneute Aktivierung vergangener Events ändert den Blick auf die historische Arbeit und kommentiert die jeweiligen Abläufe von heute aus neu. Zudem kritisiert die re-performance den Mythos der Kunst-Performance als einmaliges Ereignis, indem sie deren Dokumentationen, Beschreibungen und Objekte als Partitur begreift. Re-Performances sind im besten Fall eine Methode, Archivinhalte so zu aktivieren und von einem neuen Standpunkt aus zu vermitteln und zu hinterfragen, dass damit gewissermaßen retro-aktiv in den Kanon eingegriffen wird – der dann vielleicht so sogar umgeschrieben werden muss.


Stefanie Seibold ist Künstlerin und lebt in Wien. Sie unterrichtet derzeit an der Akademie der Bildenden Künste Wien am Ordinariat für Performative Kunst und Bildhauerei.