Diese Ausgabe des Bildpunkt widmet sich dem Thema „anarchivieren“: Darin steckt das Archiv als Institution, die etwas bewahrt – und damit immer auch anderes für nicht bewahrenswert erklärt und ausschließt; darin steckt auch das Archivieren als Tätigkeit des Sammelns und Ordnens und es beinhaltet die Anarchie, die Abwesenheit von Herrschaft, die vielleicht erst Neuordnungen ermöglicht und dabei – wie der historische Anarchismus – die Selbstorganisation betont.
Bildpunkt: Ljubomir, Dein aktuelles Buch Politischer Antirassismus trägt den Untertitel Selbstorganisation, Historisierung als Strategie und diskursive Intervention. Historisierungen wird ja oft entgegengehalten, sie würden nur Vergangenheit rekonstruieren und wie die kunsthistorische Restaurierung Bilder nur säubern und Details deutlicher sichtbar machen, anstatt aktuellen Kämpfen zu nützen. Was verstehst Du unter Historisierung? Und inwiefern können Historisierungen als diskursive Interventionen fungieren?
L.B.: Das Denken über die Historisierung als ein Potenzial, das in den politischen Kämpfen strategisch einzusetzen ist, beginnt mit der Feststellung, dass es bestimmte Gruppen in der Gesellschaft gibt, die das Recht auf die eigene Geschichte nicht haben. Wenn wir uns das genauer anschauen, werden wir feststellen, dass dieser Mangel an eigener Geschichte mit einem anderen Mangel verkettet ist, nämlich mit dem Mangel an Teilhabe. Damit landen wir im Bereich der Herrschaftstechniken und stellen hier fest, dass die Geschichte keineswegs eine neutrale akademische Disziplin, sondern Teil eines politischen Feldes ist. Innerhalb der Nationalstaaten – wenn es darum geht, die Zukunft dieser Gebilde zu gestalten –, ist es nun mal so, dass nur diejenigen, die innerhalb des offiziellen Gedächtnisses dieser Gebilde vorkommen, auch ein Recht auf eine wahrnehmbare politische Positionierung haben. Damit ist die Historie eine gewissermaßen vorweggenommene Zukunft. Zu - mindest eine vorweggenommene Zuschreibung der Entscheidungsfähigkeit über die gemeinsame Zukunft. Unter Historisierung verstehe ich in diesem Kontext eine Arbeit an der Ent-deckung dessen, was nicht zur Geschichte der Herrschenden, sondern zu der der Beherrschten gehört – wobei in meiner Arbeit vor allem das Aufbegehren gegen die Herrschaftszustände relevant ist. Historisierung im Bereich des politischen Antirassismus heißt, den Nachweis zu erbringen, dass diejenigen, die für die Gleichheit und Gerechtigkeit jetzt aufbegehren, Erbinnen und Erben aller anderen gewalttätig verstummten Generationen der Verdammten dieser Erde sind. Damit sind sie in ihrem Kampf nicht alleine und damit weisen sie denjenigen, die durch das Herrschaftswissen verdeckt wurden, den Platz der AkteurInnen zu, also der aktiven GestalterInnen der Welt.
Bildpunkt: Marissa, Du hast für Deine künstlerische Arbeit Iron Mask, White Torture bei der Ausstellung Where do we go from here? in der Wiener Secession viel Aufmerksamkeit bekommen und bist dafür 2010 in Linz auch noch mit dem Marianne von Willemer-Preis ausgezeichnet worden. Du erzählst darin die Geschichte einer als Sklavin nach Brasilien verschleppten Bantu, der Heiligen Anastácia, die wegen ihres Widerstands gegen sexuelle Ausbeutung gewaltsam eine metallene Maske aufgesetzt bekam und somit sprachlos gemacht wurde. Du verknüpfst diese historische Begebenheit ja explizit mit aktuellen antirassistischen Aktivismen. Ist das Deine Form der Historisierung?
M.L.: Die Rekontextualisierung der legendären Figur der Anastácia kämpft nicht um ihre Anerkennung innerhalb eines westlichen Kanons. Ihr Porträt aus dem Archiv ist vielmehr der Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit den täglichen Erfahrungen von Rassismus und Sexismus als Schwarze Frau in Europa. Und für eine Auseinandersetzung mit Hegemonialität, weißer Hegemonialität oder besser White Supremacy, von der auch der Aktivismus nicht frei ist. Mir ging es darum, über die Geschichte der brutal zum Schweigen gebrachten Sklavin Anastácia etwas von der sadistischen kolonialen Gewalt sichtbar zu machen, die in der Geschichte und der Gegenwart Europas steckt. Aber stärker ging es darum, die Geschichte ihres Widerstands zu zeigen und sie in eine Genealogie des Widerstands Schwarzer Frauen zu stellen – die eben bis zu dem gerne unsichtbar gemachten Schwarzen Aktivismus heute in Österreich reicht. Ausgehend von den eindringlichen Bildern Anastácias mit der Maske möchte ich in diese Geschichten eindringen – auch ins Museum, einem Raum, der nicht weniger von Kolonialität durchzogen ist. Und mit der Arbeit möchte ich das Publikum dem Wissen um diese Gewalt aussetzen, in der Performance von AktivistInnen, die dem zum Schweigen gebrachten Publikum Schwarze Theorieproduktion um die Ohren knallt. Nachdem Anastácia in der Secession und bei der Ars Electronica gezeigt wurde, hat sie sich aber neuerdings bei mir gemeldet: Sie will nicht zum exotischen Museumsstück verkommen, also werde ich die Arbeit künftig nicht mehr gerne zeigen.
Bildpunkt: Ihr seid ja beide auf unterschiedliche Arten aktivistisch tätig. Ist Archivierung überhaupt ein Thema? Oder anders gefragt: Lassen die alltäglichen Kämpfe gegen das bestehende Übel überhaupt Zeit und Muße, sich um Strategien des Ein- und Umschreibens zu kümmern?
L.B.: Ja, weil die Ein- und Umschreibung ein Teil der Kämpfe selber ist. Ich möchte hier die Trennung zwischen dem Aktivismus (der sich in Gefahr begebenden politischen Subjekte) und der Archivierung (der an dem Wissen ungefährlich arbeitenden Subjekte) relativieren. Nicht banal in dem Sinne, dass diejenigen, die die Geschichte nicht kennen, verurteilt sind, sie zu wiederholen. Abgesehen davon, dass die Wiederholung sich als Farce ereignet, haben wir es hier mit einem sich selbst penetrierenden Bildungsideal zu tun. Nett, aber unnütz. Es geht vielmehr darum, zu wissen, dass die Kämpfe immer da waren, dass sie sich an verschiedenen Orten, mit verschiedenen Mitteln und vor allem kontinuierlich abspielen. Die Feststellung der Kontinuität der Kämpfe ist eine Stärkung für das Subjekt der Kämpfe. In diesem Sinne ist die alltägliche, aktivistische Arbeit nicht nur ein andauernder Schlauch von Gesprächen, Plena, Demos, Verhandlungen, Abmachungen, Telefonaten, Schreibarbeiten, Organisationsarbeit usw., sondern auch eine Arbeit an der Feststellung der Kontinuitäten dieser Aktivitäten. Damit wird aber auch das heldenhafte Getue, das diese Aktivitäten so oft begleitet, an eine notwendige Rationalität gebunden. Die Arbeit am und im Archiv – wobei ich unter Archiv ein vielfältiges Handlungsfeld verstehe, wo das Sammeln und Verknüpfen von Informationen, Ideen, Dokumenten etc. passiert –, ist eine Arbeit am Wissen über sich als politisches Subjekt und über die vorherrschende rassistische Normalität. Diese zwei Arten von Wissen sind integrale Bestandteile jedweder politischen Aktion.
M.L.: Wenn ich mich als Aktivistin definiere, ruft diese Selbstbezeichnung eine gewisse Irritation hervor und evoziert zahlreiche Fragen und Widersprüche. Was heißt es für jemanden, der hier gewissermaßen „deplatziert“ ist – als Schwarze Frau, sozialisiert in Lateinamerika, emigriert nach Europa –, Aktivistin in Österreich zu sein?! Diese Deplatzierung macht für mich die Frage des Ein- und Umschreibens von aktivistischem Wissen zu einer sehr wichtigen und sehr konkreten, für die es immer Raum geben muss. In Brasilien, wie in Lateinamerika überhaupt, haben soziale Bewegungen meiner Ansicht nach eine viel markantere Präsenz, wird die Partizipation von gesellschaftlichen Gegenbewegungen viel selbstverständlicher verhandelt und viel schärfer gefordert als hier. Ich habe dort eine geringere Diskrepanz zwischen der intellektuellen Elite und den Bewegungen der Basis erlebt – in diesem alltäglichen gemeinsamen, existenziellen, oft einfach pragmatischen Kampf entstand Raum für ein anderes Wissen, eine andere Epistemologie. Es ist wichtig, diese Formen und Möglichkeiten von Aktivismus zu archivieren – und das ist Teil meiner alltäglichen Kämpfe.
Bildpunkt: Um mit künstlerischen, theoretischen und/oder aktivistischen Interventionen Erfolg zu haben – von der Abwendung besonders rassistischer Gesetzesvorhaben bis zur Änderung von Denkstrukturen –, ist man in der Regel auf Bündnisse und Allianzen angewiesen. Das birgt für Minderheitenpositionen aber auch Gefahren, etwa die der Viktimisierung oder ganz allgemein einer Entpolitisierung. Lässt sich dem entgegen arbeiten und wenn ja, wie? Wie sehen Eure Erfahrungen aus?
M.L.: Ich sehe da tatsächlich ein großes Dilemma. Minorität ist ja nur akzeptiert, solange sie als Minorität funktioniert oder agiert und nicht in die hegemoniale Ordnung eingreift. Mit einer minoritären Identität muss man lernen, diese zu benutzen, sich zu verteidigen, aber nicht in permanenter Verteidigungshaltung zu leben. Man muss sich bewusst sein, dass es mitunter eine wichtige Strategie sein kann, sich instrumentalisieren zu lassen: und zwar, um politisch seine Anliegen durchzusetzen, nicht um persönlich am Markt des Minoritären zu reüssieren. In der Arbeit von maiz im Kulturbereich, die immer kulturelle und politische Bildung zu verbinden versucht, reflektieren wir permanent die Widersprüche, in denen wir uns bewegen, die Allianzen mit der Mehrheitsgesellschaft, die Subventionen von öffentlicher Seite, die Förderung durch die Europäische Union. Für diese Widersprüche habe auch ich mich entschieden – und auch dafür, mich nicht im Profil der viktimisierten Minorität einzurichten.
L.B.: Natürlich sind die Taktiken der Viktimisierung und der Verobjektivierung nach wie vor da, genauso wie die damit einhergehende Vereinahmung, das Pralinentum, wie Grace Latigo es einmal genannt hat. In letzter Zeit hat sich noch das Phänomen der Überangepassten dazugesellt, der „besseren“ einzelnen MigrantInnen, die gegen die – immer kollektiv gedachten – „schlechten“ MigrantInnen auftreten. Die Zuschreibungen sind mit der Erstarkung der AkteurInnenposition vielfältiger geworden. Gleichzeitig hat sich aber auch ein Gedanke der Gemeinsamkeit der politischen Sehnsüchte entwickelt. Das Bewusstsein, dass die Auseinandersetzungen um die Möglichkeiten (und Realitäten) einer Veränderung der Gesellschaft etwas ist, was uns alle charakterisiert, ist stärker geworden. Die Allianzen, die dabei entstehen oder auch vergehen, sind immer im Hinblick auf das gerade zu verfolgende Ziel zu beurteilen. In einem größeren Maßstab sind sie aber auch Mosaiksteinchen einer kontinuierlichen Arbeit an einer Gesellschaft, in der es bedingungslos Allen hier und überall gut gehen sollte. Die Partikularitäten, die aus Minderheitenpositionen agieren, sind nur dann politisch, wenn sie ihre politische Tätigkeit mit dieser Arbeit an der Veränderung der bestehenden Verhältnisse für Alle verbinden. In dieser Hinsicht sind die Allianzen aber auch Brüche, alte und neue Kämpfe, Beschreitung und Überschreitung diverser Wege etc. nachzuvollziehen ... Den permanenten Depolitisierungsversuchen kann nur mit einer Diversität an politischen Taktiken begegnet werden.
Marissa Lôbo ist Aktivistin, tätig im Bereich kultureller und politischer Bildung. Sie arbeitet beim Verein maiz (Linz) und ist Obfrau des Vereins Forum Interkulturalität. Sie studiert post-konzeptuelle Kunst an der Akademie der Bildenden Künste Wien.
Ljubomir Bratić ist Philosoph. Er ist derzeit im Integrationshaus Wien in der Flüchtlingsbetreuung beschäftigt und bei der IG Kultur Österreich als wissenschaftlicher Begleiter beim Projekt Romanistan.
Das Gespräch wurde Mitte September von Jens Kastner per e-mail geführt und in Absprache mit den TeilnehmerInnen überarbeitet.