IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Das Museumsdepot als Archiv.

Von Kisten und Resten

Martina Griesser-Stermscheg

Neulich im Café. Kennst Du den Künstler Karl Wiener? Kopfschütteln. Ich hatte ihn auch nicht gekannt. Er lebte in Wien, meist in prekären Verhältnissen, konnte sich am Kunstmarkt nie durchsetzen und verübte, nachdem er die Nazis im „inneren Exil“ überlebt hatte, schließlich Selbstmord (1901–1949). Das Wien Museum hat ihm 2011 eine kleine Sonderausstellung gewidmet, da kürzlich sein graphischer Nachlass aufgearbeitet wurde. Fast fünfzig Jahre stand die Holzkiste mit dem Nachlass im Museumsdepot – unbeachtet, ungeöffnet und ohne im Inventar erfasst worden zu sein. Solche und andere Beispiele führen unweigerlich zur Frage nach der Verantwortung und den Möglichkeiten von öffentlichen Institutionen, die mit dem Sammeln und Archivieren betraut sind. Seit den 1960er Jahren suchen Künstler und Künstlerinnen nach alternativen Formen der archivarischen Praxis, der künstlerischen Selbstarchivierung (Beatrice von Bismarck), die Transparenz und Mitbestimmung an der institutionellen Bedeutungskonstruktion oder gar deren Auflösung fordert. Das Vertrauen in die Museen und Archive schrumpft indessen weiter.

Aus unser aller Dingwelt, also den Milliarden von Gegenständen und Dokumenten, die wir täglich produzieren, benützen, beschreiben, verwalten oder wegwerfen – und deren gewaltige Eigendynamik wir dank Krzysztof Pomian unter der Bezeichnung des „ökonomischen Kreislaufes“ zu fassen versuchen – ,werden einzelne Elemente selektiert, dekontextualisiert und in das System des Erinnerns, das Museum oder das Archiv, eingespeist. Der Weg dorthin ist eine Einbahnstraße, ja sogar eine Sackgasse. Aleida Assmann analysiert zwei Arten von Erinnerungsräumen (2009): das aktuell gehaltene Funktionsgedächtnis und das zur potentiellen Verfügung bereitgestellte Speichergedächtnis – dazu zählen Archive und Depots. Speicher ermöglichen das „Entleeren“ des Gedächtnisses durch das Auslagern von Ideen und Daten, ohne jene aber zu verlieren. Speichern heißt also auch vergessen. In der Wechselseitigkeit zwischen der aktuellen und der potentiellen Speicherfunktion lässt sich ein endloser Kreislauf beschreiben, aus dem es kein Zurück gibt, sondern nur ein Zirkulieren oder Oszillieren zwischen Lagerzustand und einem temporären Dienst als Bedeutungsträger. Dabei werden immer wieder wechselnde Bedeutungen zugeschrieben, die auf Wissensgenerierung, Geschichts- und Gegenwarts(de)konstruktion, Diskurs, Marktwert oder Ästhetisierung einwirken.

Ein Unterschied zwischen Museumsdepot und Archiv liegt lediglich in der Sammelpraxis der Vergegenständlichung von Bedeutung. Archive sammeln in der Regel „Flachware“, also flach ausgebildete Trägermaterialien (Papier, Folien, Glas, Kuper etc.) für Drucke, Zeichnungen, Fotos, Filme, Handschriften, Buchstaben jeder Art. Beim Archivieren geht es um die Information, nicht unbedingt um das Vehikel des Trägermaterials. „Die verwandelnde Vergegenständlichung ist der Preis, den das Lebendige zahlt, um nur überhaupt in der Welt bleiben zu dürfen; und der Preis ist hoch, da immer ein ‚toter Buchstabe‘ an die Stelle tritt, was einen Augenblick lang wirklich ‚lebendiger Geist‘ war.“ ((H. Arendt 2010, S. 114) Eine andere Form der Abstraktion beobachten wir im Museumsdepot. Hier geht es um das Deponieren meist dreidimensionaler Objekte, also Dinge, deren materieller Erhalt als Ganzes im Vordergrund steht. Nach Vilém Flusser sind alle Dinge mit einem „unsichtbaren Imperativ“ versehen, der uns sagt, wie wir etwas sehen sollen. Nehmen wir Abstand von dieser Befehlsmacht, erscheinen uns die Dinge als das, was sie sind und nicht als das, was sie sein sollen. „Durch solch eine Umwertung der uns vom Kulturapparat aufgezwungenen Werte können wir uns aus der Umklammerung unserer Bedingung befreien.“ (V. Flusser 1993, S. 17)

Depots sind Foucaultsche Heterotopien, Räume „aller Zeiten“ und dennoch Maß unserer Zeit. Ähnliches gilt für Archive, wenn auch nicht für den Archiv-Begriff von Foucault, in dem er sich der materiellen Knechtschaft eines herkömmlichen Archivs völlig entzieht, um auf die Machtstruktur dieser Institution aufmerksam zu machen. In Foucaults Archiv kann es eines nicht geben: Reste. Komisch eigentlich – denn in jeder materiellen Sammlung gibt es ebensolche Reste, die sich einer Systematik nicht unterordnen ließen, keinen Platz mehr fanden, von einer zur nächsten Genera- tion in Vergessenheit gerieten oder niemals einer Bewertung wert schienen. So wie Karl Wiener. Oder wie Diego Velázquez. Sein Gemälde Infantin in blauem Kleid von 1659, heute Flaggschiff- Exponat des Kunsthistorischen Museums, wurde erst 1922 in einem Depot der Hofburg aufgefunden und als das erkannt bzw. zu dem gemacht, was es heute darstellt. Depots und Archive produzieren Reste und beherbergen diese. Darin liegen ihre Qualität und ihr größtes Potenzial.

Aber auch Reste wollen verwaltet und gepflegt werden. Sonst verlieren wir sie. Den Verfall von endgültig vergessenen Resten machen Ilya und Emilia Kabakov in ihrer Installation Not everyone will be taken into the future (2001) deutlich. Die permanente Rauminstallation im MAK-Gegenwartskunstdepot im Gefechtsturm Arenbergpark zeigt einen verlassenen Bahnsteig mit achtlos abgelegten oder bereits zerstörten Kunstwerken, für die der sprichwörtliche Zug abgefahren ist. Den Zug, der ein künftiges Weiterleben im Museum oder Archiv ermöglicht hätte, sieht man nur noch von hinten. Am Bahnsteig herrscht düstere Stille. Das ist schade und es muss nicht so sein. Deshalb dieses Plädoyer für ein antikonservatives Konservieren, für einen progressiven Zugang zum Bewahren: Denn Anarchivieren bedeutet auch Umwertung und Neubefragung. Und Archivbestände und deponierte Sammlungen ermöglichen dies grundsätzlich.


Martina Griesser-Stermscheg ist Restauratorin und Museologin. Sie lebt in Wien.


Literatur:

Vilém Flusser: Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen. München – Wien 1993.

Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 2010.