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Ordnungsweisen hinterfragen.

Editorial

Das Archiv bewahrt nicht nur auf, sondern es versteckt auch. Bei Michel Foucault etwa ist das Archiv kein mit staubigen Regalen vollgestellter Kellerraum, sondern fast so etwas wie eine Methode: Durch das Archiv wird historisches Erscheinen geregelt, das Aufkommen und Abtauchen von Denkmöglichkeiten. So gesehen ist es also nicht nur eine Lagerstätte, sondern viel eher der Zugriff darauf und es umfasst zugleich die Regeln, nach denen dieses Zugreifen organisiert ist. Hinsichtlich der Kunst hat der Kurator Bassam El Baroni auf dem global art-Symposium, das Ende Juli 2011 in Salzburg stattfand, vorgeschlagen, das Archiv als die Art und Weise zu verstehen, mit der die „zeitgenössische Kunst“ auf die Kunstgeschichte zurückgreift. Eklektisch, ohne Anspruch auf Fortschritt und Geradlinigkeit. Er setzte diese Bezugnahme dem verbindlicheren und hierarchischeren „Katalog“ entgegen, auf den die ältere, „bildende Kunst“ sich klassischer Weise beziehe. Dieses Zurückgreifen auf die Geschichte geschieht trotz Teleologieverlust aber nicht von jedem Punkt aus mit gleicher Leichtigkeit und auch die Gegenstände, auf die zugegriffen wird, sind nicht hierarchiefrei aufgereiht.

Im Kunstfeld hat die Arbeit am Archiv insofern immer auch das Hinterfragen von Ordnungsweisen vor der Brust. Daraus sind wichtige Impulse nicht nur in künstlerische Arbeiten, sondern auch in die theoretischen Debatten anderer Felder eingeflossen. In jene über die Ordnung des Sozialen etwa. Auch sie ist eine gemachte, gewollt geschichtete, gewaltsam mit Aus- und Einblendungen versehene und nicht das Ergebnis von naturgemäßen Sachzwängen. Meinte auch Foucault. Und dass diese Ordnung trotz ihrer gewöhnlichen Behäbigkeit und Stabilität immer auch schnell mal zur Disposition gestellt werden kann, wurde wohl schon lange nicht mehr so geballt deutlich wie in diesem Sommer zwischen Tahrir Platz und Rothschild Boulevard, Puerta del Sol und Syntagma Platz.

Im Aktivismus ist die Archivierung häufig Selbstvergewisserung und Ermächtigung zugleich. Ein Bewahren und Einschreiben, aber auf andere Weise, als es bisher getan wurde. In diesem Sinne lotet auch das Thema anarchivieren herrschaftsfreie Zugänge aus. Die Anarchie im Wort stürzt das Archiv dabei nicht in Chaos und Gewalt, sondern rekurriert auf jene radikalen Strömungen der ArbeiterInnen- und Alternativbewegungen, die es unter dem Banner des Anarchismus auf die Verknüpfung von individueller Freiheit und sozialer Gleichhheit angelegt hatten und haben.


Jens Kastner, koordinierender Redakteur