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Chan Chan – oder von der Wortung eines Ortes

Cordula Daus

Wie kommt ein Name an einen Ort? Was erzählt eine Topographie? Name und (Land-) Nahme hängen oft unmittelbar zusammen. Dennoch scheinen manche Toponyme einen nichtbenennbaren Ort oder Moment zu verdecken – als singulärer Terminus bleibt der Eigenname meist opak. Im Folgenden wird es um jenes innige Verhältnis zwischen Wirklichkeit, Macht und Sprache gehen, von dem Namen und Bezeichnungen sprechen, welche oft systematisch die Gegenstände bilden, die sie benennen.

Die Ruinen Chan Chans liegen im Westen der nordperuanischen Stadt Trujillo, etwa 800 m vom Meer entfernt. Die Übergänge zwischen moderner Stadt, den Überresten einer vergangenen Stadt und der sie umgebenden Wüste sind fließend. Wenn man die Hauptstraße verlässt und das 1990 vom peruanischen Kulturministerium zur „unberührbaren Zone“ erklärte Gebiet landeinwärts durchläuft, verliert man leicht die Orientierung. Der hohe Grad des Zerfalls verleiht dem einstmals sakralen Ort eine surreale, ja fast extraterrestrische Anmutung. Vielleicht auch, weil er selbst zum Topos einer Ruine geworden ist, einer Geschichte, die sich fast vollends in Natur aufgelöst hat.

Chan Chan – einstmaliges Zentrum der Chimú-Kultur, einer der größten präkolumbianischen Imperien der Küstenregion Perus (ca. 1100 bis 1470) – wurde noch vor der Ankunft der Spanier durch den Inka Tupac Yupanqui erobert und nach heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen verlassen. Die gefallene Stadt aus Lehm wurde zum Nährboden der Kolonialstadt Trujillo, man entnahm ihr Arbeitskräfte, Schätze und Material. In den letzten Jahrhunderten wurde der aus neun Monumentalbauten, Grabstätten, pyramidenförmigen Huacas und perimetrischen Mauern bestehende architektonische Komplex fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, systematisch geplündert, von Wind und Erdbeben versehrt. 1865 schreibt der nordamerikanische Archäologe Squier über die „große plumpe Masse“ einer durchlöcherten Pyramide, welche „nach allen Richtungen hin durch Schächte, Gänge und Tunnel durchbohrt“ worden sei. Die ausgedehnten Gräberfelder um Chan Chan seien „meilenweit ein wahres Golgatha“, aus der Knochen und Schädel ragten. Im 19. und 20. Jahrhundert hinterließen internationale Forscher und lokale Persönlichkeiten, wie Squier, Tschudi, Bandelier, Rivero oder Uhle ihre Spuren und Namen in einer ersten Nomenklatur der Lehmbauten. 2006 setzte das peruanische Kulturministerium eine Umbenennung der Bauten Chan Chans durch. Man entschied sich stattdessen für künstliche Bezeichnungen wie Fochic An, Nik An, Ñain An, Chol An und Xllangchic aus der ausgestorbenen Sprache des Muchik. Obwohl das Muchik nicht die Sprache der BewohnerInnen Chan Chans war, dienten die Namen wenigstens dazu, dem Ort im Nachhinein den Anschein einer indigenen Genealogie zu verleihen.

Wem gehört ein Ort? Wer hat das Recht auf Benennung? Der wirkliche Name Chan Chans ist bis heute unbekannt. Die Sprache der Chimú, das gutturale Quingnam, verschwand bald nach der Eroberung der Spanier bis auf einige wenige Personen- oder Ortsnamen. Da die Chimú keine Schrift kannten, sind WissenschaftlerInnen auf die Interpretation materieller Überreste oder Beschreibungen spanischer Chronist_innen angewiesen. Chan Chan ist bis heute ein Ort des Weltmangels, der diejenigen, die sich mit ihm beschäftigen, immer wieder mit den Grenzen der Sprache konfrontiert. Einer der führenden Archäologen Perus, Cristóbal Campana, ist der Meinung, dass es bisher keine Bezeichnung gäbe, um Chan Chan zu definieren: „[Im Spanischen verwenden wir] Begriffe wie Siedlung, Stadt, Metropolis, Großstadt oder andere, die nicht der Realität oder dem tatsächlichen Zweck des Ortes entsprechen.“

Im August 1969 siedelt eine Gruppe von 18 Personen auf dem wüstenhaften Grund inmitten Chan Chans. Unter ihnen befinden sich eine Archäologin, ein Architekt, ein Linguist, mehrere LandarbeiterInnen, HistorikerInnen und zwei Ingenieure. Wenige Monate zuvor, hatte die peruanische Militärregierung unter Präsident Velasco begonnen, eine der drastischsten Agrarreformen Lateinamerikas durchzuführen, bei der die bürgerlichen Großgrundbesitzer Perus enteignet wurden und das Land an Gewerkschaften überging. Die tumultreichen Folgen der Reform in Trujillo ausnutzend und inspiriert durch ihren anti-oligarchischen Geist, besetzt die Gruppe das Areal des sog. Tschudi-Palastes und fordert dessen sofortige „Ent-nennung“. Eine Fotografie der Zeitung La Industria vom 28. 8. 1969 zeigt eine Außenansicht des Monumentalbaus, auf dessen Grabplattform eine Fahne mit der Aufschrift weht: „Freiheit für die Mumien, Freiheit vom Sinn“. Die Öffentlichkeit tat sich schwer, die Motivation und politische Ausrichtung der InvasorInnen einzuordnen. Im Januar des folgenden Jahres verlässt die Gruppe freiwillig das Terrain, verweigert jedoch eine weitere Stellungnahme.

Es mag kein Zufall sein, dass sich das historische Denken an der ästhetischen Entdeckung der Ruinen durch Gelehrte und Künstler in der Renaissance entwickelt hat, wie der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme schreibt: Seitdem arbeiten die Humanwissenschaften an „Trümmern, Bruchstücken, Relikten, Torsi, Fragmenten. [...] Noch nicht fertiges Haus und Ruine: das sind die Signaturen der beiden fundamentalen Haltungen zur Geschichte, Hoffnung und Melancholie.“ Die Ruinenlandschaft Chan Chans zeugt letztlich weniger von einer vergangenen Kultur, sondern ist vielmehr selbst materialisierte Form einer „Archäologie des Wissens“, die die Spuren und Restaurationspolitiken derer enthält, die sich an ihrer Interpretation und Aneignung versucht haben.


Cordula Daus lebt als freie Kulturwissenschaftlerin und Autorin in Berlin. Zur Zeit arbeitet sie an der zweiten Ausgabe der Publikationsreihe Toponymische Hefte, die sich mit der Geschichte Trujillos/Chan Chans auseinandersetzt.