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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Drei künstlerische Positionen begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen.

Mit Lichtstrahl in die Vergangenheit betitelt der Regisseur Uli Stelzner die Überlegungen zu seinem Film La isla – Archive einer Tragödie über das 2005 in Guatemala entdeckte Geheime Archiv der Nationalpolizei, dem die Rückseite dieser Ausgabe gewidmet ist. Er konfrontiert sich selbst mit zahlreichen Fragen: Wie kann es gelingen, einen Film in einem Archiv mit 80 Mio. Dokumenten zu drehen, ohne dass die Kamera das Tageslicht erblickt? Ist es möglich, Völkermord, Terror, staatliche Kontrolle, Repression, selektiven Mord und Verschwindenlassen zu visualisieren und gleichzeitig die Verantwortungen dieser Gräueltaten zum Thema zu machen? Wie lässt sich die Architektur eines ehemaligen Folterzentrums filmisch einbeziehen und seine blutbefleckten Mauern als Lein-Wand zum Reflektieren bewegen? Wie lassen sich maschinengeschriebene Terrordokumente, bewegende menschliche Zeugnisse und filmisches Archivmaterial so verweben, dass Vergangenheit und Gegenwart einer traumatisierten Gesellschaft erfahrbar werden? Uli Stelzner hat sich diesen schwierigen Aufgaben mit seinem Dokumentarfilm erfolgreich gestellt. Er gewann zahlreiche Festivalpreise für innovative Filmsprache, virtuose Bearbeitung des Archivmaterials und verwandelt dabei Schmerz und Trauer in zeitlose Poesie. In Guatemala wurde die Premiere des Films von Bombendrohungen und Boykottversuchen des politischen Establishments begleitet. Er wurde dennoch zum meistgesehenen Dokumentarfilm in der Geschichte des Landes. Filmwebseite: www.iskacine.com

Die Bildstrecke zeigt die Serie Before or After der KünstlerInnen Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova. Die Collagen treten mit dem Archiv westlicher feministischer Protestgeschichten des 20. Jahrhunderts in Verhandlung: Indem sie die eindeutigen Forderungen auf historischen Fotografien durch andere, reflexivere Slogans ersetzen, lassen sie Widersprüche zutage treten, die die binäre Geschlechterordnung selbst viel grundsätzlicher in Frage stellen. Die Kuratorin Dessislava Dimova bringt dies auf den Punkt: „Die Frauen in den Collagen manifestieren kühn ihre Zweifel und ihre Brüchigkeit als eine neue Form des Protests – eine die nicht mehr nach Frauenrechten in einer Männerwelt verlangt, sondern die Spielregeln und die Bedeutung von Protest insgesamt herausfordert.“

Anthony Auerbachs Arbeit Mosaic (The State of New York) ist auf dem Poster zu sehen. The State of New York (2006) ist eine Luftbildvermessung des gesamten Staates New York aus einer Höhe von 2,13 Metern. Die aus 2500 überlappenden vertikalen Fotographien bestehende Vermessung erfasst die Oberfläche einer riesigen Kopie einer Straßenkarte des „Empire State“, welche in den Terazzoboden des Pavillons des Staates New York für die Weltausstellung 1964–65 eingearbeitet war. Der von Philip Johnson entworfene Pavillon wurde damals als „Tent of Tomorrow“ ange - priesen. Er steht nun ganz heruntergekommen im Flushing Meadows Corona Park in Queens, New York. Das hier abgebildete Archiv von Fotographien ist die Vorbereitung für die Montage eines Mosaiks, das heißt: für die Zusammensetzung der Fragmente, um ein durchgehendes Bild einer gebrochenen Oberfläche zu schaffen.


Ausgewählt und zusammengestellt von Nora Sternfeld, Eva Dertschei und Carlos Toledo in Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen.