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Über Wissensarbeit(erInnen), die neuen Fließbänder und Streik

Käthe Knittler und Lisa Sigl

Während der Bildungsproteste des letzten Jahres sind nicht nur die Universitäten in Flammen aufgegangen, sondern unter anderem auch eine Debatte zu möglichen Organisierungsprojekten und -formen von Studierenden, WissenschaftlerInnen bzw. WissensarbeiterInnen entbrannt. Als die Beteiligung von Universitätsangestellten an manchen Universitäten im Vergleich zu früheren Universitätsprotesten gering blieb, drängte sich die Frage auf, warum eine breite Solidarisierungsbewegung ausblieb, wo doch verstärkte verbetriebswirtschaftlichte Universitätsorganisation (New Public Management etc.) und wissensintensivierte Wirtschaft (Lissabon Prozess etc.) zu Prekarisierung und Normalisierung der Mehrheit der WissensarbeiterInnen an Universitäten führen (d.h. sowohl von Studierenden als auch des wissenschaftlichen Personals an den Universitäten; übrigens auch zu verstärktem Zeitdruck auf administratives oder Reinigungspersonal an den Universitäten) – ein Thema, das in der bisherigen Auseinandersetzung um die „Krise“ der Universitäten (und leider auch im folgenden Text) gelinde gesagt defizitär behandelt wird.

Aber was hat es eigentlich mit diesem Begriff der „Wissens arbeiterInnen“ auf sich? Der Begriff Wissensarbeit nimmt bewusst Bezug auf die Ausbeutbarkeit unsers Tuns, schafft ein Kollektiv, das quer zu Orten (u.a.: Uni, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, das eigene Wohn- bzw. Arbeitszimmer), quer zu Vertragsformen und quer zu Zeitverläufen existiert. Ein Begriff, der auf Gemeinsamkeiten aufbaut – wir haben nichts zu verkaufen als unsere Arbeitskraft, unsere Fähigkeit, Wissen zu erwerben, zu vermitteln und zu schaffen – und zugleich in sich viele Spannungsverhältnisse birgt (u.a. ProfesorInnen/Studierende, ProjektleiterInnen/deren hierarchisch unterstellte MitarbeiterInnen), die es zu thematisieren gilt.

Allen WissensarbeiterInnen gemein ist eine – immaterielle – Form von Arbeit, die eng verknüpft ist mit einer Person, ihrer Kreativität, Affektivität, Kommunikationsfähigkeit und Motivation. Und sie macht (oft) auch Spaß und dient der Selbstverwirklichung. Daraus ergeben sich sehr spezifische und auf das Selbst zugreifende Ausbeutungsformen. Sie nutzen den Selbstantrieb, der die Akzeptanz schlecht abgesicherter Arbeitsverhältnisse und den (Selbst-)Ausbeutungswillen steigern kann. Dass es möglich ist, diese Akzeptanz und den Selbstausbeutungswillen gemeinsam zu brechen, zeigen derzeit WissensarbeiterInnen des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie. Nachdem befristete und für einzelne Lehraufträge angestellte Externe dort in den letzten Jahren einen Großteil der Diplomarbeiten betreut hatten, bestreiken nun seit Anfang des Jahres 2010 LektorInnen mit Unterstützung der Studierenden die Betreuung von Diplomarbeiten.

Die alt bekannte Problematik, wie die Arbeitskraft bzw. die konkrete Arbeitsleistung, aus den Arbeitenden herausgezogen werden kann, stellt sich für all diese Gruppen in ähnlicher Weise – auch wenn die konkreten Bedingungen sehr heterogen sind und die Arbeitenden dadurch in ihren Erfahrungen oftmals individualisiert erscheinen. Formal ist wie in fordistischen Arbeitswelten die Arbeitskraft für eine vertraglich festgelegte Zeit verkauft. In der fordistischen Industrieproduktion gibt es ein spezifisches Set an Strukturen, die sicherstellen, dass das gewünschte Produkt erzeugt wird: Vorarbeiter und seltener Vorarbeiterinnen, Akkordlohn, Fließbandarbeit, Stechuhren usw. Effizienzsteigerungen im Bereich der immateriellen Arbeit sind hingegen in höherem Ausmaß abhängig davon, dass ArbeiterInnen motiviert und bereit sind, ihr emotionales, kreatives und kommunikatives Potential zu nutzen, um Wissen überhaupt in einer quantifizierbaren und objektivierbaren Form herzustellen. Publikationslisten und Impact Factor, Wissensbilanzen und prekäre Arbeitsverträge sind die neuen Rationalisierungsinstrumente des New Public Management, das Fließband der (universitären) WissensarbeiterInnen! Sie erhöhen nicht nur den Produktivitätsdruck, sondern kanalisieren die Wissensproduktion in eine bestimmte Richtung und Form. Der „Impact Faktor (IF)“, anhand dessen der Wert hergestellten Wissens derzeit gemessen wird, ist abstrakt. High-IF-Zeitschriften gibt es in keiner Trafik und in kaum einer Buchhandlung zu kaufen. Es sind hochpreissegmentige Abo-Journals, die von Unifachbibliotheken angekauft werden. Die LeserInnenschaft beschränkt sich oft auf Autor oder Autorin und all jene, die potenziell zitiert hätten werden können. Im Grunde drückt der IF die Verlegenheit aus, einen Produktwert messbar machen zu wollen, der nie vollkommen messbar gemacht werden kann. Er erlaubt der Quantifizierungslogik die Definitionsmacht darüber, was sinnvolle und gesellschaftlich relevante Wissensproduktion ist.

Für uns stellt sich die Frage, wie sich dieser Akkord immaterieller Produktion sabotieren lässt, wie das Impact-Fließband lahmzulegen ist. Denn eines haben alle WissensarbeiterInnen gemeinsam zu verteidigen: Mit Wissen tätig zu sein, muss öffentliches Gut, muss „common“ bleiben und darf nicht zur Ware werden, ebenso wie WissensarbeiterInnen sich nicht im Sinn von „employability“ zur Ware machen lassen wollen. Hier sollen noch keine Antworten auf diese Frage gegeben werden. Die Frage zu stellen und gemeinsame Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten erscheint uns aber zentral, wenn es heißt, Bildung darf keine Ware werden.

Uns als solidarisches Kollektiv von WissensarbeiterInnen zu verstehen, ist ein Schritt auf diesem Weg. Der Begriffsteil Arbeit bezieht sich schließlich auch auf mögliche und notwendige Solidarisierungen mit ArbeiterInnen außerhalb des Bildungsbereichs und ist somit auch in dieser Hinsicht ein Versuch, Spaltungen zu überwinden und breiteren Kollektivierungen Raum zu geben. Der Begriff der WissensproduzentIn – im Sinne einer Assoziation freier Produzenten, „worin die freie Entfaltung eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist“ (Marx/Engels, Kommunistisches Manifest, MEW 4, S.482), taugt vielleicht mehr als Utopie, die es zu erreichen gilt, denn als aktuelle Zustandsbeschreibung. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle geben muss.


Lisa Sigl ist im Vorstand der IG Externe LektorInnen und freie WissenschaftlerInnen und arbeitet als Wissenschaftsforscherin in Wien.

Käthe Knittler ist feministische Ökonomin und lebt in Wien.


Martin Birkner / Birgit Mennel: Mayday! Oder: Die unmögliche Organisierung der möglicherweise Unorganisierbaren – eine Zwischenbilanz mit Ausblick, in: Kulturrisse 4/2006.

Käthe Knittler / Lisa Sigl: Die Verfassung der Wissensarbeit(erInnen). Über das Davor und das Danach der Bildungsproteste als Ereignis, in: Malmoe 50, 2010 http://malmoe.org/artikel/widersprechen/2063

Manifesto of Knowledge Workers
, www.precaria.org/carta-dei-diritti-dei-lavoratori-della-conoscenza.html

Immaterial Workers of the World
: www.labournet.de/diskussion/arbeit/iww.htm