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Lernen im und vom Wissensregime

Editorial

In seinem aktuellen Buch Der Philosoph und seine Armen stellt der Philosoph Jacques Rancière die starke aber falsche Behauptung auf, Bildungseinrichtungen wie die Schule seien bestenfalls der politischen, nicht aber der sozialen Gleichheit wegen erschaffen worden. „Ihre Macht der sozialen Umverteilung“ sei niemals anders denn als randständig begriffen worden. Selbst ein paar sporadische Blicke in die Geschichte der ArbeiterInnenbewegungen legen allerdings das Gegenteil nahe: Arbeiterbildungsvereine im Vormärz, Alphabetisierungskampagnen der AnarchistInnen im Spanischen Bürgerkrieg, die Piktogramme von Otto Neurath und Gerd Arntz, die Erwachsenenbildung der Worker’s Education Association, Brutstätte der britischen Cultural Studies, und selbst noch die Rhetorik der gegenwärtigen SPD-Bundestagsfraktion („Bildung ist die große soziale Frage unserer Zeit“). Es gibt Tausend Beispiele dafür, dass und wie ein im weitesten aller möglichen Sinne sozialistischer Umgang mit Bildung von der Vorstellung getragen war, mit ihrer Hilfe – inklusive Institutionalisierung soziale Ungleichheit abzuschwächen oder gar abzuschaffen.

Solche Positionen allerdings haben an hegemonialer Strahlkraft verloren. Nicht nur, dass die dominante Ausrichtung des Pädagogisch- Institutionellen-Komplexes sich von kollektiven Anliegen hin zu individualistischen Anforderungen verschoben hat. Auch die einfache Gleichung „je mehr Bildung desto weniger soziale Ungleichheit“ hat auf verschiedenen Ebenen etwas an Plausibilität eingebüßt. Unter anderem gilt das Wissen mittlerweile nicht mehr nur als hilfreiches Werkzeug, sondern als vielfältig verstrickt in die Machtverhältnisse, gegen die es immer in Anschlag gebracht werden sollte. Die chilenische Kulturwissenschaftlerin Nelly Richard beispielsweise nennt diese Verstricktheit „Wissensregime“. Innerhalb solcher Regime ist auch jede Beschäftigung mit Bildung, Macht und Kultur zu verorten. Solche Auseinandersetzungen selbst müssten sich, so Richard, der Frage der eigenen Funktionalität stellen. Umfunktionieren lernen meint folglich nicht nur, der gegenwärtigen, ökonomistischen Funktionalisierung des Lernens ein „anderes“ Lernen entgegenzusetzen. Es bedeutet auch zu lernen, die Funktionalität des „eigenen“ Lernens zu entziffern und zu entwirren.

Die Debatten um Bildung und Wissen als wichtige soziale Ressourcen haben seit den Studierendenprotesten im letzten Herbst wieder an Fahrt aufgenommen. In der für den Bildpunkt üblichen Verknüpfung von aktivistischen, theoretischen und künstlerischen Praktiken klinken wir uns wieder in diese Diskussionen ein. Indirekt knüpfen wir dabei auch an die Auseinandersetzungen an, die wir in der Herbst-Ausgabe 2007 unter dem Titel Widerstand. Macht. Wissen geführt haben. 

Die Fragen jedenfalls, wofür das Lernen funktionieren soll und wer es funktionalisiert, ob und wenn ja es wie umfunktionalisiert werden kann, sind, trotz und angesichts aller unwissenden und wissenden Lehrmeister wie Rancière, dem Bildpunkt auch soziale Fragen.


Jens Kastner, koordinierende Redakteur