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Genderregime. Die Unternehmerinnen ihrer selbst

Elisabeth Tuider

Die politischen Programme auf nationaler, europäischer und globaler Agenda sind voll mit Absichten, die die Gleichstellung der Geschlechter – ein genuines Anliegen der westlichen feministischen Bewegungen spätestens seit den 1970er Jahren – zu realisieren trachten. Manifestieren können wir dieses politische Geschlechterbewusstsein in Form des Gender Mainstreamings auf der Ebene der Europäischen Union, des Post-Beijing-Abkommens zur Gleich stellung der Geschlechter im Rahmen der UNO, oder in Form der an allen öffentlichen Einrichtungen (wie Schulen, Universitäten und Verwaltungsapparaten) implementierten Gleichstellungsbeauftragen (und nicht mehr Frauenbeauftragten!). Sind mit dieser staatlich verordneten Gleichstellungspolitik die ehemaligen Ziele der feministischen Analyse und Forderungen erreicht? Oder stellen gerade diese Veränderung die Analysen und v.a. Überlegungen feministischer agency aktuell vor neue Herausforderungen?

Gender und Genderregime im Postfordismus

Der grundlegende gesellschaftliche Wandel weg vom Modell des Fordismus und seinem Ideal des männlichen Familienernährers hin zum „Postfordismus“ rüttelte auch an den Anforderungen und Bildern normativer Geschlechterkonstruktionen. Der neoliberale Kapitalismus fordert nun eine neue Form der Subjektivität ein, die des „unternehmerischen Selbst“ (vgl. Bröckling 2000). Menschen sollen durch geschicktes Selbstmanagement ihre eigene „employability“ sichern, sind damit aber auch im Falle des Scheiterns an ihrem Unglück selber schuld. Ein zentrales Funktionsprinzip des neuen, ‚postfordistischen’ Kapitalismus ist es, die Verantwortung für gesellschaftliche Teilhabe den Individuen selbst zu übertragen. In diesem Prozess, der alle gesellschaftlichen Bereiche einschließlich des Verhältnisses zwischen Individuum und Staat der Marktlogik unterwirft, wird gleichzeitig mit der Forderung nach Selbstvermarktung der Einzelnen die kollektive, staatliche Verantwortung für individuelle und gesellschaftliche Problemlagen und Risiken abgebaut. Wenn damit auch gender zum Ergebnis persönlicher Leistung erklärt wird, sind dementsprechend auch Diskriminierungserfahrungen ein individuelles, selbst verschuldetes Problem und Gleichstellung gerät damit zu einer Frage des persönlichen Vermögens oder Unvermögens.

Die Frauenbewegung als subversive Gegenkraft ist im Zuge ihrer diskursiven und politischen Vereinnahmung durch neoliberale Programme weitgehend depotenziert worden: Frauenpolitische Forderungen sind zum Bestandteil neoliberaler Herrschaftsstrukturen geworden (vgl. Gender Mainstreaming oder Gleichstellungsbeauftragte). Und ein Verständnis von (Frauen-)Emanzipation als individuelle Befreiung fügt sich reibungslos in die vorherrschende Marktlogik ein.

Im Rahmen der neoliberalen Ideologie sei Geschlecht, so konstatiert Christa Wichterich, einer der Standortfaktoren im globalen Wettbewerb. Das neoliberale Regime definiere „Frauenförderung als Wettbewerbshindernis und nutzt Geschlechterungleichheiten strukturell aus“ (Wichterich 2003: 80). Denn Geschlechtergerechtigkeit wird lediglich in die neoliberale Ideologie eingepasst z.B. in Form von Integration sog. „weiblicher“ Leistungsfähigkeit (soft skills).

Regiert werden

Am lateinamerikanischen Paradebeispiel Chile hat Veronika Schild gezeigt, dass in der ersten Phase neoliberaler Reformen die ökonomischen Spielregeln übergreifend implementiert wurden. In der zweiten, subtileren Phase wurde „der Ethos des neoliberalen Marktes als dominante politische Grammatik und Regierungsverständnis verankert“ (Schild 2002: 5). Die Konstitution von Subjektivitäten steht nun völlig in Einklang mit den Leitlinien des neoliberalen Ethos. Mit Marianne Pieper und Encarnácion Gutiérrez Rodríguez (2003) kann nun gefragt werden, ob im neoliberalen Genderregime die Positionen von Herrschenden und Beherrschten zu verschmelzen beginnen?

Mit dem Begriff der Gouvernementalität (Foucault 2000), der Regieren (gouverner) und Denkweise (mentalité) semantisch miteinander verbindet, wird, die „Totalität des Regierens, das den Geist und die Seele der Subjekte durchkreuzt und formt“ (Pieper/ Gutiérrez Rodríguez 2003: 11), erfasst. Regieren ist eine ökonomische Form der Führung und bezeichnet eine Form der Machtausübung, die dort wirksam wird, wo ein Möglichkeitsfeld verschiedener Handlungsalternativen strukturiert wird.

Die gegenwärtigen neoliberalen Veränderungen von Staatlichkeit tragen nun dazu bei, die patriarchalen Genderregime wieder in den Alltag von Frauen einbrechen zu lassen (vgl. Sauer 2005). Darüber hinaus verschiebt und veruneindeutigt sich die Position der weiblichen Unterdrückung und Benachteiligung. Besonders offensichtlich wird dies beispielsweise in der Koppellung von Emanzipation und Care. Denn die Kosten von Individualisierung und Emanzipation (verbunden mit einem deutlichen Vordringen auf dem europäischem und globalem Arbeitsmarkt) von (west)deutschen Frauen werden auf dem Rücken der z.T. hochqualifizierten, ethnisierten und oftmals illegalisierten Haushaltsarbeiterinnen ausgetragen. Frauen sind auch als „Unternehmerinnen ihrer selbst“ einer mehrfachen Überbelastung ausgesetzt sind. Nur wird nun die ehemals geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern in eine ethnische Arbeitsteilung zwischen deutschen und ethnisierten Frauen transformiert. Erst mit der Konstruktion der „Dritten Welt-Frau“ als Opfer konstruiert sich im Umkehrschluss die weiße westliche bzw. deutsche Frau als modern und emanzipiert.

Die multiplen Differenzlinien und die Vielfalt der Identifikationen, auf deren Grundlage sich heute Widerstand formiert, fordern Feministinnen zu neuen Bündnissen und Koalitionen heraus. Denn nur auf den ersten Blick sind in dem Aufruf, „Frauen“ sollen autonome, selbstständige Individuen werden, auch alle „Frauen“ gemeint. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass Differenzen entlang der Klassen- und ethnischen Zugehörigkeit – erneut von Bedeutung sind.

Die Fortführung einer internationalen Arbeitsteilung und ihr damit korrelierendes Genderregime lassen neue Forderungen nach einem transnationalen Feminismus samt einem Entwurf einer übergreifenden Allianzpolitik laut werden (vgl. Castro Varela 2006). Aber: „In fact, there is no such thing as a feminism free of asymmetrical power relations. Rather, transnational feminist practices, as we call them, involve forms of alliance, subversion, and complexity within which asymmetries and inequalities can be critiqued.” (Grewal/Kaplan 2005) Widerständige Repräsentationen, so Gayatri Spivak (2008), sind in die hegemonialen Diskurse einer gewissen Zeit eingewoben, sie sind Produkte herrschender gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Wobei der Raum der zu Subalternen gemachten derjenige Ort ist, an dem sich die Umkehr vollziehen kann.


Elisabeth Tuider ist Soziologin und Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Diversity an der Universität Hildesheim.


Literatur:

Ulrich Bröckling / Susanne Krasmann / Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/ M 2000.

Maria do Mar Castro Varela: Postkoloniale feministische Theorie und soziale Gerechtigkeit. In: Degener, Ursula / Rosenzweig, Beate (Hg.): Die Neuverhandlung sozialer Gerechtigkeit. Feministische Analysen und Perspektiven. Wiesbaden 2006, S. 97–114.

Michel Foucault: Die Gouvernementalität, in: Ulrich Bröckling / Susanne Krasmann / Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/M 2000, S. 41–76.

Inderpal Grewal / Caren Kaplan: Postcolonial Studies and Transnational Feminist Practices, 2005, http://english.chass.ncsu.edu/jouvert/v5i1/grewal.htm (10. 1. 2010)

Marianne Pieper / Encarnación Gutiérrez Rodríguez (Hg.): Gouvernementalität. Ein sozialwissenschaftliches Konzept in Anschluss an Foucault. Frankfurt/ M 2003.

Birgit Sauer: Gewaltige Reformen – Neoliberalismus und Gewalt gegen Frauen, in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, Nr. 263, Berlin 2005, 47. Jg., Heft 5/6 2005, S. 199–208.

Veronika Schild: Wie Frauen im Namen von Frauen regiert werden. Chilenischer Feminismus in den 90er Jahren, in: Solidaridad, Nr. 220/221, Münster 2002, S. 4–19.

Gayatri Chakravorty Spivak: Can the Subaltern speak? Postkolonialität und subalterne Praktiken, Wien 2008.

Christa Wichterich: Femme global. Globalisierung ist nicht geschlechtsneutral. Attac Basis Texte 7, Hamburg 2003.