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Kunst- und Kulturarbeit kann ihre Existenz gefährden

Helene Schnitzer

Die TKI – Tiroler Kulturinitiativen / IG Kultur Tirol reagiert mit der Veröffentlichung von Honorarrichtlinien auf die prekäre Situation für freie Kulturarbeit in Tirol


Die 2008 veröffentlichte Studie Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich[1] erbrachte den wissenschaftlichen Beleg dafür, was die meisten Kulturschaffenden in diesem Land schon wussten: die Lebens- und Arbeitsumstände im Kunst- und Kulturbereich sind prekär. Auch wenn keine Vergleichsstudien zur sozialen Lage der KulturarbeiterInnen in Österreich vorliegen, geht die TKI aufgrund ihres Wissens über die Arbeitsbedingungen in Kulturinitiativen davon aus, dass sich die Einkommenssituation der KulturarbeiterInnen nicht grundlegend von der der KünstlerInnen unterscheidet. Auch der autonome Kulturbereich ist geprägt von wechselnden Arbeits- und Einkommensverhältnissen zwischen Selbstständigkeit, befristeter Beschäftigung in Projekten und Phasen ohne Einkommen. Atypische Beschäftigungsformen mit unregelmäßigem Einkommen ermöglichen oft keine kontinuierliche Existenzsicherung und führen über kurz oder lang in die Armutsfalle.

Die strukturelle Absicherung von professioneller Kulturarbeit ist notwendig und muss sich unter anderem in angemessener Bezahlung von Personal und freiberuflich tätigen Kulturschaffenden niederschlagen. Doch davon sind wir in Tirol weiter denn je entfernt.[2] Die Einkommenssituation der Kulturschaffenden hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert. Verantwortlich dafür ist unter anderem die Entscheidung des Landes, Honorarnoten von Einzelpersonen, die ohne Vereinsstruktur Kunst- und Kulturprojekte selbstständig durchführen, nicht mehr als abrechenbare Kosten anzuerkennen. Die Kulturabteilung spricht von sogenannten „Eigenhonoraren“ und argumentiert, dass eine Abrechnung derselben aus formal-rechtlichen Gründen nicht möglich sei. Die TKI setzte sich seit Einführung dieser problematischen Honorarregelung für deren Abschaffung ein. Aber erst im letzten Jahr signalisierte die Kulturabteilung Bereitschaft, zumindest für die jährlich ausgeschriebene Förderschiene TKI open eine Lösung versuchsweise zu akzeptieren. Sie beauftragte die TKI, einen Vorschlag auszuarbeiten, wie „Eigenhonorare“ zu „marktüblichen Honorarsätzen“ rechtlich korrekt abgerechnet werden könnten.

Am Beginn unserer Auseinandersetzung stand eine Recherche über bestehende Honorarleitlinien in freiberuflichen Berufsfeldern. In vielen Bereichen ist es gelungen, allgemein akzeptierte Honorarsätze zu etablieren, den Stundensatz einer Steuerberate- rin oder eines Anwaltes wird kaum jemand in Frage stellen. KünstlerInnen und KulturmanagerInnen verfügen oft über eine ähnlich hohe berufliche Qualifikation[3] und dennoch sind die Honorarsätze von AnwältInnen oder SteuerberaterInnen in keiner Weise auf den subventionierten, öffentlich-rechtlichen Kulturbereich übertragbar.

Um tatsächlich Vergleiche herstellen zu können, recherchierten wir vor allem Honorarordnungen von freiberuflich organisierten Berufsgruppen im Kulturbereich oder verwandten Berufsfeldern: JournalistInnen, GrafikerInnen, LektorInnen, KunstkritikerInnen, KulturwissenschafterInnen etc. Dabei sind wir auf Empfehlungen von Berufsverbänden gestoßen, die Pauschalen für bestimmte Leistungen vorschlagen und/oder Empfehlungen für Stundensätze abgeben, die auf den tatsächlichen Zeitaufwand anzuwenden sind. Wir möchten die Honorarrichtlinien des Bundesverbandes freiberuflicher Kulturwissenschaftler BFK[4] in Deutschland herausgreifen, da hier wahrscheinlich vor allem Museen und andere nicht kommerzielle Institutionen die Gruppe der AuftraggeberInnen bilden. Der BFK hat unter Berücksichtigung von 30 Tagen Jahresurlaub und 10 Krankentagen einen Stundensatz ermittelt, der 35 Euro nicht unterschreiten sollte. Diesem werden anteilig Fixkosten hinzugerechnet, die im Fall einer freiberuflichen Tätigkeit zusätzlich anfallen wie Miete, Steuern oder Versicherungen. Die so errechneten Honorarsätze liegen zwischen 30 Euro für Archivbetreuung und 90 Euro für Forschungs- und Beratungstätigkeiten. Einige andere Berufsverbände im kulturwissenschaftlichen Feld im deutschsprachigen Raum strukturieren und argumentieren ihre Honorarempfehlungen ähnlich.[5] In Österreich gibt es kaum kulturelle Interessenvertretungen, die Honorarleitlinien für ihren Bereich veröffentlichen. Ausnahmen sind die IG Autorinnen Autoren[6] und der Österreichische Verband der KulturvermittlerInnen.[7] Letzterer empfiehlt je nach Tätigkeit Brutto- Stundensätze zwischen 30 und 60 Euro, die auf den ersten Blick eher niedrig erscheinen. Allerdings enthalten diese Mindeststundensätze keine anteiligen Fixkosten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Honorarrichtlinien der oben genannten Berufsverbände zwar angemessen bis niedrig kalkuliert sind, die empfohlenen Stundensätze aber im Bereich der autonomen Kulturarbeit zumindest in Tirol kaum in dieser Höhe bezahlt werden. Dieser Umstand bestärkte die TKI in der Entscheidung, Honorarrichtlinien für freie Kulturarbeit zu veröffentlichen, um ihren Wert auch in Zahlen sichtbar zu machen und den Kulturschaffenden einen Bezugsrahmen für die Kalkulation ihrer Arbeit zur Verfügung zu stellen. Unsere Grundüberlegungen waren dabei folgende: Die Honorarrichtlinien sollten sich ausschließlich auf konzeptuelle, administrative und managerielle Tätigkeiten innerhalb der freien Kulturarbeit beziehen und nicht auf Kunstproduktion. Weiters sollten die Honorarsätze reine Arbeitskosten beinhalten, denn die separate Berechnung von Infrastrukturkosten entspricht der Komplexität und Diversität von Kulturprojekten mehr. Und schließlich sollten die Stundensätze die Qualifikation und Erfahrung der Kulturschaffenden berücksichtigen, indem einerseits zwischen unterschiedlich komplexen Arbeitsfeldern differenziert und andererseits innerhalb eines Tätigkeitsbereiches ein Von- Bis-Betrag vorgeschlagen wird. In der konkreten Umsetzung unterstützte uns unsere Steuerberaterin[8], die auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam machte: Stundensätze werden auf Basis eines fiktiven, erwünschten Gewinnes berechnet, was gegenüber der FördergeberIn kaum zu argumentieren ist. Wir suchten also nach einer für die SubventionsgeberIn nachvollziehbaren Bemessungsgrundlage.

Für Gehälter im Non-Profit-Bereich stellt das von der GPA – Gewerkschaft der Privatangestellten veröffentlichte „Gehaltsschema für Vereine“ eine praktikable Richtlinie dar. Es sieht eine genaue Differenzierung nach Art der Tätigkeit, nach Qualifikation und Berufsjahren vor.[9] So entstand die Idee, in Anlehnung an das Gehaltsschema der GPA Honorarsätze für freiberuflich tätige KulturarbeiterInnen zu berechnen. Bei der Umrechnung der Brutto-Gehälter auf die Mindeststundensätze der TKI wurden alle arbeitsrelevanten Kosten wie Sozialversicherung, Steuern und Abgaben aber auch Urlaubs- und Krankentage berücksichtigt. Ausgehend vom Gehaltsschema für Vereine entwickelten wir also ein Honorarschema für freie Kulturarbeit, das die für diesen Bereich typischen Tätigkeitsfelder bündelt und ihnen je nach Anforderung und Verantwortung gestaffelte Mindeststundensätze zuordnet. Das Ergebnis unserer Überlegungen haben wir vor Kurzem auf der Website der TKI[10] veröffentlicht und hoffen, mit den Honorarrichtlinien den Kulturschaffenden eine hilfreiche Argumentationsgrundlage zur Verfügung zu stellen und darüber hinaus einen positiven Beitrag zur Debatte rund um die Bezahlung von Kulturarbeit in Tirol zu leisten.


Helene Schnitzer ist Kunsthistorikerin, Kulturvermittlerin und seit 2000 Geschäftsführerin der TKI – Tiroler Kulturinitiativen / IG Kultur Tirol.


[1] Studie im Auftrag des bm:ukk, Endbericht, Wien Oktober 2008: www.bmukk.gv.at/kunst/bm/studie_soz_lage_kuenstler.xml

[2] Die bættlegroup for art führte 2006 eine Erhebung unter 77 Innsbrucker Kulturinitiativen durch: Die Befragten investierten monatlich 22 352 Stunden Arbeit ins Innsbrucker Kulturgeschehen, 43,3 % davon unbezahlt. Siehe www.baettle.net/index.php?id=10

[3] Zur Frage nach der beruflichen Qualifikation in der Studie der bættlegroup for art: Mehr als 2/3 der Initiativen gaben an, dass ihre MitarbeiterInnen spezifische Ausbildungen haben: Kunst-, Musik-, Tanz-, Theater-, Architektur- und Designausbildungen, gefolgt von geistes-, kultur- und wirtschaftswissenschaftlichen Studienrichtungen.

[4] www.b-f-k.de/service/info-honorare.php

[5] Überblick und weiterführende Links: www.artbackstage.net/index.php?id=1554

[6] www.literaturhaus.at/lh/ig/mindesthonorare

[7] www.kulturvermittlerinnen.at/Honorarsaetze_08.pdf

[8] www.wertblick.at/html/monika_manzl.html

[9]http://br-plattformen.gpa-djp.at/servlet/ContentServer?pagename=A02/Page/Index&n=A02_18.a&cid=1262794643814

[10] http://www.tki.at/tkiweb/tkiweb?page=ShowArticle&service=external&sp=l163