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Das Flöten des Marsyas.

Editorial

In Tiziano Vecellis Die Häutung des Marsyas wird die verdammt alte Geschichte vom aufmüpfigen Künstler erzählt, der, weil er die Götter herausgefordert, eine grausame Strafe zu erleiden hat. In diesem Fall kopfüber aufgehängt und bei lebendigem Leibe gehäutet zu werden. Und das für ein paar Panflötentöne, die Apollo eine unzumutbare Anmaßung waren. Der große Tizian verbildlichte hier die Exekution eines Mottos, an dass er sich selbst zeitlebens hielt: Künstler, bleib bei deinem Pinsel. Als das Bild im Rahmen der Tizian-Ausstellung 2007 im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen war, erfuhr man viel über die Bildhintergründe im wahrsten Wortsinne, Röntgenstrahlen hatten die Farbschichten deutlich und Malphasen unterscheidbar gemacht. Über die sozialen und politischen Hintergründe allerdings war wenig in Erfahrung zu bringen. Tizians Schaffen als Hofmaler von Karl V., immerhin der Schlächter der deutschen Bauernbewegungen und verantwortlich für die Unterwerfung Hunderttausender Indigener in Lateinamerika, hätte da auch in puncto Gewalt einiges hergegeben für den Zusammenhang von Bild und politischer Herrschaft. Stattdessen wird nach den Regeln der Kunstgeschichte die vergleichsweise läppische Übertretung der symbolischen Ordnung durch Marsyas als individuelles mythologisches Exempel rauf und runter interpretiert. Die Gewaltverhältnisse, die die in Szene gesetzten Qualen zur Repräsentation bringen, befinden sich dagegen nur selten und eher zufällig im kunsthistorischen Fokus.

Die Repräsentation von Gewalt in der Kunst steht in einer Tradition, die gegenwärtig in den Sozialwissenschaften vorgenommenen Essenzialisierungen entgegenkommt: Gewalt erscheint hier verschiedentlich als eine eruptive, unerklärliche Angelegenheit – „Die Gewalt spricht nicht“, heißt es beim Literatur- und Sozial- wissenschaftler Jan Philipp Reemtsma – und als eine Art tief im menschlichen Innern verankerte, anthropologische Konstante: André Glucksmann beispielsweise nennt „Hass“ eine „elementare Gewalt“. Mit dieser Sichtweise, die hinter so unterschiedlichen Phänomenen wie der Ohrfeige und dem ressourcensichernden Militäreinsatz „das Böse“ walten sieht, bricht die Rede von Gewaltverhältnissen. Hier stehen soziale und politische Herangehensweisen im Vordergrund: Es geht um ökonomische Ausbeutung und kulturelle Exklusionen, Verhältnisse also, die gewaltsam wirken, Gewalt strukturell erzeugen.

„Die Aufgabe einer Kritik der Gewalt“, schrieb Walter Benjamin in Zur Kritik der Gewalt 1921, „läßt sich als die Darstellung ihres Verhältnisses zu Recht und Gerechtigkeit umschreiben.“ In diesem Sinne ist auch gegen die dominante Lesweise der Kunstgeschichte und den neuen Trend in den Sozialwissenschaften zu intervenieren. Vor allem antirassistisch und feministisch motivierte künstlerische Arbeiten haben das in den vergangenen Jahren auch immer wieder getan. Es geht schließlich nicht nur um das abermalige Aufdecken der kolonialen Grundlagen von Tizians Malerei, sondern vielmehr auch darum, die subversive Flöterei von Marsyas fortzusetzen. Vom Rumhängen, nur eben mit Haut und Haaren und repressionsfrei, mal ganz abgesehen.


Jens Kastner, koordinierende Redakteur