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Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Künstlerische Positionen begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen.

„Er hat seine Frau umgebracht. Er hat die Leiche so gut verschwinden lassen, dass die Polizei sie nicht finden konnte. Es waren keine Beweisstücke da und so er ist nie vor Gericht gestellt worden. Dann ging er in eine andere Stadt, wo er eine zweite Frau geheiratet und eine Familie gegründet hat. Seine zweite Frau wusste, dass er ein Mörder war.“ Mit diesen Worten würde Nilbar Güreş ihre Arbeit für das Mittelposter dieser Ausgabe versehen, wenn sie etwas an den unteren Bildrand schreiben müsste. Ihre unheimliche theatralische Inszenierung zeigt eine Frau, die es wissen will. Entschlossen macht sie sich mit einer Hacke in der dunklen Nacht auf die Suche nach etwas, das sich unter der Erde vergraben findet. Vier ältere Frauen sehen dabei zu und spenden ihr Licht. Allgemein sagt Nilbar Güres über ihre künstlerischen Arbeiten, die Geschlechterzuschreibungen unterlaufen und Handlungsräume mitten in Gewaltverhältnissen ergründen: „Mich inspirieren in erster Linie Gegenstände oder Stoffe, die ich von Frauen erwerbe, aber auch Orte meiner eigenen Vergangenheit, Erinnerungen, Gegenwart, Politik und menschliche Beziehungen.“

Die Bildstrecke zeigt Aktionen der Performancekünstlerin Maria José Galindo. Die Auswahl gibt Einblicke in die Bandbreite der letzen sieben Jahre ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit Ge - waltverhältnissen. Galindos Arbeiten – bei denen sie ihren eigenen Körper einsetzt – nehmen direkt und schonungslos Bezug auf politische Bedingungen. Sie erzeugen Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit für Themen, die der offiziellen Wahrnehmung allzu gerne entzogen werden: Immer wieder adressiert sie etwa explizit die Verbrechen der Armee im guatemaltekischen Bürgerkrieg und die damit verbundene sexualisierte Gewalt. Bekannt wurde sie mit der Aktion Wer kann die Spuren verwischen?, bei der sie 2003 eine Spur blutiger Fußabdrücke vor dem obersten Gerichtshof in Guatemala City legte, um damit gegen die Präsidentschaftskandidatur von General Ríos Montt – der als ehemaliger Militärdiktator für die blutigen Ereignisse in den 1980er Jahren verantwortlich zeichnet – zu protestieren. Die neueste Arbeit, die 2010 für das Haus der Kulturen der Welt in Berlin entstand, entzieht sich allerdings exotistischen Projektionen auf ein gewalttätiges Lateinamerika und widmet sich vielmehr dem postnazistischen Kontext: Sie lässt sich von einem Deutschen Arzt das Gold aus ihren Zähnen entfernen.

Das Rückencover ist von Ines Doujak und stammt aus einer Serie, die aktuell im Museum Reina Sofia in Madrid im Rahmen der Ausstellung Principio Potosi zu sehen ist und eine kritische Relektüre der Dynamiken des globalen Kapitalismus vor dem Hintergrund der spanischen Kolonialgeschichte vornimmt. Ines Doujak bezieht sich auf eine historische Arbeit aus dem barocken Bolivien: „Im Muertebild umgeben die 7 Todsünden den Sterbenden in vielen Formen. Sie sind seine Kopfkissen, bedrohen ihn als Tiere und schweben als rotgerahmte Blasen, Lebensepisoden hin zum Lustgarten, der ein Vorzimmer der Hölle ist. In der Blase in der Mitte beten Indios ein furzendes Lama an, Cocablätter sind verteilt als Opfergabe. Ihre Episoden zeigen immer dieselbe Hauptdarstellerin – den nackten weiblichen Körper. Dieser Körper und seine innige Verbindung zu Pflanzen, Rhythmen und Ornament erzählt von einem anderen unverdammten Leben.“ Alice Creischer, eine der KuratorInnen der Ausstellung, macht in diesem Zusammenhang auf die Funktionalisierung des weiblichen Körpers als Instrument zur Produktion von Arbeitskraft seit dem 16. Jahrhundert in Europa wie in den Kolonien aufmerksam. Bestandteile davon sind die Hexenverfolgung in Europa und Amerika sowie die Auslöschung indigener Kultur.


Ausgewählt und zusammengestellt von Nora Sternfeld, Eva Dertschei und Carlos Toledo in Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen.