IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Phantom Kulturstadt

Severin Wimberger

Wie ist es in Zeiten von „City Brandings“ und „Cultural und Creative Cities“ im Zeichen neoliberalen Regierens um (städtische) Kulturpolitik bestellt? Wie und wo sind urbane Konfliktzonen zu benennen und wie können sich Möglichkeiten von Kritik und emanzipatorischer Praxis in solchen Verhältnissen manifestieren? Fragen, die im Sammelband Phantom Kulturstadt – herausgegeben von Konrad Becker und Martin Wassermair – anhand vielfältiger Beispiele verhandelt werden. Der Sammelband – er ist der nunmehr zweite in der Reihe Texte zur Zukunft der Kulturpolitik – beinhaltet 29 Beiträge, die ein weites Spektrum an (kultur) politischen Feldern abdecken: Etwa mit dem besonders in Wien virulenten Phänomen des Hauswandrassismus als Ausdruck einer politischen Kultur scheinbar apolitischer Ignoranz (Markus Wailand) oder dem Bericht von Monika Mokre über die Institution der Kulturhauptstadt als primär wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Angelegenheit, die die jeweilige lokale Szene – wie zuletzt in Graz und Linz – in keiner Weise einrechnet; bis hin zum Boboismus als der „kreativen Klasse“ hoch affines Phänomen. Bobos, hervorstechend charakterisiert durch ihr hohes kulturelles Kapital bei gleichzeitig weitgehender Absenz der ökonomischen Variante, bildeten – so Beat Weber in dem Band – nach unten abgeschlossene Milieus bzw. sogar neue Klassengrenzen.

Die Beiträge beschäftigen sich insbesondere immer wieder mit den „Cultural- and Creative Industries“, einem Komplex, der seinen Ausgang bei dem populären Soziologen Richard Florida nimmt. Floridas These besagt, ein gut ausgebildetes Angebot für Kulturkonsum locke eine neue Mittelschicht herbei, und sodann, angezogen vom Glanz der Kombination aus Museum, Bar und kreativer Klasse, seien auch Investoren nicht mehr weit. Dieses Konzept habe – so Oudenampsen – weltweit nicht deswegen so große Verbreitung gefunden, weil es sich etwa empirisch bestätigen ließe, sondern weil es einfach und billig war und nicht zuletzt gut zu den schon bestehenden Plänen einer unternehmerischen Stadt passte. Oudenampsen nennt als Beispiel für eine Florida’- sche „Creative City“ Amsterdam. Die Kreativindustrie soll die Stadt fit machen für den internationalen Wettbewerb um Investoren und Tourismus, wirkt dabei aber jedenfalls als Agent von Gentrifizierungsprozessen und drängt im Zuge dessen „überflüssige“ Bevölkerung an die Peripherie. Die Idee der Kulturstadt, so wird in diesem Sammelband deutlich, die sich gerade Wien schon lange auf die Fahnen geschrieben hat, ist mehr Phantom denn Wirklichkeit, es sei denn, man versteht unter „Kultur“ Repräsentation und Umwegrentabilität und unter „Stadt“ ein Branding.

Phantom Kulturstadt bietet eine Bestandsaufnahme gegenwärtiger Kulturpolitiken unter dem Primat des Ökonomischen, zeigt aber auch die eine oder andere Idee auf, wie etwa die Utopie eines „OpenSource-Urbanismus“ bei Oudenampsen, die das Verfügungsrecht der EinwohnerInnen über die Stadt einfordert. Konrad Becker jedenfalls ist überzeugt davon, dass die Zukunft „an den Rändern, in Spalten, Brüchen und Zwischenräume“ entstehe, und nicht im Zentrum. Dieses Buch bietet sicherlich die Möglichkeit, Ansätze für solche Zwischenräume entdecken zu können.


Severin Wimberger ist Kulturarbeiter und Student der Soziologie.


Konrad Becker / Martin Wassermair (Hg.): Phantom Kulturstadt. Texte zur Zukunft der Kulturpolitik II, Wien 2009 (Löcker Verlag).