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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Markus Wailand

Neulich, im Kaffeehaus. Kürzlich war in den vermischten Meldungen berichtet worden, dass es an diesen österreichischen Traditionsgaststätten, die manchereiner blind zu erkennen vermeint, vor allem nach Putzmitteln mit Zitronenduft riecht. Dazu kommen die Ol-Faktoren Zigarettenrauch und Fett – der Geruch von geröstetem Kaffee spiele kaum eine Rolle. Das wäre aber immer schon so gewesen, also hat es damit auch seine Richtigkeit. Der Dunst vermittelt die Heimat, nicht ein Reinheitsgebot der Atemluft. Vieles aus dem Themenpark Kaffeehaus ist mit dem Etikett des „immer schon Dagewesenen“ behaftet, und dieses funktioniert wie ein Gütesiegel der Geschichte.

Der Speiseeishersteller Eskimo hat diesen Sommer mit einer richtig österreichischen Traditionskreation aufgewartet: gerade noch auf der in Marmor gemeißelten Nachspeisenkarte, jetzt in jedes Supermarkts Kühlvitrine: Mohr im Hemd. Beworben wurde das Produkt auf Großplakaten, versehen mit dem ebenso dümmlichen wie unzweifelhaft rassistischen Slogan „I will mohr“. Über die Inkongruenzen dieser Drei-Wort-Kombination zu sinnvollem Sprachgebrauch haben sich in den letzten Wochen genügend kritische Stimmen Luft gemacht. Beachtung verdienen allerdings zwei spezifische Momente. Erstens: Der Verlauf der Diskussion, nicht nur der Diskussion um Eskimo und das M-Eis, sondern die Diskussion um die Diskussion selbst, die Auseinandersetzung um die Kritik an Eskimo. Bemerkenswert ist dabei eine perfide Strategie der Hetze – das Schwert ist geformt aus der geballten Kraft von Zeitungen wie der Kronen Zeitung oder dem Gratisblatt „heute“, offiziell geführt wird es aber von individuellen Leserinnen. Während die redaktionellen Berichte korrekt und neutral abgefasst waren, ermöglichen die veröffentlichten Lesermeinungen den Griff in die untersten Schubladen, die dann nicht einmal die eigenen sind – übertroffen nur noch von den postings in den Foren der jeweiligen Onlineausgaben. Immer mit dem Hinweis, dass es die österreichische Tradition gegen die Gutmenschenarmada zu verteidigen gilt.

Zweitens ist die Debatte ein Wiedergänger, immer wieder abrufbar. Es ist Stumpfsinn mit Methode: Die Diskussion reproduziert sich bei jedem Anlassfall auf’s Neue. Die aktuelle Aufregung ist ein Abziehbild der Auseinandersetzung um das Logo von Julius Meinl, die zuletzt vor zwei Jahren aufgekommen war. Es ist eine Praxis, die sich theoretisieren lässt, im Sinne des wissenschaftli - chen Experiments: Ankündigung und Reproduzierbarkeit. Den Beleg wird der nächste Anlassfall liefern. Wenn dann das Logo eines traditionellen Vorarlberger Bierherstellers ins Visier der Kritik gerät. Denn das Logo von Mohrenbräu ist wirklich besonders widerwärtig. Doch sehen will und wird das niemand, das ist wie im Stammcafé. Bis irgendwer die Nase rümpft und die Flasche durchs Lokal wirft.


Markus Wailand ist Mitgründer des Dokumentarfilmkollektivs pooldoks und lebt in Wien. www.meinjulius.at