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Undoing Theory

Kuratorisches Wissen und Handeln

als kritische Praxistheorie

Nora Sternfeld

„A theorist is one who is undone by theory“. Ein_e Theoretiker_in ist jemand, die durch Theorie auseinandergenommen wurde.[1] Mit diesen Worten beginnt die Kunsthistorikerin Irit Rogoff einen Text, der sich mit der Rolle von Kritik und Theorie im kulturellen Feld auseinandersetzt.

Theorie scheint aus dem aktuellen Ausstellungsgeschehen kaum mehr wegzudenken. Raumtexte zeugen davon genau so wie Folder, Eröffnungsreden, Ausstellungstitel, Rahmenprogramme und nicht zuletzt die künstlerische Produktion. Und das ist leider nicht immer gut so. Sehr oft dienen Theoriezitate nämlich keineswegs einer sich selbst nicht ausnehmenden Kritik oder der Dekonstruktion von Selbstverständlichkeiten. Referenzen auf Foucault, Deleuze, Derrida, Spivak, Rancière und viele andere, die im Ausstellungszusammenhang gerade Konjunktur haben, erfüllen vielmehr nicht selten die Funktion, dass bestehende Vorstellungen von Kunst, Objekten und Ausstellungen so bleiben können, wie sie sind: vielsagend und kompliziert. Diese gängige Praxis der Theorieanspielung scheint neben der Produktion von Wert und Bedeutung vor allem distinktiv wirksam zu werden. Wer die Zitate nicht versteht, versteht doch, dass es da scheinbar etwas zu verstehen gäbe, demgegenüber ein Mangel spürbar bleibt …

Wenn hier im Bildpunkt – der Zeitschrift der IG Bildende Kunst – kuratorisches Handeln Thema werden soll, dann um eine Auseinandersetzung voranzutreiben, die solche Vorstellungen von Theorie zurückweist und zugleich vielleicht gängigen Bildern von kuratorischer Arbeit widerspricht. Dafür wird zunächst kurz beleuchtet, unter welchen Bedingungen „das Kuratorische“ in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, um im Anschluss daran – den oben zitierten Theoriebegriff ernst nehmend – die Frage zu stellen: Was können Ausstellungen leisten, um uns auseinanderzunehmen?

Irit Rogoff ist nicht nur Theoretikerin. Sie ist auch Kuratorin – und dies wiederum in Praxis und Theorie. So hat sie neben zahlreichen Ausstellungen in den letzten Jahren am Londoner Gold - smiths College auch einen PhD- Studiengang ins Leben gerufen, der sich Curatorial Knowledge nennt – kuratorisches Wissen. Das „Kuratorische“ rückt damit als spezifische Wissensform in den Blick, die nicht – wie ein immer noch verbreitetes Bild kuratorischer Arbeit glauben machen will – darin besteht, künstlerische Arbeiten auszuwählen, aneinanderzureihen und zu bewerten, sondern vielmehr darin, visuelle Auseinandersetzungsräume im Zusammenspiel zwischen diskursiven Strategien, künstlerischen Arbeiten, Objekten, Dokumenten und Informationen zu schaffen.

Rogoff spricht jüngstens von einem „educational turn in curating“[2]. Mit ihrem Projekt Academy fragte sie: Was können wir vom Museum lernen?“ und definierte es dabei als einen Ort der Potentialität – der Möglichkeit zu handeln – und der Aktualisierung. Sie versteht kuratorische Arbeit als Motor unerwarteter Begegnungen, in denen künstlerische, theoretische und aktivistische Praxen aufeinandertreffen und öffentliche Debatten stattfinden können.

Das Feld kuratorischen Denkens und Handelns hat sich in den letzten Jahren also zunehmend erweitert. Beatrice von Bismarck – auch sie ist Theoretikerin und Kuratorin – bezeichnet das „Kuratorische“ als eine Praxis, „die weit über das Ausstellungmachen selbst hinausgeht“ und verortet es da, wo es um die „Verhältnisse und Bedingungen“ geht, „unter denen kulturelle Objekte und Informationen präsentiert und rezipiert werden“. Und das ist in der aktuellen postfordistischen Wissensgesellschaft tatsächlich vieles. Von Bismarck bezeichnet diesen gesamten Komplex von Aufgaben und Zielen als „Kulturen des Kuratorischen“.[3]

Kuratorische Praxen sind heute tatsächlich sehr vielschichtig. Sie reichen von der Recherche, der Konzeption, der Entwicklung von Storylines und Visualisierungen, der Kommunikation und Vernetzung sowie der Organisation und Budgetierung über die Produktion und den Leihverkehr bis zur Präsentation, Vermittlung, Veranstaltungsprogrammierung, Publikation und Dokumentation. Dies kann selbstverständlich mit mehr oder weniger Theorie und mit mehr oder weniger kritischen Absichten geschehen. In den letzten Jahren hat sich allerdings in einem kleinen avancierten kuratorischen Segment eine Tendenz herausgebildet, deren Ziel eine gesellschafts- und institutionskritische Arbeit ist, die die eigene Position aus der Kritik nicht ausnimmt und zugleich nach gesellschaftlichen Handlungsräumen für künstlerische und kuratorische Praxen fragt.

Ein Beispiel dafür ist etwa das indische Künstler_innenkollektiv Raqs Media Collective, das letztes Jahr auf der Manifesta mit einer Ausstellung den „Rest vom Jetzt“ zum Thema gemacht und damit die Aufmerksamkeit auf Aspekte gerichtet hat, die sich der Sichtbarkeit entziehen: auf den Rest, der in der Rechnung der ökonomischen Verwertbarkeit nicht aufgeht. „Wie können Bilder und Objekte so angeordnet werden, dass sie einen nachhaltigen Zweifel in das Herz der Amnesie ätzen?“, fragen die Kurator_in - nen und laden zahlreiche Künstler_innen ein, auf ihre Frage mit künstlerischen Arbeiten zu reagieren. Ein anderes Beispiel ist etwa das Zagreber Kuratorinnenkollektiv What, How and for Whom / WHW, das für die diesjährige Biennale in Istanbul verantwortlich zeichnet. Mit ihrer Konzeption beschäftigt sich die Gruppe mit dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft und nimmt dabei Bezug auf Bertolt Brecht.[4]

Was in neueren Diskursen als „kuratorisch“ bezeichnet wird, ist also einerseits eine Praxis, andererseits ein Wissen und vielleicht auch eine Form der Kritik. Kommen wir zurück auf Rogoffs Eingangszitat: In einem poststrukturalistischen Sinn wurde Theorie als Prozess des Infragestellens gefasst: ein kritisches Fragen unter Bedingungen, in denen es kein Außen der Fragestellung gibt und das zugleich Handlungen nicht verunmöglicht. Gayatri Spivak formuliert das so: „The greatest gift of deconstruction: To question the authority of the investigating subject without paralyzing him, persistently transforming conditions of impossibility into possibility.“[5] Was wäre, wenn kuratorische Praxis theoretisch in diesem Sinne wäre – wenn es also Ausstellungen darum gehen könnte, durch sie auseinandergenommen zu werden und dabei zugleich die Grenzen dessen, was sagbar und sichtbar, ja was möglich ist, verschoben werden könnten? Kuratorische Praxistheorien ernst zu nehmen würde in diesem Sinne bedeuten, Räume zu schaffen, die sich mit dem Apparat der Wertekodierung (Spivak) anlegen, ein ver-lernen ermöglichen, öffentlich Position beziehen und Handlungsräume öffnen.


Nora Sternfeld ist Redakteurin des Bildpunkt, Kuratorin und Kunstvermittlerin. Sie ist im Leitungsteam des ecm (educating, curating, managing). Masterlehrgang für Ausstellungstheorie und - praxis an der Universität für Angewandte Kunst Wien.


[1] Irit Rogoff: What is a Theorist?, in: Martin Hellmond, Sabine Kampmann, Ralph Lindner, Katharina Sykora (Hg.): Was ist ein Künstler? Das Subjekt der Moderne, München 2003.

[2] Irit Rogoff, Turning, in: www.e-flux.com/journal/view/18 Beatrice von Bismarck: Masterstudiengang Kulturen des Kuratorischen, www.kdk-leipzig.de/studiengang.html

[3] Manifesta Index, Bozen 2008, S. 58

[4] www.iksv.org/bienal11/anasayfa_en.asp

[5] Gayatri Chakravorty Spivak: In other Worlds: Essays in Cultural Politics, New York 1987, S. 201.