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Sechs Jahre Hunger auf Kunst und Kultur

Eva Simmler

Die Palette an Gründen, sich in einem reichen Land wie Österreich zu der annähernd millionenstarken Gruppe von armutsgefährdeten Menschen zählen zu müssen, ist sehr breit gefächert: working poor, Erwerbsarbeitslosigkeit und Exklusion vom Arbeitsmarkt durch migrationspolitische Gesetze, psychische und physische Beeinträchtigungen oder auch frei gewählte – außerhalb einer existenzsichernden Arbeitswelt – liegende Lebensmittelpunkte wie Kindererziehung, Naturarbeit oder künstlerische Betätigung. Kinder- und Jugendarmut ist ein immer größer werdender Faktor. Phänomene wie Armutsspirale oder Dauerarmut stehen dabei dem Rückbau des Sozialstaates diametral gegenüber.

Dass Armut nicht automatisch zu Isolation, Scham und weniger Selbstbestimmung führen muss, können wohl viele (ebenfalls davon betroffene) LeserInnen nachvollziehen, ist aber für etliche eine Herausforderung und eine nicht einfache Erfahrung. Da in unseren Breiten gesellschaftliche Anerkennung unmittelbar an Arbeit gekoppelt ist, fällt es den davon Ausgeschlossenen schwer oder wird es ihnen nahezu unmöglich gemacht, sich als selbstbewusste Personen oder handelnde Gruppen zu verstehen. Demütigende Behandlungen beim AMS, in den Sozialämtern, durch staatliche Behörden sowie soziale Ächtungen und Diskriminierungen erfordern viel Kraft und Widerstandsgeist. Dabei kann Hilfe und Inspiration existenz sichernd sein. Ein Angebot dafür bedeutet die Aktion Hunger auf Kunst und Kultur mit ihrem „Kulturpass“.

Peregrina, Schuldnerberatung, Otto Wagner Spital – Globenmuseum, Fleischerei, Filmcasino

2003 initiierte das Wiener Schauspielhaus zusammen mit der Armutskonferenz das „sozio-kulturelle“ Projekt mit dem Anliegen, „die Bedeutsamkeit und Zugänglichkeit von Kunst & Kultur für alle Menschen in den Mittelpunkt“ zu stellen. Heute besitzen in Wien etwa 20 000 Personen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, einen rosa Kulturpass, der ihnen freien Eintritt in mittlerweile mehr als 130 Kultureinrichtungen ermöglicht. Nach und nach haben sich auch einige Bundesländer und Gemeinden der Aktion angeschlossen (Salzburg, Steiermark, Oberösterreich, Tirol, Vorarlberg und Tulln) und so konnten österreichweit bis dato annähernd 31.000 Kulturpässe ausgestellt werden. Etwa 420 Kulturveranstalter und 435 Ausgabestel- len sind damit Teil eines sehr heterogenen Netzwerks geworden.

Die Koordination des Projekts Hunger auf Kunst und Kultur wird in fast allen Bundesländern von den jeweiligen Kulturreferaten organisiert oder mit Geldmitteln unterstützt (teilweise mit Stadt-/Landkooperationen), für die Finanzierung der Eintrittskarten ist jedoch die teilnehmende Kulturinstitution selbst verantwortlich. Da sich das Spendenaufkommen der BesucherInnen als sehr bescheiden erwiesen hat, haben einige Veranstalter die Spendenboxen wieder demontiert und versuchen über Eigenmittel und Sponsorgelder die Aktion zu finanzieren. Die eigene prekäre Situation der Kultureinrichtungen ist auch der Hauptgrund, warum viele nur ein sehr limitiertes Kartenkontingent auflegen können – oft handelt es sich dabei um lediglich zwei Karten pro Veranstaltung. Da kann es mitunter passieren, dass sich auch in diesem Sektor Marktgesetze bemerkbar machen, es für Kulturpass-BesitzerInnen manchmal nahezu keine Chance auf eine Karte gibt und sich oft die gleichen Personen durch ausgeklügeltes oder erfahrenes Handeln „durchsetzen“. Diese Situation sollte allerdings nicht dazu führen, dass (wie leider häufig der Fall) von den Institu- tionen die Namen der Anspruchsberechtigten notiert werden. Dieser Vorgang, vor allem in aller Öffentlichkeit an der Kassa durchgeführt, kann leicht zu Verlegenheit und Ungleichbehandlung führen. Missverständnisse einzelner MitarbeiterInnen stehen aber genauso vielen positiven, Mut machenden Erfahrungen gegenüber: So z.B. die Initiative einer Angestellten einer Vorverkaufsstelle eines großen Wiener Theaters, die eine zweite Karte „spendierte“, um auch der nicht kulturpassbesitzenden Begleitung einen guten, teuren Sitzplatz zu ermöglichen.

Plattform für Zivildiener, Frauenhaus Graz, VinziMarkt – Pavelhaus, dramagraz, Museum der Wahrnehmung

Der medial oft vernachlässigte „andere“ Teil des Netzwerks – die Ausgabestellen des Kulturpasses – leistet einen wichtigen und essentiellen Anteil am Gelingen des Projekts. Die dort zu kontrollierenden Vergabekriterien orientieren sich an der festgelegten Armutsgrenze, die derzeit bei einem Monatsbudget von 912 Euro liegt. Durch die Teilnahme verschiedenster sozialer und karitativer Einrichtungen in ganz Österreich wird einerseits verdeutlicht, wie weitgreifend Armut präsent und akut ist, andrerseits auch versucht, eine möglichst große und heterogene Gruppe an Personen anzusprechen.

Sehr viele Kulturpässe stellt das AMS aus, wobei die Informationen darüber sicher mehr durch die Mundpropaganda der Schon-Pass-InhaberInnen als durch Öffentlichkeitsarbeit des AMS weitergegeben werden. Die etwas naive Aussage eines AMSLandesgeschäftsführers, dass „der Konsum von Literatur, Musik und bildender Kunst das allgemeine Wohlbefinden“ stärke und damit helfe, „Arbeitslosigkeit aus eigener Kraft zu beenden“, relativiert und beschönigt die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt und unterstellt den Arbeitssuchenden mangelnde Eigeninitiative. Die aktiv gesuchte Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur sollte auch nicht mit „Konsum“ gleichgesetzt werden, auch wenn diverse KulturpolitikerInnen künstlerische Produktion gerne auf ihre direkte, ökonomische Verwertbarkeit reduzieren und das Publikum damit ausschließlich ein gewinnbringender Faktor wird. Nicht nur die Kulturpass-InhaberInnen beweisen durch aufmerksame, kritische und keineswegs einseitige Rezeption tagtäglich das Gegenteil.

Die relativ hohe Summe von 31.000 ausgegebenen Kulturpässen lässt durchaus auf eine effiziente Struktur dieser Seite der Aktion schließen. Das Stadt-/Landgefälle – die gute Annahme in den Städten, die wesentlich zögerlichere und geringere im ländlichen Gebiet – spiegelt dabei den Normzustand der österreichischen Kulturlandschaft wider. Ähnliche Gründe, warum viele Berechtigte am Land nicht um Sozialhilfe ansuchen, dürften auch hier ausschlagend sein: Die wenig anonyme Umgebung erschwert es vielen, sich als arm zu deklarieren und sich damit eventuellen Stigmata auszusetzen. Aber auch wesentlich profanere Umstände, wie kulturelle „Unterversorgung“ oder auch lange und mit Kosten verbundene Anfahrtswege, erschweren den Zugang zu den Veranstaltungen.

Aidshilfe, Saftladen, Verein für Alleinerziehende – Bierkabarett Obertrum, Photomuseum Bad Ischl, Spielboden

Ein aktuelles Projekt von Hunger auf Kunst und Kultur (in Kooperation mit KulturKontaktAustria) nützt das überaus reiche Potenzial des Netzwerks von Ausgabestellen und Kultureinrichtungen mit dem konkreten Ziel einer partizipativen Vermittlungsarbeit: Kultur-Transfair möchte diverse „Hemmschwellen, Ängste und Barrieren“, verursacht durch „Sprache, Herkunft, Isolation, psychische Erkrankungen und körperliche Behinderungen“, abbauen. Es sollen Menschen bei ihrer Konfrontation und aktiven Auseinandersetzungen mit Kunst begleitet und damit auch zur vermehrten Benutzung ihres Kulturpasses motiviert werden. Je eine soziale und eine kulturelle Institution bilden eine Partnerschaft und erarbeiten mit Hilfe von KulturvermittlerInnen spezifische Projekte. So hat z.B. die Kunsthalle Wien, resp. zwei ihrer Kunstvermittlerinnen zusammen mit einem Männerwohnheim der Volkshilfe ein Videoprojekt durchgeführt, bei dem Asylwerber ihren Alltag und ihre Erfahrungen in der Stadt dokumentieren. Das Sigmund Freud Museum erarbeitete mit Personen mit psychischer Beeinträchtigung eine Fotoausstellung zum Thema Ausgrenzung. Leider handelt es sich bei Kultur-Transfair wegen budgetärer Gründe um ein temporäres und (hoffentlich vorläufig) nur auf Wien bezogenes Projekt. Die Entwicklung und Motivation dazu war eine logische Konsequenz aus den Erfahrungen mit Hunger auf Kunst und Kultur. Den BesitzerInnen des Kulturpasses müssen genauso wie dem zahlenden Publikum Vermittlungsangebote gemacht werden, wobei jedoch eine Reduzierung auf ihr „Anderssein“ eher weniger fortschrittlich erscheint.

Die sehr beeindruckende, weil insgesamt wenig bürokratische und ungewöhnlich solidarische Zusammenarbeit der verschiedenen Einrichtungen der Aktion Hunger auf Kunst und Kultur hat Vorbildcharakter. Einer weiteren positiven Weiterentwicklung und Ausweitung steht hoffentlich nichts im Weg.


Eva Simmler ist Film-, Text- und Kulturarbeiterin in Wien.