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Praxistheorien in Buch und Netz

Jens Kastner

Mit dem „praktischen Sinn“ (Bourdieu) weiß die Fußballerin ihr nächstes Dribbling einzuleiten wie der Galeriebesitzer sein Sektglas zum Zuprosten erhebt: Es handelt sich um ein „Körperwissen“, ebenso wenig intentional vorbereitet wie rational abgewogen, nicht eindeutig einer sozialen Funktion zuzuschreiben und auch nicht bloß ein Diskursfragment, sondern materielle Umsetzung. Als solche ist Praxis auch nicht folgenlos für das Soziale. Für dieses, ultrakurz zusammengefasste Verständnis von kulturellen Praktiken steht vor allem die Theorie der Praxis des Soziologen Pierre Bourdieu. Ihr widmen sich verschiedene aktuelle Publikationen. Der Band von Ebrecht/Hillebrandt bietet einen ersten einführenden Überblick über Vorzüge und Probleme der Bourdieuschen Praxistheorie, bevor die Beiträge sich dann auf Technik-, Organisations- und Geschlechtersoziologie und Sozialtheorie konzentrieren. Zu letzterer gehört die von Jörg Potthast diskutierte Auseinandersetzung um kritische Soziologie (Bourdieu) vs. Soziologie der Kritik (Luc Boltanski), also um die Frage, inwieweit wissenschaftliche sich von anderer kritischer Praxis unterscheidet.

Sozialtheoretisch argumentiert auch Gregor Bongaerts in seiner umfangreichen Studie, die Bourdieus Praxistheorie als Theorie der Moderne ausweist. Deren Fluchtpunkt sei „mit dem Begriff der symbolischen Gewalt bzw. symbolischer Macht zu benennen […].“ Bongaerts behandelt dabei das kulturelle Feld als exemplarischen Bereich, in dem sich Gewalt, Macht und Kampf als Konstitutionsprinzipien moderner Gesellschaften herausbildeten („Wo soziale Ordnung gegeben ist, dort hat man es mit einem Herrschaftsphänomen zu tun“). Dem würde auch Julia Schnegg zustimmen. Sie zeigt auf, inwiefern die Praxeologie Bourdieus an den Marxschen Feuerbachthesen „weiterarbeitet“. Dass Bourdieu dennoch nicht unbedingt Mainstream ist, wenn es um Theorie, Praxis und Kunst geht, davon gibt das Jahrbuch für Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis einen Eindruck. Hier spielt er nämlich im ganzen Schwerpunktheft keine Rolle. Dabei wird auch darin nach einem Ansatz gesucht, „der sich für die Produktivität der Kultur interessiert und auf die Dynamisierung der eigenen Produktivität angelegt ist.“ Während das Jahrbuch neben bildender Kunst auch Literatur, Film, Theater, Musik und die dazugehörigen Wissenschaften umkreist, fokussiert das in mehreren US-amerikanischen Städten gezeigte Ausstellungsprojekt feminist practices vor allem auf Architektur und urbanen Raum. Feministische Methoden werden dabei in äußerst anspruchsvoller und vielfältiger Weise ausgestellt und sollen zeigen, „how contemporary architectural practices are impacted by feminist research and design […].“

Während Stephan Moebius den „poststrukturalistischen Handlungstheorien“ vor allem eine Orientierung auf „Unberechenbarkeit, Verschiebbarkeit und Unentscheidbarkeit“ nachsagt, betont Antke Engel aus queer-feministischer Sicht im gleichen Buch vor allem „Machtanalytik“ und „herrschaftskritische Perspektive“ im poststrukturalistischen Umgang mit Geschlecht und Sexualität. In Moebius „Frage nach der Verortung sozialwissenschaftlicher Hand - lungs- und Praxistheorien im größeren Kontext gesellschaftstheoretischer und sozialwissenschaftlicher Theoriebildung“ kommt Marxismus nicht vor. Ohne diese „Philosophie der Praxis“ (Gramsci) wäre aber auch Bourdieus Praxeologie undenkbar. Texte von Antonio Gramsci finden sich auf marxists.org.


Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien.


Gregor Bongaerts: Verdrängungen des Ökonomischen. Bourdieus Theorie der Moderne, Bielefeld 2008 (transcript Verlag).

Jörg Ebrecht / Frank Hillbrandt (Hg.): Bourdieus Theorie der Praxis. Erklärungskraft – Anwendung – Perspektiven, Wiesbaden 2004 (VS Verlag für Sozialwissenschaften), 2. überarb. Aufl.

Stephan Moebius / Andreas Reckwitz (Hg.): Poststrukturalistische Sozialwissenschaften, Frankfurt a. M. 2009 (Suhrkamp Verlag).

Stephan Porombka / Wolfgang Schneider / Volker Wortmann (Hg.): Jahrbuch Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis 2008: Theorie und Praxis der Künste, 3. Jg., Hildesheim 2008 (Francke Verlag).

Julia Schnegg: Theorie der Praxis – die Feuerbachthesen von Karl Marx und die Praxeologie von Pierre Bourdieu, Schkeuditz 2009 (Schkeuditzer Buchverlag).