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Wozu Praxistheorien?

Editorial

„Es gibt heute so viele Zeitschriften und so wenig Leute, die sie lesen! Wozu also noch eine Zeitschrift?“ So aktuell die Feststellung und so drängend die Frage, beide dienen hier keinesfalls dazu, die Existenz des Bildpunkt anzuzweifeln. Ganz im Gegenteil. Das Zitat ist 45 Jahre alt und stammt aus einem Text, dessen Titel eine weitere programmatische Frage aufwarf: „Wozu Praxis?“ Er leitete im Oktober 1964 die erste Ausgabe der Zeitschrift Praxis ein. In Zagreb von der Philosophischen Gesellschaft Kroatiens herausgegeben, wurde sie zu einem wichtigen Organ des undogmatischen Marxismus in Jugoslawien. In der Reihe der Praxistheorien, denen sich die vorliegende Schwerpunktausgabe widmet, gehören Zeitschriftenprojekte wie die Praxis eher zu denjenigen Pfadmarkierungen, die trotz des Zeugs zum Meilenstein zu einer Existenz als Kiesel am Wegesrand verdammt sind, zu „vergessen gemachter“ Geschichte, wie Pierre Bourdieu solche in den hegemonialen Kämpfen untergegangenen Ereignisse genannt hat.

Apropos: Bourdieu hingegen ist der Top-Praxistheoretiker. Das jedenfalls scheint, gemessen an der Zitationshäufigkeit in den Beiträgen dieser Ausgabe, der aktuelle Trend zu sein. Überhaupt scheinen sich in den letzten Nummern bestimmte, von uns in ihrer Ambivalenzfreiheit sicher nicht intendierte Zuständigkeiten männlicher Mammuttheoretiker für bestimmte Themen herauszitiert zu haben (Negri/Hardt für „immaterielle Arbeit“ war noch zu erwarten, Rancière lag bei „formal sinnvoll“ offenbar auch näher als erhofft, aber Foucault bei den „symbolischen Barrikaden“, wer hätte das ahnen können?). Was aber ist, in puncto Praxistheorien, mit der Hegemoniefähigkeit von Antonio Gramscis „Philosophie der Praxis“ los? Ausklammern wollten wir sie jedenfalls nicht. Mit dem vorliegenden Heft geht es uns insgesamt eher darum, die Ausrichtung, die dem Bildpunkt zwischen aktivistischer Praxis und Kunst- wie Theorieproduktion sowieso eigen ist, einmal explizit zu machen. Dabei kamen uns die immer schon verwendeten Methoden des Gesprächs („TheoretikerIn trifft auf PraktikerIn“, wobei beide klarerweise nur der Tendenz nach sind, als was sie angerufen werden und althergebrachten Dualismen kritisch gegenüberstehen wie die Redaktion) ebenso entgegen wie die immerwährenden Versuche, internationale Beiträge aufzutun und in die hiesigen Debatten einfließen zu lassen.

Die Kunstpraxen dürfen ja nicht erst seit dem Diskurs um ihre Vorreiterrolle für die Erschließung neoliberaler Umgangsformen und Postulate wie Kreativität und Eigenverantwortlichkeit als verdächtig gelten. Der etwas aus der Mode geratene, vor dreißig Jahren verstorbene Praxisphilosoph Herbert Marcuse hatte, unter anderen Vorzeichen zwar, bemängelt, die Kunst in der eindimensionalen Gesellschaft verschmelze mit der gegebenen gesellschaftlichen Ordnung und werde „selbst Repressionsmittel“. Solche Verschmelzungen wie mögliche Brüche interessieren uns auch in weniger eindimensionalen als vielmehr differenzgesättigten Zeiten. Marcuse war neben vielem anderem auch Mitglied des Redaktionsrates der eingangs erwähnten Zeitschrift. Während die Praxis dieses Editorials sich schließlich am Zitat entlang hangelt, hatte die Praxis-Redaktion immerhin noch das Privileg zum Pathos und schrieb sich für die „rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, die humanistische Vision einer wirklich menschlichen Welt und die Inspiration des revolutionären Handelns“ in die beinahe vergessene Geschichte ein.


Jens Kastner, koordinierender Redakteur