IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Ein Europäisches Weißbuch (in Arbeit)

Convention Européenne sur le statut des artistes des arts visuels en Europe

Sebastian Weissenbacher

Von 15. bis 16. Dezember 2008 fand in Paris im Rahmen des Französischen EUVorsitzes ein Konvent zur sozialen Situation der bildenden KünstlerInnen in Europa statt, welcher von der französischen KünstlerInnenvertretung La Maison des Artistes organisiert worden war. InteressenvertreterInnen aller EU-Länder waren eingeladen, die Situation der KünstlerInnen in den jeweiligen Mitgliedsstaaten darzustellen und darüber zu diskutieren – mit dem Ziel, die Ergebnisse in einem Weißbuch zusammenzufassen, welches in Zukunft als Basis für Richtlinien zur Verbesserung der sozialen Lage der bildenden KünstlerInnen in der Europäischen Gemeinschaft dienen soll. Aus nahezu allen EU-Ländern waren „Gesandte“, sowie aus Island, Norwegen und Mauritius „Beobachter“ der Einladung der Maison des Artistes gefolgt. Das dicht gedrängte Programm begann mit einem Vortragsmarathon über die Lage der bildenden KünstlerInnen in den jeweiligen Ländern. Die Reihe der Präsentationen wurde nur einmal durch einen kurzen Vortrag der EU-Abgeordneten Anna Athanasopoulou unterbrochen, die berichtete, dass es (erst!) seit November 2007 eine erste umfassende Geschäftsordnung auf EU-Ebene zum Thema Kultur gibt. Sie sprach sehr euphorisch, doch machten die gesetzten Ziele und der Fahrplan bis 2010 einen äußerst beliebigen Eindruck. Viele schöne Überschriften, aber kein konkreter Inhalt dazu. Drei strategische Zielsetzungen: Förderung der kulturellen Diversität und des interkulturellen Dialoges, Förderung der Kultur als Katalysator für Kreativität im Rahmen des Lissabon-Vertrages und Förderung der Kultur als vitales Element in den internationalen Beziehungen der Union (sic!).

KünstlerInsein und Arbeitsbedingungen

Der zweite Tag war Roundtable-Gesprächen mit anschließenden Publikumsdiskussionen zu folgenden Themen gewidmet: 1. Die Definition der bildenden KünstlerInnen: Wer oder was bestimmt, wer KünstlerIn sein darf? Der wirtschaftliche Erfolg oder Gremien, die eine Bewertung der künstlerischen Qualität vornehmen? Die AnhängerInnen des Qualitätskriteriums waren eher in der Überzahl, wobei sie verlangten, dass KünstlerInnvereinigungen bzw. Kammern diese Bewertung vornehmen sollten. 2. Die soziale Absicherung der KünstlerInnen: Hier gilt Deutschland ein besonderes Augenmerk. Es ist das einzige Land, das eine eigene Künstlersozialkasse (KSK) einge- richtet hat. 50% der Beiträge entrichten die KünstlerInnen, für den Rest kommen Staat (20%) und der Markt (AuftraggeberInnen) mit einer Künstlersozialabgabe auf. Ähnlich wie bei uns in Österreich gibt es eine Einkommensuntergrenze (¤ 3 900 im Jahr), die allerdings zweimal in sechs Jahren unterschritten werden darf. Ich stellte die Situation in Österreich vor, erklärte Schwächen und brachte auch die freiwillige Arbeitslosenversicherung für Selbständige, die es seit Jahresbeginn gibt, ins Gespräch. Es folgte eine Diskussion, wann denn selbständige Kunstschaffende je arbeitslos wären, die letztlich ergebnislos blieb. 3. Fiskalische Regelungen bzw. Sonderstellungen für bildende KünstlerInnen: In sehr vielen Ländern ist die Mehrwertsteuer auf Kunst geringer als auf andere Verkaufsgüter. Bei der Einkommensteuer gelten für KünstlerInnen fast immer die gleichen Regeln wie für andere selbständig Erwerbstätige. Die Möglichkeit, stark schwankende Einkommen auf mehrere Jahre zu verteilen, gibt es nur in Österreich (3 Jahre), Frankreich (3 bis 5 Jahre) und Schweden (bis zu 6 Jahre!). 4. Einrichtungen zur Arbeitsunterstützung und Absatzförderung: Diese sind von Land zu Land extrem verschieden. Zum einen werden Stipendien, Projektförderungen, Ateliers, Werkstätten, Ausstellungskostenbeiträge usw. vom Staat unterstützt, zum anderen kommen die Gelder aus dem Glückspiel, aus Alkohol- und Tabaksteuern (z.B. Estland). Es gibt Auftragsarbeiten für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum, sowie Abgaben für Letztere, die der Staat (Dänemark) fürs „Konsumieren“ berappt und die in entsprechende Fonds fließen. Zum Teil gibt es auch Gelder aus den Fonds von Verwertungsgesellschaften und Ausstellungsvergütungen. Letztere sind Beträge, die an KünstlerInnen ausbezahlt werden, wenn ihre Kunst gegen Eintrittsgeld in Ausstellungen gezeigt wird (gab es auch einmal bei uns in Österreich, wurde aber vor ca. zehn Jahren wieder abgeschafft). Die Roundtablegespräche wurden unterbrochen durch einen Vortrag von Christiane Ramonbordes, der Direktorin der französischen Verwertungsgesellschaft ADAGP, die die Tätigkeit, Struktur und Vernetzung ihrer Organisation beschrieb. Zum Ende des äußerst informativen, ergiebigen und hervorragend organisierten Kongresses folgte es eine Schlussrunde mit vielen Absichtserklärungen.

(Selbst)Organisierung vs. Dienstleistungsorganisation

Zusammenfassend lässt sich sagen: Am besten organisiert sind die nordischen Länder. Hier ist der Anteil der KünstlerInnen, die Mitglieder von Vertretungen bzw. „Kammern“ sind, besonders hoch. Dadurch bekommen sie auch ein entsprechendes politisches Gewicht und haben in vielen Fällen die Entscheidungsgewalt (besonders Dänemark). Nicht PolitikerInnen bestimmen, wer Kunstschaffende/r ist, wer Stipendien und Förderungen erhält, wie Gelder aus Kunstfonds verwendet werden, sondern die KünstlerInnen selbst. Sie sitzen vorwiegend bzw. ausschließlich in den Beiräten und Jurien. In schwierigen Situationen befinden sich die KünstlerInnen in den postsozialistischen Ländern. Waren sie früher eingebunden ins System (was – offiziell anerkannte KünstlerInnen – regelmäßige Aufträge, günstige Arbeitsräume, Sozialversicherung und Pensionen bedeutete), so sind sie nun vollkommen auf sich gestellt. Ein besonders krasses Beispiel hierfür ist Ungarn. Fast alle Vortragenden klagten über schlechter werdende Bedingungen und zunehmende Kommerzialisierung. Auch in den skandinavischen Ländern kommt es zu einer Erosion der sozialen Errungenschaften, vor allem durch konservative Parteien, die in den letzten Jahren an die Regierung gekommen sind. Nach der sponsernden und fördernden Privatwirtschaft zieht sich auch der Staat immer mehr zurück. Viele der KünstlerInnenvertretungen haben nach wie vor ein sehr traditionelles Selbstverständnis als elitäre Kunstvereine, die sehr darauf bedacht sind nur Mitglieder mit einer entsprechenden „Werkhöhe“ zuzulassen. Dies zeigte sich besonders stark beim Roundtablegespräch zur Definition der bildenden KünstlerInnen (siehe oben). Als erfreuliche Alternative dazu stellte sich Artquest aus England vor. Hierbei handelt es sich um eine Dienstleistungsorganisation, die allen bildenden KünstlerInnen zur Verfügung steht. Es gibt keine Mitgliedschaft. Vier Personen betreuen diese Einrichtung, die unterstützt vom Arts Council England und der University of the Arts London, juristische Hilfe (Artlaw), Netzwerke zum internationalen Ateliertausch (Artelier) und einschlägige Informationen über Möglichkeiten im Ausland (Artroute) anbietet. Der Umfang der Website von Artquest ist beeindruckend und auch für nicht in England lebende KünstlerInnen von Interesse. Den englischen Vertreter nervte die Diskussion um die KünstlerInnendefinition und die Forderung, dass alle KünstlerInnen Mitglieder eines Vereines oder einer Kammer sein müssten, extrem. Er ver- wies auf die Situation in London, wo es eine lebendige und vielseitige Kunstszene (8 500 KünstlerInnen) ohne Vereinsmeierei gäbe und auf die Kreativwirtschaft, die bereits an dritter Stelle bei der Wertschöpfung stünde. Die Leute sollten nach vorne schauen, Verantwortung übernehmen und aufhören zu jammern. Vermutlich hat ihn das Gejammer veranlasst, den Konvent vorzeitig zu verlassen. Zum Roundtable für fiskalische Maßnahmen, an dem er teilnehmen sollte, kam er leider nicht mehr.

Ausblick: solidarisieren, verbessern und verteidigen

Wie Anfangs erwähnt, werden die Ergebnisse der Tagung in einem Weißbuch zusammengefasst, welches Minimum-Standards für die soziale Situation der bildenden KünstlerInnen definiert, die in allen Ländern der EU eingefordert werden sollen. Voraussetzung dafür ist allerdings die Solidarität und länderübergreifende Zusammenarbeit aller entsprechenden Vertretungen – mit diesem Konvent wurde ein Grundstein dazu gelegt. Es gilt nicht nur vieles zu verbessern, sondern auch alles bisher Erreichte permanent zu verteidigen.


Sebastian Weissenbacher ist bildender Künstler und war von 1999 bis 2002 Vorsitzender der IG Bildende Kunst.


Links:

www.europeanconventionofvisualarts.eu
http://ec.europa.eu/culture/index_en.htm
www.adagp.fr
www.artquest.org.uk