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Was ist immaterielle Arbeit?

Klaus Neundlinger

Jeder Gegenstand der Erfahrung ist ein Produkt. Er wird durch Akte der Leiblichkeit und des Bewusstseins hervorgebracht. Gegenständliche Erfahrung, ob sie nun mit sinnlich erfassbarer Wirklichkeit oder logischen Formen, ob mit nachvollziehbaren Tatsachen und Umständen oder mit Erzeugnissen der Einbildungskraft zu tun hat, verweist also immer auf ihre eigene Hervorbringung, auf die Leistungen eines teils monadisch agierenden, teils kommunikativ handelnden, teils individuell abtrennbaren, teils kollektiven, in der Leiblichkeit fundierten Bewusstseins.

Die immaterielle Arbeit führt uns also – wie die materielle – auf ein Vermögen zurück, auf unsere eben beschriebene Fähigkeit, erkennend und handelnd Objekte sinnlicher oder geistiger Natur hervorzubringen. Der Unterschied zwischen leiblich-geistiger Tätigkeit schlechthin (also der Erfahrung) und Arbeit liegt darin, dass letztere ihre Gegenstände nicht einfach so erzeugt, sondern sie mit Werten versieht. Nehmen wir eine allgemeine Definition von Arbeitskraft her und fragen uns, wo sich in dieser Passage die immaterielle Arbeit verbergen könnte: „Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert.“[1] Aus dieser Definition können wir zunächst einmal folgenden, allgemeinen Schluss ziehen: Man kann die materielle von der immateriellen Arbeit nicht trennen, wenn man sich auf das Vermögen und auf die Akte bezieht, die jedem hervorgebrachten Wert zugrunde liegen. Arbeit als Ereignis, als Vollzug, spielt sich in der räumlichzeitlichen Wirklichkeit ab, so wie es undenkbar ist, dass in eine Handlung keine physisch ungreifbare analytische, logische, diese Wirklichkeit ordnende Tätigkeit eingeht. Arbeit besteht immer in der Verausgabung physischer und psychischer Energie. Wir sind immer beides, leibliches und geistiges Vermögen, und ebenso ist jede Umsetzung dieses Vermögens in konkrete Akte sowohl mit geistigem als auch mit leiblichem Aufwand verbunden. Wir sind von der materiellen Wirklichkeit und von der geistigen Welt affiziert und gestalten diese Wirklichkeit nach physischen wie psychischen Interessen, Bedürfnissen, Zwecken und Begriffen.

Es ist dennoch nicht ganz verkehrt, von immaterieller oder materieller Arbeit zu sprechen, wenn man damit die Werte meint, die jeweils hergestellt werden. Es besteht natürlich ein Unterschied zwischen materiellen und immateriellen Produkten, je nachdem ob jemand Lebensmittel, ein Möbelstück, Kleidung bzw. ein technisches Gerät herstellt oder ob er oder sie einen Plan entwirft, ein Konzept erstellt, eine Beratungsleistung erbringt bzw. eine Werbekampagne entwickelt. Dennoch, auch an diesen wenigen aufgelisteten Beispielen sieht man, dass sich das Materielle und das Immaterielle nicht trennen lassen. In Möbel- und Kleidungsstücke geht Designarbeit ein, genauso wie eine Beratungsleistung ein räumlich-zeitliches Setting voraussetzt und eine Werbekam- pagne ohne die sinnliche Dimension der verwendeten Zeichen nicht auskommt. Die durch das Arbeitsvermögen erzeugten Differenzen (eine Variante im Design, ein neuer Geschmack, eine neue Kombination von Zeichen und Inhalten), die sich in Gebrauchswerte verwandeln, sind nichts anderes als die über die Sinnlichkeit vermittelten ordnenden Eingriffe in die Welt, die wir vor uns haben. Auf der anderen Seite, auf der Seite des Konsums, haben wir ebenfalls nicht nur die sinnliche Wahrnehmung oder die Integration einer materiellen Wirklichkeit in Stoffwechselprozesse, sondern eben auch eine immaterielle Arbeit der Dechiffrierung, des Genusses und der Bewertung von Produkten und Leistungen. Immaterielle Werte unterscheiden sich von materiellen dadurch, dass sie nicht „aufgebraucht“ werden. Oder besser, sie nutzen sich nicht auf dieselbe Weise ab, wie dies bei einem Lebensmittel, einem Möbelstück oder einem Gerät der Fall ist. Immaterielle Werte sind dennoch nicht für die Ewigkeit geschaffen, sondern hängen von zeit-, orts- und kontextbezogener symbolischer Produktion ab. Diese symbolische Produktion entscheidet über Konsumpräferenzen, Moden, Stile, „populäres“ Wissen, die Stellung von ExpertInnen innerhalb des Produktions- und Konsumtionsprozesses usw. Man denke nur an die Ausdifferenzierung des Gesundheitsbereichs mit all den neuen alternativen Heilmethoden, Wellnessangeboten und Beratungsleistungen, aber natürlich auch an die Musik- und Kleidungskultur, innerhalb deren sich ständig eine Unzahl von Präferenzen und Zugehörigkeiten ausbreitet, ablöst, gegenseitig bekämpft oder zusammenschließt. All diese Konsumformen sind Teil einer erweiterten Kette, eines Netzes der Wertbildung, das zwar nicht an den materiellen Verbrauch und seine Zyklen gebunden ist, aber auch seine zeitlichen Rhythmen, räumlichen Strukturen und symbolischen Orientierungen aufweist.

Wissen, der paradigmatische Fall eines immateriellen Wertes, verfügt über einige Eigenschaften, die es von einer Ware im Verständnis der klassischen Ökonomie unterscheiden. Es ist als Ressource (1) nicht knapp, weil sein Gebrauch prinzipiell mehreren NutzerInnen gleichzeitig zugänglich ist; es ist (2) keine im materiellen Sinne teilbare Ressource, denn wenn es einmal hergestellt ist, kann man seine Kosten und Erträge nicht im Sinne der (Re-)Produktion einer bestimmbaren Stückzahl (wie etwa bei einem Auto) kalkulieren. Es folgt einer Logik, die für den kapitalistischen Verwertungszyklus problematisch ist, weil aus dessen Sicht die ursprüngliche Herstellung von Wissen hohe Kosten verlangt, seine Reproduktion und Verbreitung jedoch schlecht kontrolliert werden können. Dies ist unter anderem deshalb so, weil (3) niemand prinzipiell vom Gebrauch des Wissens ausgeschlossen werden kann. Jeder und jede könnte es lernen und es sich auf diese Weise aneignen. Schließlich ist Wissen (4) nicht auf eine rein instrumentelle Dimension reduzierbar, es ist nicht einfach nur Mittel und Gebrauchswert, sondern eben auch Zweck und stiftet unter Umständen kulturelle, soziale Identität, Zugehörigkeit zu einer Produktions- oder Konsumgemeinschaft. Wissen ist eine Ressource, die auf lebendige Reflexion angewiesen ist, auf Arbeit, die das Produkt selbst beständig verändert.[2]

Es wäre falsch, diese Eigenschaften auf bestimmte Formen des Wissens und damit auf bestimmte Sektoren der Ökonomie beschränken zu wollen. Immaterielle Arbeit wird nicht nur von ITExpertInnen, WissenschaftlerInnen, JournalistInnen, Kreativen, Konzept-KünstlerInnen usw. geleistet. Warum sollen Pflegearbeit, die Organisation des Haushaltes oder die Betreuung von Kindern keine immaterielle Arbeit sein? Man macht sich darüber hinaus ein falsches Bild von der Organisation der industriellen Fertigung, wenn man davon ausgeht, dass in den Fabriken immer noch ausschließlich unqualifizierte, manuelle, entfremdete Tätigkeit ver richtet wird. Auch am Fließband hat die Arbeitsorganisation den Wert der Kommunikation entdeckt und versucht, das implizite Wissen und die reflexiven Fähigkeiten der ArbeiterInnen in den Produktionsprozess einzubinden.[3] Die tayloristische hierarchische Organisation der Kette ist dem Prinzip der Arbeits-Gruppe gewichen, innerhalb deren sich die ArbeiterInnen austauschen können. Sie setzen ihre kommunikativen Fähigkeiten ein, um sich Handlungsspielräume zu erobern, um Verbesserungsvorschläge einzubringen und um sich höher zu qualifizieren. Dies ist durchaus im Interesse des kapitalistischen Entwicklungsprozesses, denn andernfalls wären die komplexeren Anforderungen einer über viele Stationen hinweg organisierten Wertschöpfungskette gar nicht zu meistern. Damit tun sich aber auch neue Möglichkeiten des Widerstandes innerhalb der Produktion, neue Dimensionen der Produktionsmacht auf, die organisiert werden müssen.

Wir haben es also nicht nur in einigen, sondern in allen Bereichen mit einem neuen Organisationsmodell zu tun, insofern die Arbeitskräfte aufgerufen sind, ihre Tätigkeit selbst zu organisieren, auf die Bedingungen der Hervorbringung ihrer Aktivitäten zu reflektieren. Wesentliche Fragen hinsichtlich des Konfliktes zwischen Arbeit und Kapital stellen sich dadurch auf völlig neue Weise. Neue Gesichter der Arbeit treten auf den Plan, man spricht von symbolischer Produktion, immaterieller Wertschöpfung oder affektiver Arbeit. Darunter sind, wie gesagt, nicht nur konkrete Arten von Tätigkeit zu verstehen (etwa die Gestaltung einer Homepage, eine Beratungsleistung im Sozialbereich oder die Tätigkeit einer Pflegerin oder eines Kindergärtners). Vielmehr handelt es sich darum, den Kontext zu bestimmen, in dem diese immateriellen, symbolischen, affektiven Aspekte des menschlichen Tätig - seins entweder sichtbar werden oder eben in die Unsichtbarkeit gedrängt werden. So ist Erziehungsarbeit eigentlich ein paradigmatischer Fall von „immaterieller Wertbildung“ in Kombination mit „affektiver Arbeit“. In dieser Arbeit werden Verhaltensformen vermittelt, die durch den Wachstumsprozess des Kindes und dessen Handlungen ständig auf die Probe gestellt werden, was reflexive Prozesse in Gang setzt. Die Kinder handeln, und ihr Handeln löst bei den Eltern Reaktionen und Bewertungen aus, jedoch nicht gemäß starr vorgegebenen Regeln, sondern in einem dynamischen Austauschprozess, der ständig Neues hervorbringt, über das Reflektieren, Vergleichen, Ausprobieren usw. In diesen Prozess fließen jedoch nicht nur bewusste, reflektierte Handlungen ein, sondern auch die kollektive, zum Teil unbewusste Tätigkeit des Erzeugens und Erhaltens von Normen und Einstellungen, die noch dazu einem Prozess der sozialen Differenzierung unterliegt

Dennoch findet vieles, was in diesem Bereich geleistet wird, außerhalb der bezahlten Arbeit statt und wird vor allem von Frauen geleistet, denen dadurch auf dem Arbeitsmarkt Nachteile entstehen. Auf all diese im Prozess der Erziehung hervorgebrachten Leistungen greift die so genannte Wissensgesellschaft jedoch zurück, wenn sie von den Arbeitskräften bestimmte Fertigkeiten, Kompetenzen und Einstellungen verlangt. Sie muss dies in umso größerem Maße tun, als sie, wie gesagt, auf einem Organisationsmodell basiert, in dem es um das selbstständige Übernehmen und Ausführen von Aufgaben geht.

Will man den Begriff der „immateriellen Arbeit“ also produktiv verwenden, so genügt es wohl nicht, in allgemeiner Weise auf das Widerstandspotenzial der unter diesem Ausdruck subsumierten Tätigkeiten hinzuweisen. Es gilt vielmehr, genau zu bestimmen, was mit dem Begriff „Arbeit“ in diesem Zusammenhang gemeint ist, in welche Prozesse diese Arbeit überhaupt einfließt, auf welche Weise sie dies tut und welche inneren Konflikte der Begriff selbst verdeckt, insofern er sich sowohl auf Tätigkeiten bezieht, die eine zentrale Stellung im Produktionsprozess einnehmen, als auch auf solche, die in den Bereich der „Reproduktion“ oder der schlecht bezahlten und wenig abgesicherten Pflege-, Erziehungsund Betreuungsarbeit verbannt werden.

Künstlerische Tätigkeit könnte eine Menge zu solchen Reflexionsprozessen beitragen. Sie müsste sich die Frage stellen, auf welche Weise Kontexte immateriellen Tätigseins mit künstlerischen Mitteln und Aktionsformen erforscht werden können, welche Art von „partizipatorischer Forschung“ sich entwickeln ließe, um die Spur jener Orte, Zeiten, Stoffe und Zeichen zu verfolgen, die die so genannte immaterielle Wertbildung stets ausfüllt, besetzt, verwendet, verändert und hinterlässt. Die große Herausforderung eines solchen Unterfangens bestünde gerade darin, dieses weder zu einer Selbstausschaltung des ästhetischen Prozesses zugunsten eines reinen politischen Aktivismus noch zu einer sich im eigenen Erfahrungsraum verfangenden Spiegelung des künstlerischen Selbst geraten zu lassen.


Klaus Neundlinger lebt als Philosoph, Übersetzer und Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in Wien.


[1] K. Marx: Das Kapital. Erster Band. MEW Band 23. Berlin: Dietz 1975, S. 181.

[2] Diese vier Kriterien stammen von E. Rullani: Economia della conoscenza. Creatività e valore nel capitalismo delle reti. Roma: Carocci 2004, S. 291ff.

[3] P. Zarifian: Travail et communication. Essai sociologique sur le travail dans la grande entreprise industrielle. Paris: P.U.F. 1996.