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Freiheit und Prekarität

Vernetzungstag und Symposium. Ein Bericht.

Daniela Koweindl

SI.SI. Klockers Dokumentarfilm Die Frau, die Arbeit, die Kunst und das Geld war nicht nur Teil des Programms der Veranstaltung Freiheit und Prekarität, die am 21. und 22. November 2008 in Linz stattfand, sondern steckt mit seinem Titel auch in etwa den Rahmen ab, innerhalb dessen unterschiedlichste Fragen rund um Freiheit und Prekarität zwei Tage lang (gegliedert in einen Vernetzungstag und ein Symposium) verhandelt wurden. Der Vernetzungstag stand in der Kontinuität der Vernetzungstreffen kunstund kulturschaffender Frauen, das Symposium führte die Symposienreihe des Verbandes feministischer Wissenschafterinnen fort.

Kunst und Wissenschaft: prekär arbeiten, prekär leben

Den Auftakt am Vernetzungstag bestritten Petja Dimitrova und Roswitha Kröll mit Projektpräsentationen. Während Petja Dimitrova den Fokus auf die Prekarisierung von Leben ohne EU/EWR-Pass legte, standen bei Roswitha Kröll prekäre Arbeitsverhältnisse im Mittelpunkt. Ihren Vortrag mit dem Titel Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen begann Petja Dimitrova mit einem kurzen Aufriss vorherrschender Migrationspolitiken seit den 1960er Jahren und erläuterte anschließend die aktuellen rechtlichen Möglichkeiten von Künstler*innen und Wissenschafter*innen ohne EU/EWRPass in Österreich zu leben. Dass diese Prekarisierungsprozesse bereits mit dem Studium beginnen und dort auch Eingang in die (künstlerische) Auseinandersetzung finden, zeigte sie anhand von drei künstlerischen Arbeiten von Studierenden exemplarisch auf. Kunstuniversitäten spielten auch in dem von Roswitha Kröll vorgestellten Projekt flexible@ art eine Rolle: Von der Kunstuniversität Linz mit Projektpartner*innen durchgeführt, beschäftigte sich das mehrjährige transdisziplinäre Forschungsprojekt mit „Prekarisierungs- und Flexibilisierungstendenzen im kulturellen, künstlerischen Sektor und darüber hinaus“. Mit einer Präsentation von verschiedenen Arbeiten, die auch im Rahmen einer Ausstellung von flexible@art zu sehen waren oder dem für die Kulturhauptstadt Linz 09 eingereichten, aber abgelehnten Projekt Galerie der Siegerinnen zeigte Roswitha Kröll zudem Beispiele künstlerischer Auseinandersetzung mit den (eigenen) Arbeitsbedingungen in Kunst und Kultur. Anschließend stand ein Open Space auf dem Programm. Im Sinne des Vernetzungsgedankens sollte damit der Rahmen für einen Austausch zu bestimmten Aspekten im Kontext von Freiheit und Prekarität geschaffen wer- den. Open Space ist ein nichthierarchisches, inhaltlich und formal offenes Verfahren für größere Gruppen, das nach dem Kernprinzip der Selbstorganisation konzipiert ist. Dabei haben alle Anwesenden zunächst die Möglichkeit, wichtige Anliegen, Themen oder Fragen zu nennen, um sich anschließend in Kleingruppen damit zu befassen. Am Ende werden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen in einem Schlussplenum zusammengeführt. Somit lag es an den Teilnehmerinnen, den weiteren Verlauf des Tages inhaltlich selbst zu gestalten. Aus den eingebrachten Themen entstanden schließlich vier Arbeitsgruppen.

Wie lässt sich symbolisches Kapital umverteilen?

Von Kapitalbegriffen im Kontext künstlerischer Produktion ausgehend, setze sich die Arbeitsgruppe zu Kapitalien mit Machtstrukturen im Zusammenhang mit – sozialem, kulturellem, ökonomischen, geistigem – Kapital auseinander. Wie etwa ließe sich symbolisches Kapital umverteilen? Wie setze ich meine einmal erarbeitete Macht ein? Wo beginnt die Selbstausbeutung? Für mögliche Strategien einer „Gegenumverteilung“ sollten Allianzen und Netzwerke geschaffen werden. Dass hierbei aber auch (etwa in Bezug auf mächtigere Partner*innen in einer Allianz) Gefahren bestehen, hielt wiederum die Allianzen-Arbeitsgruppe fest. Doch auch angesichts der Schwierigkeit strategische Zusammenschlüsse aufzubauen und aufrecht zu erhalten, resümierte die Allianzen- Arbeitsgruppe letztlich mit einem Plädoyer zweifellos für Allianzen – jedenfalls solange die eigenen Ziele damit erreicht werden. An Plädoyers und Forderungen mangelte es auch nicht in der Arbeitsgruppe zu Verweigerung: Um Verweigerung einfacher zu gestalten, muss ein tool kit her! Watchlists ausbeuterischer Auftraggeber*innen erstellen, Infos über erhaltene Honorare austauschen, Offenlegung von Gesamt- bzw. Projektbudgets einfordern und in Relation zu (Künstler*innen-)Honoraren stellen, nicht die „Alibi-/Quotenfrau“ in von Männern dominierten Kontexten spielen, nicht-geschlechtergerechte Sprache ablehnen, … und viele andere Vorschläge mehr wurden gesammelt. Wichtiger Faktor dabei: Solidaritäten – im Austausch von Wissen und Erfahrungen sowie in der Verweigerung! Den Stellenwert von Solidaritäten strich auch die Arbeitsgruppe Galerie der Siegerinnen hervor. Gerade durch Vereinzelung im prekären Arbeitsleben, müsse „schamlose Sichtbarkeit“ statt „schamhaftem Verstecken“ gelten, um strukturelle Probleme aufzuzeigen. Als ein möglicher Ausweg aus dem ökonomisch prekären Leben wurde ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert und die Frage gestellt: Welche Folgen hätte das?

In Freiheit tätig sein

Angenommen, fragte Elfie Resch (in ihrem Doppelvortrag mit Juliane Alton zum Thema Grundeinkommen) das Publikum, Sie hätten 1 500 Euro monatlich zur Verfügung: Wie würden Sie Ihr Leben gestalten? So startete das Symposium Freiheit und Prekarität am zweiten Veranstaltungstag mit individuellen Utopien vom Leben ohne ökonomische Sorgen. Wie ein bedingungsloses und Existenz si- cherndes Grundeinkommen aussehen könnte erläuterten die Referentinnen nicht ohne Umverteilungsnotwendigkeiten von reproduktiver Arbeit anzusprechen. Juliane Alton verwies dabei auf die Vier-in-Einem-Perspektive von Frigga Haug zur gerechten Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen. Nicht nur unzureichend Geld, auch der „falsche“ Pass bedeutet Einschränkungen und Ausschlüsse. In ihrem Vortrag Bewegungsfreiheiten, Frauenmigration und Utopie setzte sich Luzenir Caixeta mit Perspektiven auf Frauenmigration auseinander. Sie konzentrierte sich dabei auf eine Befreiungslogik im Gegensatz zu einer Ausgrenzungslogik. Während Freiheit, Mobilität und Flexibilität einerseits positiv besetzt sind, ist diese Sichtweise auf eine Bewegungsrichtung beschränkt: Mobilität ist vom Norden in den Süden erlaubt (früher durch Kolonialismus, heute durch Tourismus, auch Sex- Tourismus), so Luzenir Caixeta, in die andere Richtung hingegen ist Migration sehr begrenzt und wird ebenso stark kontrolliert. Gerade Frauen, die migrieren und in der Sexarbeit tätig sind, werden oftmals in die Opferrolle gedrängt. Migration als selbstbestimmter emanzipatorischer Akt wird hierbei allzu oft ausgeblendet, sofort tritt der Verdacht von Menschenhandel auf.

Bleibe reicht für alle!

Die zweite Hälfte des Symposiumtages stand für Workshops zur Verfügung. Jo Schmeiser zeigte in ihrem Workshop Prekarität und Freiheit der Wahrnehmung – Sabotage/ n und Utopie/n für eine egalitäre Gesellschaft den Film working on it (2008) von Karin Michalski und Sabina Baumann. In der anschließenden Diskussion dominierte die Migrant*innen so oft gestellte Frage „Woher kommst du?“ die Auseinandersetzung. Was daran rassistisch ist? Dass die Frage aufgrund von Aussehen, Sprache oder Namen überhaupt erst gestellt wird; der implizierte Verweis auf ein Nicht-Hierher-Gehören; usw. usf. Viele Gründe wurden aufgelistet und Widerstand formuliert, als Angehörige einer Minderheit nicht immer wieder diese (unbezahlte) Aufklärungsarbeit zu leisten. Im Workshop Prekäre Freiheit – Paradox des Begehrens, Normativität, Migration, Bett und Widerstand fragten Tania Araujo und Galia Stadlbauer-Baeva die Teilnehmerinnen nach ihren Begehren in der momentanen Situation. Es folgte eine Auseinandersetzung mit Zusammenhängen von Prekarität und Begehren. Schreiben im Handstand war der Titel des Workshops von Marty Huber zur „Manifestierung von Ideen der Tagung in Pamphletform“. Entstanden sind sechs Grundsatzforderungen wie etwa: „Bleibe reicht für alle“ oder „(Reproduktive) Arbeit muss gerecht verteilt werden“.

Individuell und kollektiv: prekär weiterkämpfen

Das Abschlussplenum war Feedback und Zukunftsüberlegungen gewidmet. Wann wird es ein nächstes Vernetzungstreffen, ein nächstes Symposium geben? Wie lässt sich mit den Ergebnissen aus dem Open Space und den Workshops kollektiv weiterarbeiten? Für das individuelle Handeln gibt es bereits sehr konkrete Vorschläge aus den zwei Tagen intensiver Auseinandersetzung mitzunehmen. Zur gemeinsamen Weiterarbeit wird die Frauen-Vernetzungs-Mailingliste dienen. Am 8. März 2009 erscheint eine PDF-Publikation mit Texten von Referentinnen der Veranstaltung.


Daniela Koweindl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst und hat als Teil der Arbeitsgruppe Freiheit und Prekarität an der Konzeption und Organisation der Veranstaltung mitgearbeitet.


www.frauenkultur.at/linz2008